25.10.2004 · Erdbeben, Taifune und Flutwellen: Mit einem milliardenschweren Nachtragshaushalt will die japanische Regierung die enormen wirtschaftlichen Schäden in den Griff bekommen.
Erdbeben, Taifune und Flutwellen: Die Regierung Japans zeigt sich vor dem Hintergrund der letzten schweren Naturkatastrophen entschlossen, einen milliardenschweren Nachtragshaushalt aufzulegen. Damit will sie die enormen wirtschaftlichen Schäden in den Griff bekommen. Allein die in diesem Jahr über das Inselreich hinweggefegten zehn Wirbelstürme hatten Zerstörungen im Wert von einer Billion Yen (7,5 Milliarden Euro) verursacht. Die Serie schwerer Erdbeben vom Wochenende in der Region um die Hafenstadt Niigata wird diesen Kostenblock weiter in die Höhe treiben. Bisher seien diese Schäden noch nicht zu beziffern, hieß es seitens der Regierung am Montag. Allerdings könnten sie leicht die Grenze von einer Milliarde Euro überschreiten.
"Wir werden für den Wiederaufbau das notwendige Budget bereitstellen", sagte Premierminister Junichiro Koizumi. Es könnte auf der regulären Sitzung des Parlaments im Januar verabschiedet werden. Bis dahin werden die notwendigen Finanzmittel aus entsprechenden Notkonten entnommen. Zwei Dutzend Tote und 2100 teilweise schwer Verletzte waren das Ergebnis der Erdstöße mit einer maximalen Stärke von 6,8 auf der Richterskala am Samstag; zudem wurden knapp 60 Kommunen von der Außenwelt abgeschnitten. Rettungstrupps konnten oft nur mit Hilfe von Hubschraubern in die betroffenen Gebiete vordringen. In mehreren Kleinstädten waren Hunderte von Häusern zusammengebrochen. Darüber hinaus wurden Straßen, Brücken, Eisenbahn, Strom-, Gas- und Energieversorgungsanlagen zerstört oder schwer beschädigt.
Börse spürt das Beben
Das Erdbeben schickte am Montag die Aktienkurse an der Tokioter Börse auf Talfahrt. Während die Werte einiger Baufirmen wie Ueki und Fukuda zulegten, standen die Aktien von Dienstleistungsunternehmen aus der betroffenen Region auf den Verkaufszetteln der Händler. Kein Wunder, mußten doch Regionalbanken, Einzelhändler und Logistikunternehmen ihren Betrieb teilweise einstellen. Besonders unter Druck geriet die Aktie der Eisenbahngesellschaft JR East. Einer der Shinkansen-Schnellzüge des Unternehmens war während des Bebens auf der Fahrt nach Niigata entgleist. Dabei war keiner der 155 Passagiere verletzt worden. Es war die erste Entgleisung eines Shinkansen seit der Inbetriebnahme der ersten japanischen Schnellzuggeneration vor vierzig Jahren. Dabei investiert JR East jährlich eine dreiviertel Milliarde Euro in sein Sicherheits- und Frühwarnsystem. Die Aktie verlor zum Wochenauftakt nahezu 2Prozent.
"Verlieren Sie die Hoffnung nicht"
Weiterer Schaden für die Region droht nach Angaben der Behörden durch das immer neue Abrutschen gewaltiger Berghänge. Über das Gebiet von Niigata sind im bisherigen Jahresverlauf ein halbes Dutzend regenreicher Taifune hinweggebraust. Das hatte allein im Juli 15 Menschen das Leben gekostet. Dabei waren mehr als 25.000 Haushalte von heftigen Regenfällen betroffen. So stand die Stadt Nakanoshima zu zwei Dritteln unter Wasser. In Sanjyo sah es nicht besser aus. Premierminister Junichiro Koizumi hatte bei einem seiner Auftritte vor den Bewohnern der Stadt damals gesagt: "Verlieren Sie die Hoffnung nicht." Allerdings haben die teilweise heftigen Unwetter der vergangenen Wochen und Monate zahlreiche Berghänge durchweicht. Nun reichen bereits kleinste Erderschütterungen aus, um die Hänge in Gestalt von tonnenschweren Schlammlawinen ins Rutschen zu bringen.
Das Beben vom Samstag wird von den staatlichen Erdbebenforschern als eines der schwersten der vergangenen Jahrzehnte beschrieben. Zwar sei seine maximale Stärke von 6,8 für Japan nichts Ungewöhnliches. Doch die horizontalen Schwingungen breiteten sich doppelt so schnell aus wie etwa bei dem großen Erdbeben in Kobe im Januar 1995. Damals waren in der westjapanischen Hafenmetropole 6400 Menschen durch ein Beben der Stärke 7,8 getötet worden. Im vergangenen Jahr hatte es vor der nördlichen Insel Hokkaido ein Seebeben der Stärke 8,0 gegeben. Die dem Pazifik zugewandte Ostküste Japans gilt mit ihren Millionenmetropolen Tokio, Nagoya, Osaka und Kyoto als besonders erdbebengefährdet. Dagegen wurde Niigata an der Westküste bislang als relativ sicher beschrieben. Dort war es zuletzt im Jahr 1828 zu einem schwereren Beben gekommen. Damals waren mehr als 1400 Menschen getötet worden. Wissenschaftler veranschlagen das Beben als nicht viel stärker als das vom Samstag.
Japan geht an seine Staatsreserven
Nun hatte die Regierung unmittelbar nach den ersten schweren Erschütterungen Rettungs- und Aufräumtrupps in die betroffenen Gebiete geschickt. Allerdings wurden die Arbeiten auch am Montag immer wieder von Nachbeben behindert. Mit Stärken von mehr als 5 waren sie auch noch im knapp 200 Kilometer entfernten Tokio zu spüren. Daher verbrachten Zehntausende Menschen die zurückliegenden Nächte unter freiem Himmel. Mittlerweile sind knapp 100000 Menschen evakuiert worden. Die Tokioter Zentralregierung hat bereits auf Teile der Staatsreserven zurückgreifen müssen, um die Ernährung der Evakuierten sicherzustellen. So wurden bislang mehrere Tonnen Reis in die Region geflogen und über die intakt gebliebene Infrastruktur des lokalen Kleinhandels an die Bedürftigen verteilt.
Energieunternehmen sind landesweit durch die Regierung aufgefordert worden, den Wiederaufbau der Grundlagenversorgung in und um Niigata zu unterstützen. Erdbebensichere Hotels waren noch am Sonntag zu Krankenhäusern umfunktioniert worden. Telefongesellschaften hielten ihre Leitungen für die Kommunikation der Rettungskräfte frei. "Wir werden die Lebensadern der Region so schnell wie möglich wieder zum Leben erwecken", sagte der für die Infrastruktur zuständige Minister Kazuo Kitagawa. Darüber hinaus werde für schwer geschädigte mittelständische Unternehmen gerade ein staatliches Kreditprogramm erarbeitet. Der genaue Umfang des Sonderhaushalts sei noch nicht festgesetzt, erklärte Finanzminister Sadakazu Tanigaki. Er werde aber der Lage angemessen sein.
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