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Eon-Chef Bernotat im Interview „Von Preistreiberei und Abzocke kann keine Rede sein“

10.09.2004 ·  Wulf Bernotat, Vorstandsvorsitzender der Eon AG, wehrt sich gegen eine emotional geführte Debatte um die Strompreise - und gegen falsche Argumente. „Wenn jetzt Preise steigen, ist das noch lange kein Beleg für nachlassenden Wettbewerb.“

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Wulf Bernotat, Vorstandsvorsitzender der Eon AG, will die Diskussion um die Strompreise versachlichen und hofft auf eine schnelle Prüfung durch das Bundeskartellamt. „Wenn jetzt Preise steigen, ist das noch lange kein Beleg für nachlassenden Wettbewerb“, sagt er.

Der Strompreis ist zu einem aktuellen Reizthema geworden. Die Industrie, Verbraucherverbände und Politiker bis hin zum Finanzminister werfen den Energiekonzernen Preistreiberei und Abzocke vor. Zu Recht?

Nein, von Preistreiberei und Abzocke kann keine Rede sein. Schon diese Begriffe zeigen, wie emotional diese Diskussion geführt wird. Aber nicht nur das: Da wird bisweilen mit schlichtweg falschen Behauptungen gearbeitet. So erzählt eine Verbraucherschützerin seit Wochen, die deutschen Stromkunden würden jährlich 5 Milliarden Euro zu viel zahlen - sagt aber nicht, wie das berechnet wurde. Fest steht: Unsere Kosten sind bei Strom und Gas deutlich gestiegen. Und das ist eindeutig belegbar. Insgesamt plädiere ich für mehr Sachlichkeit in dieser Diskussion.

Immerhin: Das Kartellamt hat eingehende Prüfungen der Strom- und Gaspreise angekündigt.

Ja, und die sollten jetzt auch schnell durchgeführt werden. Dann werden wir ja sehen, ob es etwas zu beanstanden gibt oder nicht. Im Gegensatz zu denen, die derzeit vorschnell urteilen, wird das Kartellamt ja Daten und Fakten bewerten.

Welche Aspekte sind da aus Ihrer Sicht entscheidend?

Die Preisentwicklung bei Strom und Gas wird von klar nachvollziehbaren Faktoren getrieben: Im wesentlichen sind das die drastisch gestiegenen Weltmarktpreise für Öl, Kohle und Gas sowie die gewachsenen staatlichen Belastungen.

Die Staatseingriffe führen die Energiekonzerne schon seit Jahren als Grund für hohe Preise an. Aber die jüngsten Erhöhungen lassen sich damit nicht begründen, oder?

Zum Teil schon, hier geht es ja nicht nur um die Energiesteuern. Das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz führt zu einem Ausbau hoch subventionierter Stromerzeugung. Der politisch gewollte Ausbau der Windkraft läßt zudem die Kosten für die notwendige Ausgleichsenergie ansteigen und erfordert zusätzliche Stromnetze. Das schlägt natürlich auf die Netzkosten und damit auf die Verbraucherpreise durch.

Das sieht nach Zündstoff für den angekündigten Energiegipfel aus. Werden Sie der Einladung folgen, und was erwarten Sie von dem Treffen?

Ein solcher Gipfel bietet die Chance, die Diskussion zu versachlichen. Sollten wir eine Einladung kriegen, nehmen wir teil.

Da wird es auch um Gas gehen. Hier stehen ebenfalls höhere Preise ins Haus. Begründet wird dies mit der Bindung an den spekulativ hochgetriebenen Ölpreis. Aber sogar der Bundeskartellamtschef Ulf Böge sieht die Koppelung der Gaspreise an die Entwicklung der Ölpreise als nicht mehr zeitgemäß. Wird es nicht Zeit, die inzwischen überholte Bindung an den Ölpreis abzuschaffen?

Als wir Anfang dieses Jahres die Gaspreise gesenkt haben, hat niemand diese Bindung in Frage gestellt. Das Prinzip wirkt eben in beide Richtungen. Gerade im Interesse der Verbraucher sollten wir an der Ölpreisbindung festhalten. Sie verhindert, daß wir als Gas-Importland in einseitige Abhängigkeit von den wenigen Förderländern geraten, die dann die Preise diktieren könnten. Im übrigen steigt der Gaspreis derzeit auch in Ländern ohne formale Ölpreisbindung deutlich an, zum Beispiel in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. So, wie beide Brennstoffe aus den gleichen Quellen kommen, verhalten sie sich auch im Markt "von Natur aus" sehr ähnlich.

Sie reden vom Markt - der designierte Energie-Regulierer Matthias Kurth kritisiert, daß der Wettbewerb stark nachgelassen hat. Auch Jürgen Basedow, der Chef der Monopolkommission, verdächtigt die Energiekonzerne, ihre Marktmacht zu mißbrauchen. Die vier großen Stromkonzerne RWE, Eon, Vattenfall und ENBW wollten seit der Liberalisierung des Marktes ihre Gebietsmonopole wiederherstellen. Wie stehen Sie zu solchen Vorwürfen anerkannter Fachleute?

Moment mal! Im deutschen Strommarkt sind mehr als 900 Unternehmen aktiv. Insbesondere die Verbändevereinbarungen haben zu funktionierendem Wettbewerb geführt. Das hat auch der Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministers im letzten Herbst bestätigt. Wenn jetzt Preise steigen, ist das noch lange kein Beleg für nachlassenden Wettbewerb. Denn die Großhandelspreise bilden sich an Börsen - wie bei anderen Rohstoffen. Und auch da gibt es zur Zeit Ausschläge nach oben.

Gut und schön - aber gebracht hat die Strommarktliberalisierung nicht viel. In der Telekommunikation hat die Liberalisierung für einen Preisrutsch gesorgt. Dagegen liegen die Strompreise für weite Teile der Wirtschaft und für alle Haushalte deutlich über dem Ausgangspunkt im Jahr 1998.

Das stimmt doch einfach nicht. Nach der Liberalisierung sind die Strompreise drastisch gefallen. Manchmal so weit, daß bei Großkunden noch nicht einmal die Kosten erwirtschaftet wurden. Der durchschnittliche Preis einer Kilowattstunde für die Haushalte liegt derzeit mit gut 17 Cent wieder auf dem Niveau von 1998. Nur: Wir Energieversorger kriegen davon deutlich weniger, der Staat erheblich mehr - fast 7 Cent oder rund 40 Prozent.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Energieunternehmen nutzten jetzt noch die Gelegenheit, vor Inkrafttreten des neuen Energiewirtschaftsgesetzes schnell Gewinne zu sichern?

Auch hier zeigt sich, wie oberflächlich die Diskussion geführt wird. Bei den Verbraucherpreisen ändert sich durch das neue Energiewirtschaftsgesetz nämlich nichts. Die Strompreise für Haushaltskunden unterliegen schon lange der staatlichen Aufsicht. Preiserhöhungen müssen wir beantragen - da können wir gar nichts diktieren.

Die Energiekonzerne verdienen derzeit exzellent. An der Börse stehen sie hoch im Kurs. Wie paßt die Gewinnsituation mit dem Ruf nach erforderlichen Preiserhöhungen zusammen?

Wir achten darauf, eine ausgewogene Balance zwischen den Erwartungen unserer Aktionäre und unserer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung zu wahren. Die Aktionäre haben einen Anspruch auf eine angemessene Rendite. Dazu haben wir in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um Kosten zu senken und Effizienz zu steigern. Unsere Kunden wollen und werden wir dazu nicht übermäßig belasten, aber die Kosten für Primärenergie sind nun mal in die Höhe geschnellt. Und das müssen wir weitergeben. Wir stehen damit ja auch nicht alleine - in ganz Europa steigen die Großhandels- und Verbraucherpreise für Strom, zum Teil höher als bei uns.

Es wirkt aber nicht sonderlich geschickt, das ausgerechnet jetzt zu tun. Liefern die Energiekonzerne mit ihrer Preispolitik den Befürwortern einer verschärften Energieaufsicht derzeit nicht die besten Argumente?

Für wie töricht hält man uns eigentlich? Den Zeitpunkt haben wir uns doch nicht ausgesucht - den haben vor allem die kurzfristigen Entwicklungen an den Rohstoffmärkten bestimmt. Das hat überhaupt nichts mit politischem Kalkül zu tun. Regulierung und Netzaufsicht sind davon strikt zu trennen. Hier geht es um langfristige Rahmenbedingungen und vor allem um die Frage, ob es genügend Anreize für Investitionen in die Versorgungssicherheit gibt. Sonst könnten wir den hohen Standard, den Deutschland im internationalen Vergleich hat, nicht länger halten.

ENBW-Chef Utz Claassen plädiert für ein Modell, in dem sich die Netzentgelte nicht an den tatsächlichen Kosten, sondern an den Durchschnittskosten aller Marktanbieter orientieren. Dieses Verfahren soll Anreize setzen, die Kosten für die Durchleitung zu senken. Was halten Sie davon?

Die Orientierung an den Durchschnittskosten macht keinen Sinn. Es ist nun mal ein Unterschied, ob ich den Ballungsraum Stuttgart oder das dünnbesiedelte Mecklenburg-Vorpommern versorge. Solche Strukturunterschiede müssen berücksichtigt werden, wenn man über weitere Effizienzsteigerungen reden will.

Das Gespräch führte Brigitte Koch

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2004, Nr. 211 / Seite 18
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