Home
http://www.faz.net/-gqe-x5up
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Entwicklungsländer Mehr Hunger durch besseres Essen

10.04.2008 ·  Rund um den Globus schnellen die Preise für Lebensmittel in die Höhe. Die Produktion kann der Nachfrage nicht mehr folgen. Am härtesten trifft es Entwicklungs- und Schwellenländer.

Von Benedikt Fehr und Philip Plickert
Artikel Bilder (1) Video Lesermeinungen (1)

Rund um den Globus sind die Preise für Lebensmittel in den vergangenen eineinhalb Jahren gestiegen, zum Teil drastisch. Alle wichtigen Grundnahrungsmittel sind davon betroffen, am stärksten der Reis, der heute doppelt so viel kostet wie vor einem Jahr. Auch die Weltmarktpreise für Weizen, Mais, Milchprodukte und Öle steigen. Der von der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen berechnete Lebensmittelpreisindex lag im März um 57 Prozent höher als zwölf Monate zuvor. Verglichen mit dem Niveau der Jahre 1998 bis 2000, ist der Index auf mehr als den zweifachen Wert geklettert.

„Am härtesten trifft es die Armen in Entwicklungs- und Schwellenländern“, sagt Ken Ash, Direktor des Agrarreferats der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Reis ist das Hauptnahrungsmittel für fast die Hälfte der Weltbevölkerung. „Die meisten der großen Reisproduzenten, etwa China oder Indien, haben Ausfuhrbeschränkungen erlassen“, sagt Concepción Calpe von der FAO. „Das macht die Situation aber noch schlimmer, denn es verschärft die Knappheit auf dem Weltmarkt, worunter die ganz armen Importeure besonders leiden, etwa Bangladesch, die Philippinen oder viele afrikanische Länder.“

„Zum Teil auch ein spekulatives Element“

Kurzfristig ist der Preisanstieg auf geringe Ernten wegen schlechter Witterung zurückzuführen. Sinkende Lagerbestände für Reis, Weizen und andere Produkte haben die Spekulation auf dem Weltmarkt angeheizt. „Sicher gibt es zum Teil auch ein spekulatives Element beim jüngsten übertriebenen Preisanstieg, aber das hat eher einen kleinen Effekt“, sagt Calpe. „Der Hauptgrund für die Verteuerung vieler Lebensmittel ist die global steigende Nachfrage, mit der das Angebot derzeit nicht Schritt hält.“

Steigende Preise für Lebensmittel und Treibstoffe bedrohen Millionen Menschen in der Welt. Das UN-Welternährungsprogramm hat bereits mit den Folgen der Kostenexplosion zu kämpfen.

Drei Faktoren treiben die Nachfrage: das Bevölkerungswachstum, der zunehmende Wohlstand vieler Asiaten und ihr Wunsch nach höherwertigem Essen sowie der Einsatz von Agrarprodukten für Biotreibstoff. Die Weltbevölkerung wächst langsamer als früher, aber immer noch um gut ein Prozent jährlich, nach UN-Schätzungen um bis zu 75 Millionen Menschen. Allein daraus ergibt sich bis 2030 ein um 25 Prozent steigender Bedarf an Lebensmitteln. Zudem können sich immer mehr Menschen eine bessere Ernährung leisten. Die FAO-Statistik zeigt, wie der Fleischkonsum in den Schwellenländern steigt: In Brasilien hat er sich seit Mitte der achtziger Jahre verdoppelt, in China fast verdreifacht. Das treibt die Nachfrage nach Futtermitteln in die Höhe.

Umstritten ist der Einfluss der Biokraftstoffe auf die Nahrungsmittelpreise. Kritiker meinen, weil immer mehr landwirtschaftliche Produkte im Tank statt auf dem Teller landeten, müssten die Armen hungern. „Der aktuelle Preisanstieg für Reis oder Weizen ist davon noch kaum beeinflusst“, sagt Gernot Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. „In der Zukunft könnte es aber so sein.“

„Biosprit“ als Gefahr

In den Vereinigten Staaten werden schon fast sechs Prozent der Anbaufläche für Energiepflanzen, hauptsächlich Mais, belegt. Bis 2017 will die Regierung den Anteil der Biokraftstoffe auf 20 Prozent versechsfachen, die EU will von derzeit 0,7 Prozent bis 2020 auf zehn Prozent steigern. „Wenn der Ausbau nach diesen Plänen kommt, wird das die Preise für Lebensmittel deutlich hochtreiben, dann würde der Hunger in der Welt zunehmen“, warnt Klepper.

Um die wachsende Nachfrage zu befriedigen, müsste die Agrarproduktion jährlich etwa drei Prozent wachsen, schätzen Analysten der Bank Credit Suisse. Doch damit sei nicht zu rechnen. Zwar gibt es vor allem in Südamerika und Indonesien ein großes Potential, außerdem auch in Russland, Kasachstan und der Ukraine. Allein Brasilien hat so viel brachliegende fruchtbare Böden, dass es die globale Anbaufläche um sieben Prozent vergrößern könnte. Anderswo aber schrumpft die Anbaufläche wegen der Ausbreitung der Städte. In China gingen so seit zehn Jahren sechs Prozent der Agrarfläche verloren. Zudem verringern Erosion und falsche Bewirtschaftung vielerorts die Bodenqualität.

Da die Fläche nur begrenzt auszuweiten ist, müssten die Erträge je Hektar stark steigen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. „Es gibt noch viel Spielraum zur Steigerung der Produktion durch bessere Bewässerung und effizientere Agrartechnik“, sagt die FAO-Expertin Calpe. Auch neues Saatgut kann die Erträge verbessern. Doch kommt „maßgeschneidertes Saatgut“ wegen umweltpolitischer Bedenken und hoher Investitionskosten nur allmählich in Einsatz. Die Analysten der Credit Suisse bezweifeln, dass das Angebot mit der Nachfrage Schritt halten wird. Sie erwarten deshalb weiter steigende Agrarpreise. Ash ist optimistischer. Wenn sich die dürrebedingten Ernteausfälle verringerten, werde das Angebot ausreichen, hofft er. Zudem sollten die höheren Agrarpreise die Produktion anregen. „Mittelfristig dürften die Preise wieder fallen“, sagt er. „Die niedrigen Preise von früher werden wir aber wohl nicht mehr sehen.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Abschied ohne Schock

Von Holger Steltzner

Der griechische Staatspräsident hat sich in Rage geredet: Wolfgang Schäuble habe sein Land beleidigt. Was genau meint Papoulias damit? Mehr 3 52

16.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.751,96 −0,09%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.