05.09.2009 · Die Menschen sind empört. Sie halten die hohen Boni der Banker für unangemessen. Die Politik hat das längst verstanden und fordert verbindliche Regeln für die Entlohnung von Bankern. Aber was ist eigentlich wirklich fair?
Von Melanie Amann und Lisa NienhausDie Politik hat längst verstanden, was gut ankommt. Karl-Gerhard Eick tritt nach der Pleite als Chef von Arcandor ab und kassiert trotzdem 15 Millionen. Prompt ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Stelle. „Dafür habe ich absolut kein Verständnis“, sagt sie – und geißelt damit, dass Eick die vollen Bezüge für fünf Jahre erhält, obwohl er nur sechs Monate im Amt war.
Noch besser funktioniert der Reflex, wenn es um Banker geht oder – das Reizwort des Jahres – um deren Boni. Kaum ist das Bonusfieber in den Banken wieder ausgebrochen, spricht die Politik sogar offene Drohungen aus. In einem gemeinsamen Brief verlangen Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister Gordon Brown verbindliche Regeln für die Entlohnung von Bankern. Dabei bleiben sie keinesfalls gewohnt schwammig, sondern werden unangenehm deutlich. Sie fordern, eine weltweite Obergrenze für Boni zu prüfen. Auf dem Treffen der Finanzminister der G-20 an diesem Wochenende in London wird vor allem darüber geredet.
Volkes Stimme ist eindeutig: Schon 2007 hielten mehr als achtzig Prozent der Deutschen die hohen Verdienste von Managern für ungerecht. Heute sprechen sich mehr als 88 Prozent für die Radikallösung aus: Sie befürworten eine generelle Obergrenze für Manager-Gehälter. 81 Prozent sind zudem fest davon überzeugt, dass die Banken weitermachen wie bisher und nichts aus der Krise gelernt haben. 88 Prozent glauben, dass die kleinen Leute die Krise am Ende ausbaden, während die da oben längst wieder ihren Platz an der Sonne gefunden haben.
Angesichts solcher Mehrheiten fällt es schwer, die Wut der Bevölkerung auf die hohen Verdienste der Banker ausschließlich als Neid abzutun. Die grassierende Missgunst gegen manchen Besserverdiener mischt sich neuerdings mit dem Gefühl, dass in der Gesellschaft generell etwas schiefläuft. Dem Gefühl, dass es unfair zugeht.
Ein Wunsch nach Gleichverteilung hat fast jeder
Kein Wunder, dass die Diskussion um die Entlohnung von Bankern und Managern sich gedreht hat. Sie ist radikaler geworden, klarer. Ging es zu Anfang noch vor allem darum, wie man durch bessere Gehaltsstrukturen verhindern kann, dass Banker und Händler wieder exzessive Risiken eingehen, so sind die Fragen nun viel grundsätzlichere: Soll man Boni kappen oder sogar ganz abschaffen? Und: Sind die Wahnsinnsgehälter einiger Banker und Top-Manager überhaupt noch gerecht?
Was die Leute für fair halten, ist lange erforscht. Aus Experimenten wissen wir, dass fast jeder Mensch einen inneren Wunsch nach einer gewissen Gleichverteilung der Besitztümer innerhalb einer Gruppe hegt – auch wenn er für sich selbst am Ende gerne etwas mehr hätte als den Durchschnitt. Dass ein anderer jedoch viel mehr besitzt als üblich, ohne dass eine Leistung dafür erkennbar ist, passt den Menschen nicht. Anders sieht es aus, wenn eine erkennbare Leistung zu dem größeren Besitz geführt hat. Hier können sich Banker, Philosophen, Politiker und der Mann auf der Straße rasch einigen: Wer etwas leistet, soll dafür etwas bekommen. Die Frage lautet nur: Was ist Leistung? Und wie kann man sie messen?
Der Ökonom und FDP-Politiker Karl-Heinz Paqué ist überzeugt: „Die Menschen haben ein sehr gutes Gefühl dafür, was andere leisten.“ Noch nie habe es etwa eine große Diskussion über die Einkommen von Rockstars gegeben. „Da riecht die Öffentlichkeit, dass in diesem Beruf ein enormes Risiko steckt und eine große Begabung – und sie akzeptiert es beinahe lautlos.“ Bei Bankern und Managern sei das anders. Ökonomisch könne man deren hohes Gehalt zwar leicht erklären: „Es hängen ungeheure Kapitalwerte an ihren Entscheidungen.“ Doch für die Menschen sei das schon in gewöhnlichen Zeiten schwer begreifbar. Schlimmer wird es in Situationen, da es offensichtlich ist, dass die Betroffenen eben nicht alles richtig, sondern vieles falsch gemacht haben.
Zum Beispiel nach der Krise. Hier hat eine ganze Branche samt ihren Angestellten versagt, ohne für die Fehlleistung mit dauerhaft niedrigerem Gehalt oder großem Vermögensverlust bestraft zu werden. Im Gegenteil: Die Banker wurden gerettet vom Staat und Steuerzahler – um sich kurz darauf wieder Boni oder immense Gehälter auszuzahlen. Dass die Menschen diese Vorfälle als ungerecht empfinden, sehen sogar die Banker ein.
Unbeabsichtigte Nebenwirkung
Einer, der die Branche kennt, ist Alexander von Preen, Vergütungsberater, der in diesen Tagen nur zwischen dem Flieger aus Zürich und dem nächsten Kunden auf der Autobahn erreichbar ist. „Sehr verständlich“ fänden seine Kunden die Gerechtigkeitsdebatte, sagt der Geschäftsführer von Kienbaum. Aber Banker seien Individualisten. Gerecht sei für sie das Gehalt, das ihre eigene Leistung honoriere. „Ihre Wahrnehmung des Unternehmens als Ganzes ist bisweilen nicht so stark ausgeprägt“, sagt von Preen. Sprich: Wenn ich mir Mühe gegeben habe, aber – ohne mein direktes Zutun – meine Bank beinahe zusammenbricht, will ich deswegen nicht weniger verdienen.
Das ist verständlich, lässt aber beiseite, dass es für die Branche anders ausgegangen wäre, hätte der Staat die Banken pleitegehen lassen. Dann wären die guten Verdienste nämlich allesamt dahin.
Schuld an der Misere ist der Staat aber natürlich selbst. Er hat den natürlichen Bestrafungsmechanismus des Marktes – die Pleite – ausgeschaltet und die Banken gestützt, weil er etwas anderes retten wollte: die Gelder der Anleger, die ganze Wirtschaft. Nur hat er damit die Gehälter der Banker mitgerettet, auch wenn das gar nicht sein Ziel war.
Offenbar hat die Politik sich jetzt entschlossen, die unbeabsichtigten Nebenwirkungen ihrer Rettungsaktion zu korrigieren. Seit August gilt das „VorstAG“, das Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung. Da steht eigentlich schon fast alles drin: „Angemessen“ soll das Banker-Gehalt sein. Es darf sich nicht nur nach der Leistung des Einzelnen richten, sondern soll auch den (Miss-)Erfolg der ganzen Bank berücksichtigen. Boni sollen auf „mehrjähriger Bemessungsgrundlage“ basieren. Und wenn eine Vergütung der Führungsetage „unbillig“ vorkommt, sollen die Aufsichtsräte die Summen deckeln oder zurückfordern.
Diese Vorschriften sind jedoch so kompliziert, dass sie bisher weniger die Gehälter der Vorstände senken als jene der Vergütungsberater steigern. Will die Politik tatsächlich die absolute Höhe der Gehälter und Boni verändern, müsste sie weitreichendere Schritte ergreifen.
Das ist jedoch höchst problematisch. Denn aus ökonomischer Sicht sind Gehälter Preise, die auf dem Markt für Arbeitskräfte entstehen. Greift der Staat hier ein, etwa indem er die Boni deckelt, verzerrt das schnell die Anreize und kann mehr Unheil anrichten, als es Ungerechtigkeit beseitigt. Eine Gefahr ist etwa, dass die Top-Leute das Land einfach gen Schanghai oder Moskau verlassen.
Das Grundgesetz kennt kein Gerechtigkeitsgebot für Gehälter
Juristisch ist das Ganze noch heikler. Denn das Grundgesetz kennt kein Gerechtigkeitsgebot für Gehälter. In einem legalen Gewerbe darf jeder so viel verdienen, wie seine Vertragspartner ihm geben. Einen Bonus-Deckel hält Horst Dreier, Verfassungsrechtsprofessor an der Universität Würzburg, für kaum zu rechtfertigen. Es sei denn, dem Staat gelingt der Beweis, dass die absolute Höhe der Vergütung das Finanzsystem, den Steuerzahler oder den sozialen Frieden gefährdeten. Das ist zur Zeit trotz allen Unmuts nicht abzusehen.
Die staatliche Regulierung von Gehältern ist selbst dem Moralphilosophen Otfried Höffe suspekt. Vorher stelle sich die Frage, ob die Banker und Manager nicht vielleicht eine Art Berufsethos bräuchten, sagt er. Funktioniere das nicht, so seien die Aufsichtsräte und Aufsichtsbehörden gefragt, genauer hinzuschauen. „Deren Engagement habe ich in den vergangenen Monaten vermisst.“ Erst als Ultima Ratio sei der Gesetzgeber an der Reihe. Das scheinen die Politiker genauso zu sehen. Zur Zeit nutzen sie zwar ihr Drohpotential, doch vor allem appellieren sie damit an die Branche. „Die Bonus-Kultur muss zu einem Ende kommen“, sagt der schwedische Finanzminister. Jetzt sind die Banker dran.
Boni etc.
Holger Butenschön (butenschoen)
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Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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