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Energiewirtschaft Über Gasleitung durch die Ostsee wird erst 2005 entschieden

10.10.2003 ·  Eine Absichtserklärung ist unterzeichnet, aber noch fehlt der Markt für das Projekt. Zuerst müsse die Wirtschaftlichkeit der sechs Milliarden Euro teuren Leitung geprüft werden, sagte Eon-Vorstandsmitglied Bergmann.

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Die politischen Vorgaben vom russisch-deutschen Wirtschaftsgipfel im sibirischen Jekaterinburg an die Energiewirtschaft beider Länder sind am gleichen Tag in St. Petersburg unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten relativiert worden. Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder hatten in Jekaterinburg den Bau einer neuen Erdgaspipeline von Sibirien durch die Ostsee nach Ostdeutschland und die Modernisierung des bislang wichtigsten Transportsystems durch die Ukraine als vordringliche Aufgaben bezeichnet. Zudem haben am Rande dieses Gipfeltreffens Wulf Bernotat, der Vorstandsvorsitzende der Eon AG, und der Chef des größten russischen Stromversorgers RAO EES, Rossii, eine Absichtserklärung zum Bau eines etwa 500 Millionen Euro teuren Erdgaskraftwerkes rund 250 Kilometer südlich von Moskau unterzeichnet.

Auf lange Sicht könnte die Ostseepipeline ein weiterer Meilenstein in der seit langem gedeihlichen Zusammenarbeit der deutschen und russischen Gaswirtschaft werden. Das versicherten Gasprom-Vorstand Alexander Medvedev und Burckhard Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Ruhrgas und Mitglied im Eon-Vorstand. Aber die in Jekaterinburg noch nicht unterzeichnete Absichtserklärung habe keine Eile. "Denn für die neue Pipeline benötigen wir erst einen Markt", sagte Bergmann in St. Petersburg. Der könne durch neue Kunden wie zum Beispiel Großbritannien, durch eine Verlagerung von Mengen aus der Ukraine-Leitung oder durch Nachfragewachstum in etablierten Gasprom-Kundenmärkten entstehen. Erst wenn dieser Bedarf gesichert sei, könne die Wirtschaftlichkeit einer rund 6 Milliarden teuren neuen Leitung geprüft werden. Bergmann geht davon aus, daß dies frühestens Ende 2004 geschehen kann.

Russische Strompreise müssen steigen

Der Ruhrgas-Chef hob hervor, daß das Transportsystem durch die Ukraine, durch das 80 Prozent des russischen Gases für Westeuropa fließen, für die Versorgungssicherheit von herausragender Bedeutung sei. Aber die 2002 von den Präsidenten Rußlands, der Ukraine und dem Bundeskanzler unterzeichnete Erklärung zur Modernisierung und zum Ausbau dieses wichtigen Transportsystems sei bisher wegen der zwischen Rußland und der Ukraine bestehenden Unstimmigkeiten noch nicht in die Tat umgesetzt worden.

Auch für den Bau eines neuen Erdgaskraftwerkes, an dem sich Eon gegebenenfalls mit 100 Millionen Euro beteiligen will, müssen noch die wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Nach den von Bernotat skizzierten Bedingungen ist dies statt der in Rußland üblichen Jahresverträge ein mindestens zehnjähriger Liefervertrag. Außerdem müßten die in Rußland gesetzlich niedrig gehaltenen Strompreise so hochgesetzt werden, daß sich eine solche Investition auch rechne.

Gasprom bleibt wichtigster Lieferant

Medvedev unterstrich, daß die Gasprom gemeinsam mit der deutschen Erdgasgesellschaft Wintershall sehr daran interessiert sei, beim Verkauf der Ruhrgas-Beteiligung an der VNG zum Zuge zu kommen, nicht zuletzt weil dieses ostdeutsche Ferngasunternehmen sein Gas weitgehend bei der Gasprom beziehe. "Wir haben ein interessantes Angebot vorgelegt und hoffen, in den Kreis der bevorzugten Bieter aufgenommen zu werden", erklärte der bei Gasprom für den Export zuständige Vorstand. Bernotat sagte lediglich, man analysiere die Angebote und habe sie noch nicht bewertet.

Anlaß für das Treffen in St. Petersburg waren die im Oktober 1973 aufgenommenen Lieferungen von russischem Erdgas nach Deutschland. Seither hat die Ruhrgas Mengen für den deutschen Bedarf und für andere westeuropäische Kunden im Wert von fast 40 Milliarden Euro bezogen. Nach den bis 2030 reichenden Lieferverträgen wird die Gasprom, die über 20 Prozent der bekannten Erdgasreserven in der Welt verfügt, mindestens ein Drittel des deutschen Verbrauchs decken und wichtigster Lieferant bleiben.

Für die Ruhrgas ist die Gasprom aller politischen Skepsis zum Trotz immer ein zuverlässiger Lieferant gewesen, wie auch die Gasprom immer auf das Essener Unternehmen bauen konnte. Als die Ruhrgas Ende 1998 für umgerechnet 500 Millionen Euro 2,5 Prozent der Gasprom-Aktien erwarb, war dies nicht nur ihre größte Auslandsinvestition, sondern auch der höchste Betrag, den bis dahin ein Ausländer in ein russisches Unternehmen gesteckt hatte. Inzwischen hat sich dieses für insgesamt 1,3 Milliarden Euro auf 6,5 Prozent ausgebaute Gasprom-Aktienpaket gut entwickelt, ist es doch heute mehr als zwei Milliarden Euro wert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2003, Nr. 236 / Seite 16
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