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„Agrophotovoltaik“ : Zweimal ernten: Unten Kartoffeln, oben Solarstrom

Landwirt Thomas Schmid unter Solarpanelen Bild: dpa

Bauern sollen künftig als Energie- und Landwirte neue Chancen erhalten. Erste Versuche in Südwestdeutschland waren schon erfolgreich. Die Hoffnung liegt auf der sogenannten „Agrophotovoltaik“.

          Die Energiewende hat vielen Landwirten ein schönes Zubrot beschert: Pachteinnahmen für Windkraftwerke, Erlöse aus dem Betrieb von Biogasanlagen, Erträge aus dem Verkauf von Solarstrom vom Scheunendach, Entschädigungen für neue Stromleitungen. Künftig könnte eine weitere Erlösquelle dazukommen. Fachleute nennen sie „Agrophotovoltaik“. Dahinter verbirgt sich eine Doppelnutzung des Ackers: Während unten Klee, Gemüse oder Kartoffeln gedeihen, wird in luftiger Höhe Solarstrom produziert.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dass das funktioniert, hat jetzt ein Modellprojekt im baden-württembergischen Herdwangen-Schönach belegt. „Sonne ernten auf zwei Etagen: Agrophotovoltaik steigert die Landnutzungseffizienz um über 60 Prozent“, haben die Universität Hohenheim und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) ihre Bilanz überschrieben. Ertragsverluste unter den Solarmodulen würden durch Einnahmen aus der Solarstromerzeugung „mehr als kompensiert“. „Agrophotovoltaik“ könne durch Doppelnutzung Flächenkonkurrenz mildern und Bauern neue Geldquellen erschließen.

          „Erste Sonnenernte auf zwei Etagen“

          Nach einem Jahr war im Herbst „die erste Sonnenernte auf zwei Etagen“ eingefahren worden. Ort des Versuchs ist die Demeter-Hofgemeinschaft Heggelbach nördlich des Bodensees. Elektrizität wird dort neben Käse schon seit März 2009 produziert. 750.729 Kilowattstunden Solarstrom weist der Zähler auf der Homepage aus.

          Weshalb jetzt Fernsehteams nach Herdwangen-Schönach kommen, erläutern die Ökobauern so: „Die Agrophotovoltaikanlage befindet sich etwa 5 Meter über dem Acker, mit großem Abstand zwischen den einzelnen Modulen.“ Die Module wurden nicht, wie man das von Streifen neben der Autobahn kennt, dicht in flachen Reihen montiert. Nur ein Drittel des Ackers wurde überbaut, damit Feldfrüchte Platz und Licht haben.

          Als Testkulturen wurden Winterweizen, Kartoffeln, Sellerie und Kleegras angebaut – mit vielversprechenden Ergebnissen, wie die Initiatoren berichten. Beim Kleegras sei der Ertrag im Vergleich zur Vergleichsfläche nur geringfügig um 5 Prozent niedriger ausgefallen, berichtet die Agrarexpertin Petra Högy. Dagegen seien die Verluste bei Kartoffeln, Weizen und Sellerie unter den hoch aufgebockten Solarpaneelen mit knapp einem Fünftel gegenüber der Referenzfläche größer gewesen. Kleegras und Solarpaneelen vertragen sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht wohl ideal.

          Ergebnisse des Projekts sind ein voller Erfolg

          Die Ergebnisse des ersten Projektjahres nennt Stephan Schindele vom Fraunhofer ISE einen vollen Erfolg. Die Agrophotovoltaikanlage habe sich als praxistauglich erwiesen. Ihre Kosten seien schon heute wettbewerbsfähig mit kleinen Solar-Dachanlagen. Zudem sei die Ernte ausreichend hoch ausgefallen und könne wirtschaftlich rentabel vermarktet werden, rechnet der Wissenschaftler vor. Das hing nicht zuletzt damit zusammen, dass besonders effektive Solarmodule benutzt wurden. Die „720 bi-fazialen Module“ können Sonnenstrom auch auf der Rückseite tanken, etwa durch Reflexion von der Umgebung. Sind die Bedingungen dafür besonders günstig, etwa wenn Schnee liegt, könnten sie bis zu 25 Prozent mehr Strom erzeugen. Das erhöhe den aus der Fläche gewonnenen Energieertrag zusätzlich. Aus energetischer Sicht sei die Doppelnutzung einer Ackerfläche ohnehin deutlich effizienter als der ausschließliche Anbau von Energiepflanzen, der in Deutschland immerhin 18 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ausmache.

          Aus agrarwissenschaftlicher Sicht sei die Agrophotovoltaik ein vielversprechender Ansatz, um die Landnutzungseffizienz zu erhöhen und den Mix erneuerbarer Energien zu erweitern, die zukünftig aus der Landwirtschaft bereitgestellt werden, sagte Iris Lewandowski von der Uni Hohenheim. Allerdings seien noch ein paar Praxisjahre mit anderen Kulturen sinnvoll, bevor man eindeutige Aussagen treffen könne.

          Weitere Test sind noch notwendig

          ISE-Chef Hans-Martin Henning malt schon die großen Entwicklungschancen der Agrophotovoltaik an die Wand: Sie habe „das Potential, neue Flächen für den dringend benötigten Photovoltaikausbau in Deutschland zu erschließen und gleichzeitig den Flächenkonflikt zwischen Landwirtschaft und Freiflächenanlagen zu mildern“. Bisher allerdings ist wegen der „Teller-statt-Tank“-Debatte der Ausbau großer Photovoltaikanlagen auf Ackerflächen in der Regel untersagt.

          Bis zur Marktreife der Technologie müssten jedoch noch weitere Sparten und Anlagengrößen getestet und die technische Integration vorangetrieben werden, sagt Henning. Getestet werden sollen laut ISE Anwendungen in Kombination mit Obst-, Beeren-, Wein- und Hopfenbau sowie mit Energiespeichern. Auch hier gehört die Demeter-Bauerntruppe aus Oberschwaben zur energiepolitischen Avantgarde. Die Stromernte vom eigenen Acker passe in ihrem täglichen Verlauf gut zum Verbrauch auf dem Hof. 40 Prozent des Solarstroms würden in der Gemeinschaft direkt genutzt, für den Hofladen, die Erntegeräte, die Ferienwohnung – und das Betanken des Elektroautos.

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