http://www.faz.net/-gqe-6xt7b

Energiewende : „Es wird zu früh Hurra gerufen“

  • Aktualisiert am

„Vor uns liegt eine Herkulesaufgabe, die uns noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird“, sagt Matthias Kurth, der scheidende Präsident der Bundesnetzagentur. Bild: dpa

In diesem Winter sind die Lichter in Deutschland nicht ausgegangen. Der scheidende Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, betont aber: Der Härtetest für die Energiewende kommt erst noch.

          Herr Kurth, unter Ihrer Leitung hat sich die Bundesnetzagentur zu einer Behörde entwickelt, die wie keine andere in die Wirtschaft hinein wirkt. Mit der Energiewende wird sie noch einflussreicher. Ist so viel Behördenmacht in einer Hand vertretbar?

          Diejenigen, die das Gegenteil suggerieren, tun so, als habe sich die Netzagentur ihren Einfluss eigenmächtig angeeignet. In Wahrheit ist es so, dass die Netzagentur genau die Aufgaben wahrnimmt, die ihr die Politik übertragen hat. Und zur Wahrheit gehört auch, dass es in der Regel keine andere Stelle gegeben hat, die diese Aufgaben hätte leisten können. Eine Stärke der Netzagentur liegt ja gerade darin, dass sie neutral und politikfern handelt und so für Verlässlichkeit und Planungssicherheit steht.

          Und dafür steht die Politik nicht?

          Leider gibt es dort manchmal die Tendenz, dass Probleme wahlweise verniedlicht oder übertrieben werden. Und beides ist gerade bei der Bewältigung der Energiewende riskant. Nicht selten wird vom gewünschten Ergebnis her gedacht statt auf der Grundlage von Fakten.

          Sehen Sie darin eine Gefahr für die Energiewende?

          Nach Fukushima war eine große, parteienübergreifende Bereitschaft da, die Dinge nachhaltig zu verändern. Damit sind wir bisher auch sehr gut vorangekommen. Aber jedes Thema hat seine Konjunktur. Deshalb gibt es das Risiko, dass jetzt, nachdem das Licht im Winter nicht ausgegangen ist, eine gewisse neue Sorglosigkeit entstehen könnte. Wir sollten uns nichts vormachen. Es war und ist höchste Aufmerksamkeit gefordert.

          Matthias Kurt, Präsident der Bundesnetzagentur, wird Ende des Monats von Jochen Homann abgelöst
          Matthias Kurt, Präsident der Bundesnetzagentur, wird Ende des Monats von Jochen Homann abgelöst : Bild: dapd

          Die Bewährungsprobe ist also noch nicht überstanden?

          Es wird teilweise ein bisschen früh Hurra gerufen. Noch immer stammt rund ein Sechstel des deutschen Stroms aus der Kernkraft. Der Härtetest für die Energiewende kommt erst, wenn auch diese Atommeiler nach und nach vom Netz gehen. Vor uns liegt eine Herkulesaufgabe, die uns noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird.

          Immerhin steigt der Anteil der Erneuerbaren Energien rapide an.

          Die Erneuerbaren werden ausgebaut, darüber sind sich alle einig. Aber eine große Baustelle ist die Grundlast, die vor allem im Süden Deutschlands fehlen wird. Nur die im Bau befindlichen Kraftwerke in Mannheim und Karlsruhe zu Ende zu bauen wird nicht reichen. Ich rate allen Beteiligten, sich unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus diesem Winter zusammenzusetzen um die Rahmenbedingungen für die Neubauplanung verlässlich zu klären.

          Wie groß ist der Zeitdruck?

          Ein Kraftwerk zu bauen, dauert von der Planung bis zum Betrieb sechs, sieben Jahre. Und dann darf nichts schiefgehen im Genehmigungsverfahren oder bei der Technik. Wir haben genügend andere Beispiele gesehen, ich will nur an das Kraftwerk in Datteln erinnern. Ein Puffer von ein, zwei Jahren wäre also besser. Jetzt haben zwar viele gejubelt, dass Deutschland einige Wochen Strom nach Frankreich geliefert hat. Aber aufs Jahr gerechnet, haben wir 2011 dennoch mehr Strom aus Frankreich bezogen als wir exportiert haben, was früher umgekehrt war. Auch das gehört zu der manchmal leider selektiven Wahrnehmung der Energiewende.

          Laufen die Gaskraftwerke wieder normal?

          Die Kombination aus extremer Kälte und eingeschränkter Gaslieferung hat zu Schwierigkeiten geführt, die so nicht vorhersehbar waren. Man muss das Ganze nicht dramatisieren, aber an einigen Tagen waren von allen Seiten Höchstleistungen gefragt, um die Stromversorgung störungsfrei in Gang zu halten. Ich bin optimistisch, dass das weiter gelingen wird.

          Wie bedrohlich war die Situation?

          Die Lage war sehr angespannt. An einigen Tagen musste zur Stabilisierung des Netzes sogar verstärkt auf Regelenergie zurückgegriffen werden. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Vorgang, weil dann kurzfristige Reserven für unvorhergesehene Ereignisse fehlen. Ganz offensichtlich ist der Strombedarf in Teilen des Netzes unterschätzt worden, es wurde deshalb nicht genug Leistung aus den Kraftwerken abgerufen. Den Gründen dafür gehen wir jetzt nach.

          Weitere Themen

          Strom bleibt teuer im Jahr 2018

          Energiepreise : Strom bleibt teuer im Jahr 2018

          Die Energieversorger haben im Jahr 2017 für ihren Einkauf an der Strombörse moderate Preise gezahlt. Die Netzentgelte sind ebenfalls rückläufig. Billiger wird’s für die Verbraucher 2018 trotzdem eher nicht.

          Hochzeit am Grenzzaun Video-Seite öffnen

          Kurzes Glück : Hochzeit am Grenzzaun

          Durch eine geöffnete Tür im Grenzzaun haben die Mexikanerin Evelia Reyes und ihr amerikanischer Mann Brian geheiratet. Wegen fehlender Papiere kann die Ehefrau nicht auf der anderen Seite der Grenze leben.

          Nicht ohne meine Butter! Video-Seite öffnen

          Frankreichs ganzer Stolz : Nicht ohne meine Butter!

          Nirgendwo auf der Welt wird so viel Butter pro Kopf verzehrt wie in Frankreich. In vielen französischen Supermärkten bleiben die Regale leer, Konsumenten und Bäcker wissen weder ein noch aus.

          Topmeldungen

          Sondierung gescheitert : Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab

          Die Verhandlungen von CDU, CSU, FDP und Grünen über ein Jamaika-Bündnis sind gescheitert. Die Liberalen ziehen sich aus den Gesprächen zurück. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagt FDP-Chef Christian Lindner.
          Flüchtlingskrise: Gabriel besucht das Lager Kutupalong, in dem aus Burma vertriebene Rohingya leben.

          Gabriel in Bangladesch : Der Albtraum von Kutupalong

          Sigmar Gabriel besucht ein Lager der Rohingya im Süden von Bangladesch. Die Bedingungen hier sind katastrophal, doch es werden noch mehr Flüchtlinge erwartet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.