22.01.2010 · Es ist kalt in Mitteleuropa, aber niemand muss frieren. Damit es weiter genügend Gas gibt, brauchen Pipelines wie das Sechs-Länder-Projekt Nabucco mehr Unterstützung durch die Politik. In Nordafrika, am Kaspischen Meer, im Irak gibt es Gasproduzenten, die von Russland unabhängig sind.
Von Andreas MihmEs ist kalt in Mitteleuropa, aber niemand muss frieren, weil es nicht genügend Gas gibt. Auch in Südosteuropa nicht, wo vor zwölf Monaten Schulen geschlossen blieben und Betriebe die Produktion einstellten, weil der Fluss russischen Gases durch die Ukraine gekappt worden war. 80 Prozent der russischen Lieferungen Richtung Westen gehen durch die Ukraine.
Seither ist viel geschehen, in der Politik und auf den Märkten. Erdgas gibt es heute im Überfluss. Doch das ist kein Grund zur Sorglosigkeit. Denn die Gefahren, die in den vergangenen Jahren mehrfach Versorgungskrisen auslösten oder die Furcht davor weckten, sind nicht gebannt. Gas bleibt ein strategischer Rohstoff. Europa braucht ihn mehr und mehr, Russland hat ihn im Überfluss. Wer Felder und Lieferwege kontrolliert, der verfügt über ein großes Erpressungspotential. Allein das Wissen darum kann helfen, politische Ziele durchzusetzen.
Europäisch-russische Abhängigkeiten
Heute bezieht Europa ein Viertel seines Gases aus Russland. Künftig wird es mehr sein, denn die heimische Produktion ist erschöpft. Auch aus russischer Perspektive gibt es eine Abhängigkeit: 80 Prozent der Exporte fließen nach Westeuropa, Gasprom hat dafür Milliarden in teure Leitungssysteme investiert. So sind Lieferant und Kunde wechselseitig gebunden. Auch wenn am Horizont China als Abnehmer aufscheint, bis die Infrastruktur steht, dauert es noch Jahre.
Die Politik hat im vergangenen Jahr viel dazu beigetragen, das Risiko von Versorgungskrisen zu minimieren. Der Dauerstreit zwischen Russland und der Ukraine wurde, wenn nicht beigelegt, dann doch unter tatkräftiger Mithilfe der EU entschärft. Ominöse Zwischenhändler wurden ausgeschaltet, die mit Finanzhilfen des Internationalen Währungsfonds ausgestattete ukrainische Regierung zahlt ihre Gasrechnung meist pünktlich zum Monatsbeginn und bietet dem russischen Staatskonzern Gasprom keinen Anlass zu Drohgebärden. Im Gegenteil: Russland kommt seinem Nachbarn weit entgegen. Gas, das die Ukraine nicht benötigt, aber kontrahiert hat, muss sie nicht abnehmen und auch nicht bezahlen.
Deutsche Konzerne wären froh, wenn sie ihre bei Gasprom eingegangenen Kaufverpflichtungen reduzieren und der gesunkenen Nachfrage anpassen könnten. Der Segen der langfristigen Lieferbindung entpuppt sich hier als Nachteil. Take or pay, heißt es im Gasgeschäft: Zahlen musst du auch, wenn du das Gas nicht nimmst.
Russisch-ukrainische Abhängigkeiten
Für die Ukraine hat Gasprom die eherne Regel außer Kraft gesetzt. Dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt die Präsidentschaftswahlen vom Wochenende. Denn nichts liegt Moskau ferner, als durch einen neuen Gaskrieg einer russlandkritischen Regierung an die Macht zu verhelfen. So fällt die Gaskrise in diesem Winter aus. Doch niemand weiß, ob sie sich nicht einmal wiederholt.
Denn an den grundlegenden Interessen hat sich nichts geändert. Russland will seinen Devisenbringer Nummer eins teuer verkaufen, Transitstaaten wie die Ukraine - die zudem der größte ausländische Abnehmer von russischem Gas ist - wollen an der Durchleitung und am Handel verdienen. Die Abnehmerstaaten im Westen wollen eine sichere, unterbrechungsfreie Belieferung, aber zugleich politisch stabile Verhältnisse.
So kommt es zu einer interessanten Konstellation: Gasprom baut in diesem Jahr mit den deutschen Konzernen Eon und BASF eine Gasleitung durch die Ostsee. Weil das die Liefersicherheit erhöht, bürgt der Bund mit für 2,7 Milliarden Euro und damit für mehr als ein Drittel der Kosten. Im Ergebnis führt das dazu, dass die Ukraine-Pipelines schon bald nicht mehr ausgelastet sein werden. Deshalb werden die auf zwei Milliarden Dollar im Jahr geschätzten Transitgebühren sinken, die Ukraine wird auf weitere (westliche) Finanzhilfe angewiesen sein.
Schon heute ist sie nicht in der Lage, die Modernisierung ihrer Pipelines zu finanzieren - die Kosten werden auf mehr als 5 Milliarden Dollar geschätzt. Gasprom wartet nur auf eine Gelegenheit, sein Leitungsmonopol Richtung Westen auszubauen.
Ukrainisch-europäische Abhängigkeiten
Das ist nicht im Interesse der Ukraine und auch nicht im Interesse der EU. Monopole sind im Wirtschaftsleben immer schlecht - am Ende sogar für den Monopolisten. Deshalb sollte die EU mehr tun, um den Wettbewerb zu fördern, die Abhängigkeit von der russischen Gasleitung nicht uferlos wachsen zu lassen. Dazu gehört ein Ausbau des innereuropäischen Gasnetzes. Ein engermaschiges Netz würde helfen, Versorgungskrisen wie im Januar 2009 abzufedern.
Wichtig wäre vor allem, Gasproduzenten und -lieferanten zu finden, die von Russland unabhängig sind. Es gibt sie, in Nordafrika, rund ums Kaspische Meer, im Irak. Doch um sie dauerhaft anzuzapfen, müssten die Europäer ihre Politik besser koordinieren, sich mehr ins Zeug legen. Wer sieht, wie Russlands Premier Wladimir Putin als Chefverkäufer für neue Leitungsprojekte und Gaslieferungen in der Türkei (Konkurrenz für Nabucco: Russland und Türkei einigen sich auf Gastransit), in Italien und Frankreich auftritt (Eine geopolitische Männerfreundschaft: Berlusconi und Putin), der erkennt, dass Pipelines wie das Sechs-Länder-Projekt Nabucco ohne größere politische Unterstützung keine Chance haben werden.
Vielleicht wäre eine kleine Gaskrise doch gar nicht so schlecht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3201 | +0,05% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |