29.08.2008 · Mit Hilfe der EU wollen sechs Unternehmen eine 3300 Kilometer lange Pipeline von der Türkei nach Österreich bauen. „Nabucco“ soll die Gasversorgung von russischen Quellen unabhängiger machen - Interview mit den Spitzenmanagern.
Mit Hilfe der EU wollen sechs Unternehmen eine 3300 Kilometer lange Pipeline von der Türkei nach Österreich bauen. „Nabucco“ soll die Gasversorgung von russischen Quellen unabhängiger machen. Im Gespräch: Reinhard Mitschek, Direktor der Nabucco-Gesellschaft, und RWE-Spitzenmanager Stefan Judisch.
Herr Mitschek, machen Sie sich als Direktor des Nabucco-Konsortiums eigentlich manchmal Sorgen um Ihren Job?
Nein. Ich bin regelmäßig bei Investorengesprächen dabei und weiß daher, dass die Investoren das Nabucco-Projekt unbedingt umsetzen wollen.
Die geplante Pipeline führt durch das Kriegsgebiet Georgien. Schmälert das nicht die Realisierungschancen?
Die Nabucco-Pipeline führt nicht durch Georgien. Sie beginnt in der Türkei und führt nach Baumgarten in Österreich. Die vorgelagerten Pipelines reichen von Zentralasien über Iran, den Irak und Ägypten in die Türkei. Wir haben mehrere Quellen, die wir nutzen können.
Russland-Kenner Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagt, nach diesem Krieg werde es eine Pipeline nicht mehr geben, die zentralasiatisches Gas unter Umgehung Russlands nach Europa bringt. Falsch?
Die Ölleitung von Baku über Tiflis in die Türkei ist wieder in Betrieb. Das gilt auch für die Südkaukasus-Gaspipeline von Aserbaidschan in die Türkei.
Es gibt also keine Probleme?
Wir befürchten keine wesentlichen Probleme, die die weitere Entwicklung und Realisierung unseres Projektes in irgendeiner Form gefährden könnten.
Werden die Russen versuchen, die Pipelines in Georgien unter Kontrolle zu bekommen?
Das glaube ich nicht, denn dann hätten sie es schon getan.
Letztlich sind Sie doch Teil im großen Rohstoffmonopoly: Russland gegen Amerikas Stellvertreter Georgien und westliche Öl- und Gasinteressen.
Judisch: Die Europäer sehen zu sehr auf den Gegensatz Russland und Amerika. In Europa wird noch nicht verstanden, dass unsere Wettbewerber um die Gasquellen Zentralasiens, aber auch in Iran und im Irak, Länder wie Indien und China sind. Turkmenistan und Kasachstan haben Verträge mit Indien und China unterschrieben. In Iran sind die Chinesen sehr aktiv. Das Thema ist ein globales und passt nicht in die traditionellen Ost-West-Konfliktmuster.
Die Gasleitung durch Georgien muss gefüllt werden. Lässt Gasprom Ihnen genügend Gas in Zentralasien übrig?
In Zentralasien und im arabischen Raum bis nach Nordafrika liegen fast doppelt so hohe Gasreserven wie in Russland. Die kann keiner wegkaufen. Diese Reserven wollen wir dem europäischen Markt zugänglich machen.
Wann könnte aus Iran Gas fließen?
Wenn wir von dem politischen Problem absehen, könnten wir Mitte der nächsten Dekade Gas importieren.
Und wenn nicht?
Dann kommt es darauf an, wie schnell sich die politischen Konflikte entspannen.
Die Amerikaner bauen in Europa einen Raketenschutzschild gegen Iran!
Das kann ich nicht beurteilen, aber wir haben zu tiefsten Zeiten des Kalten Krieges Gas aus der Sowjetunion bezogen. Damals waren mehr Raketen aufgestellt.
Was ist mit dem Irak, der Arabischen Halbinsel und Ägypten?
Der Irak könnte auch Mitte des nächsten Jahrzehnts liefern. Wir können über die arabische Gaspipeline theoretisch schon bald Gas aus Ägypten in die Türkei liefern - diese Pipeline wird in naher Zukunft bis 40 Kilometer an die türkische Grenze führen. Länder wie Saudi-Arabien könnten da auch einspeisen.
Bliebe Zentralasien mit dem Problemfall Georgien.
Schon heute wird Gas aus Turkmenistan durch Iran in die Türkei geliefert. Die Leitungskapazität von 20 Milliarden Kubikmetern ist nicht ausgeschöpft. Es gibt mehrere Möglichkeiten, Nabucco zu füllen, ohne Gas durch Georgien zu pumpen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass auch künftig Gas aus Aserbaidschan über Georgien in die Türkei fließt.
Mitschek: Wir stimmen unsere Zeitpläne mit Nabucco auf die geplante Erweiterung der Südkaukasus-Gasleitung ab. Die Produzenten in Aserbaidschan wollen mehr Gas nach Europa exportieren.
Wie soll das Gas aus Turkmenistan und Kasachstan nach Aserbaidschan gelangen? Der Anrainerstreit macht den Bau einer Leitung doch fast unmöglich.
Judisch: Es gibt neben der Südleitung mehrere Optionen: eine große transkaspische Pipeline, eine Verbindung der Gasfelder im Kaspischen Meer oder eine Lösung, bei der Gas komprimiert und mit Spezialschiffen über das Kaspische Meer gebracht wird. Das wird alles untersucht.
Gasprom plant eine Konkurrenzleitung zu Nabucco. Sollte man die Russen nicht in das Konsortium aufnehmen?
Mitschek: Die Russen wollen mit den North- und South-Stream-Projekten alternative Wege für eine zusätzliche Belieferung Europas nutzen. Das ist keine unmittelbare Konkurrenz zu Nabucco. Wir haben nicht nur unterschiedliche Bezugsquellen, sondern auch unterschiedliche Absatzquellen für das Gas. Darüber hinaus wird Europa in den Jahren 2020 bis 2025 bis zu 200 Milliarden Kubikmeter Gas mehr importieren als heute. Deshalb wären die Einkäufer und die europäischen Politiker gut beraten vorzusorgen.
Ist die Unterstützung durch die europäische Politik groß genug?
Man kann sich immer eine noch größere Unterstützung wünschen. Die europäische Politik sollte gegenüber der Türkei und Zentralasien einheitlicher auftreten, um den Gasexport nach Europa zu unterstützen, im Wettbewerb mit China, Fernost und Russland.
Sind das die Knackpunkte, die zentralasiatischen Lieferanten und die Türkei als Transitland, das am Handel verdienen will?
Die Türkei spielt eine wesentliche Rolle bei Nabucco. Fast die Hälfte der Strecke geht über türkisches Territorium. Wir haben die Versorgungssicherheit der Türkei und Europas zu beachten.
Dafür soll es ein Regierungsabkommen geben. Wann ist es so weit?
Es muss ein Regierungsabkommen geben, um die rechtlichen Rahmenbedingungen der europäischen und der türkischen Projektpartner aufeinander abzustimmen und bestmöglichen Investitionsschutz zu schaffen.
Judisch: Wir gehen davon aus, dass das bis Ende des Jahres ausverhandelt ist.
Nabucco soll einmal 30 Milliarden Kubikmeter Gas transportieren. Bei der steigenden Nachfrage bekommen Sie das Gas spielend verkauft, oder?
Mitschek: Wir glauben nicht, dass das ein Problem wird. Bei einer jüngst durchgeführten, unverbindlichen Marktbefragung gab es rund doppelt so viel Interesse an Transportkapazität, wie derzeit geplant ist. Der Transportbedarf überschreitet die technische Kapazität.
Die geplanten Investitionskosten haben sich fast verdoppelt. Was bedeutet das für Ihre Planung?
Wir haben 2004 mit 5 Milliarden Euro kalkuliert, aktuell liegen wir bei 7,9 Milliarden. Das liegt an den dramatisch gestiegenen Rohstoffkosten. Auch die Energiepreise sind gestiegen. Bei den heutigen Gaspreisen sind die Transportkosten vertretbar. Im Vergleich mit anderen Pipelines oder dem Transport von flüssigem Erdgas sind wir an jeder wesentlichen Verkaufsstelle Europas wettbewerbsfähig.
Wer werden die Abnehmer für das Gas in Europa sein?
Das Gas wird einerseits in der Türkei bleiben, um dort die Versorgung zu sichern. Ein Teil wird entlang der Strecke entnommen, und etwa 50 Prozent werden den zentraleuropäischen Gasumschlagpunkt in Baumgarten passieren. Von da aus geht's Richtung Tschechische Republik, Deutschland, Frankreich, Italien.
Was kostet die beteiligten sechs Unternehmen das Projekt?
Judisch: Weniger, als viele zunächst denken. Der Eigenkapitalanteil wird bei rund 30 Prozent liegen. Damit reden wir von rund 400 Millionen Euro für jedes der sechs Partnerunternehmen. Es gibt auch schon Finanzierungszusagen von supranationalen Institutionen, die sehr an dem Projekt interessiert sind.
Es werden viele Pipelines geplant. Brauchen wir die alle?
Auf jeden Fall. Zum einen sinkt die Eigenproduktion der EU. Zum anderen wächst die Gasnachfrage gerade in der Stromerzeugung, auch um die Schwankungen in der Windenergieerzeugung auszugleichen. Wir gehen von einer Versorgungslücke von 150 bis 200 Milliarden Kubikmeter in weniger als 20 Jahren aus.
Mitschek: Bei Nabucco reden wir von einer maximalen Kapazität von 30 Milliarden Kubikmetern. Das ist gerade einmal ein Sechstel des erwarteten zusätzlichen Bedarfs. Drei bis vier ähnliche Gaspipelines werden notwendig sein, plus Anlagen für Flüssiggas in West- und Südeuropa, um den Gasbedarf zu decken.
Nabucco wäre nicht ausbaufähig?
Wir könnten sie fast durchgängig doppelt bauen und kommen dann auf 50 bis 60 Milliarden Kubikmeter. Wenn der Bedarf besteht und die Erweiterung sinnvoll erscheint, dann machen wir das.
Der Spatenstich für die 3300 Kilometer ist 2010 geplant. Wann ist der Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt?
Ich gehe davon aus, dass die Investorengruppe im nächsten Jahr die endgültige Investitionsentscheidung treffen wird und wesentliche Geldmittel bereitstellen wird.
Und wie sieht der Plan B aus?
Judisch: Es gibt keinen Plan B.
Warum heißt die Leitung eigentlich Nabucco?
Mitschek: Ende 2002 haben wir von OMV in Wien einen ersten Vertrag unterzeichnet, mit den Kollegen aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien und der Türkei - RWE ist ja erst in diesem Jahr hinzugestoßen. Nach der Vertragsunterzeichnung haben wir die Gäste in die Staatsoper eingeladen. Auf dem Spielplan stand Nabucco. Den Namen haben wir dann für das Projekt übernommen.
In der Verdi-Oper geht es um die Befreiung der Israeliten aus Babylonischer Gefangenschaft. Also doch ein politischer Name?
Das war nicht der Hintergrund. Die Pipeline könnte heute auch Aida oder Carmen heißen, wenn Aida oder Carmen auf dem Spielplan gestanden hätte.
Mal sehen was passiert wenn Russland die Pipelines doch anfasst!
Matthias Korner (mattkorn)
- 29.08.2008, 19:09 Uhr
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