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Chinas Energiepolitik : Peking zwischen Atom und Kohle

Skepsis und Angst: In der chinesischen Bevölkerung herrscht Ablehnung gegenüber der Atomenergie. Bild: AP

Chinas Energiepolitik betrifft die Welt. Die Regierung in Peking sieht in der Atomkraft die wichtigste Quelle für die Zukunft. Doch im Reich der Mitte könnte der Widerstand aus der eigenen Bevölkerung die Pläne gefährden.

          Jedes chinesische Kind lernt in der Schule, dass Atomkraft sauber und sicher ist. Chinas Führern gilt sie als Energiequelle der Zukunft. Präsident Xi Jinping nennt Atomenergie „unser Fundament“. 34 Reaktoren sind in Betrieb, 20 im Bau, 42 weitere sollen bis 2020 entstehen. Sogar schwimmende Kleinreaktoren für den Betrieb auf See will China produzieren. Während in Deutschland ein Meiler nach dem anderen vom Netz geht, steht im Reich der Mitte die Kernkraft vor ihrer Wiedergeburt. So zumindest lautete Pekings Plan. Nun ist er gefährdet.

          Nachdem in der an der Ostküste gelegenen Millionenstadt Lianyungang vier Tage lang Tausende Bewohner aus Angst vor Gesundheitsschäden gegen den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage protestiert hatten, legten die Kader den Plan auf Eis. Vor drei Jahren wurde nach Protesten der Bau einer Urananreicherungsanlage in der südlichen Provinz Guangdong gestrichen. Vier Mal haben seit 2011 Massenproteste Atomanlagen gestoppt. Widerstand von Anwohnern sei das „größte Hindernis“ für den Bau der vielen neuen geplanten Kernkraftwerke, fürchtet Chinas Atomaufsichtsbehörde.

          Chinas Energiepolitik betrifft die ganze Welt. Der Energiehunger der nach Wohlstand strebenden Chinesen und ihrer nach wie vor relativ schnell wachsenden Wirtschaft ist so groß wie nirgendwo sonst. Gestillt wird er bisher auf Kosten der Umwelt. Dass in Chinas Städten im Sommer nicht mehr wie früher wegen Energiemangels der Strom abgestellt wird, ist der Verbrennung von Kohle geschuldet. Sie deckt fast zwei Drittel des Energiebedarfs. Heute ist China größter Emittent von Kohlendioxid. Die Luft in den Städten ist so verdreckt, dass geschätzt eineinhalb Millionen Chinesen jedes Jahr frühzeitig sterben. Der Unmut in der Gesellschaft ist groß, die Partei besorgt. Kaum etwas wünschen sich die Kader so sehr, wie mit Hilfe der Atomkraft zu sauberer Luft zu kommen. Nebenbei möchte sich China dadurch auf der Weltbühne als Klimaretter präsentieren. Es hat schon gelobt, seine Emissionen vom Jahr 2030 an drastisch zu senken.

          Ausbau erneuerbarer Energien

          Zwar baut die Regierung auch die erneuerbaren Energien stark aus. Solaranlagen mit hundert Gigawatt Leistung will sie installieren, mehr als in Deutschland. In den kommenden vier Jahren will Peking Windräder mit einer Leistung von zweihundert Gigawatt bauen. Schon heute stehen in China doppelt so viele Windkraftanlagen wie in Amerika. Trotzdem produziert die Volksrepublik damit weniger Strom, weil die meisten Windparks zu lange nicht ans Stromnetz angeschlossen werden. Die Ineffizienz der lokal produzierten Billigturbinen tut ihr Übriges. Bis Wind, Wasser und Sonne den Strombedarf der zweitgrößten Wirtschaft der Erde decken, wird es wohl noch dauern.

          In den Augen der Führung gibt es zur Kohle nur eine Alternative: Atomenergie. Ihr Anteil am Energieverbrauch Chinas liegt bei zwei Prozent. In Frankreich sind es 76 Prozent. Bald soll sich der chinesische Atomanteil auf zehn Prozent verfünffacht haben und rasch weiter steigen. Seinen ersten selbstentwickelten Kernreaktor namens „Drache Nummer eins“ will das Land bald auch im Ausland verkaufen. Im März lobte Ministerpräsident Li Keqiang in seiner Regierungserklärung die Hochtechnologie gleich dreimal. Atomenergie soll zum Geschäft werden. Durch diese Rechnung könnte die Bevölkerung einen Strich machen.

          Angst vor Atomanlagen

          In der chinesischen Gesellschaft herrscht seit der Reaktorkatastrophe im benachbarten Japan Angst vor Atomanlagen. Nach dem Unfall in Fukushima 2011 dauerte es vier Jahre, bis Peking neue Reaktoren erlaubte. Dass chinesische Beamte, die zu den korruptesten der Welt zählen, die Sicherheit der komplizierten Technik garantieren können, glauben nur die wenigsten. Angesichts täglicher Skandale ist das Vertrauen der Chinesen in den Staat gering. Dessen Durchregieren stößt daher an Grenzen. Dass Chinas Autokraten um Atomanlagen ein Geheimnis machen und die Bevölkerung darüber oft erst zehn Tage vor Baubeginn informieren, nehmen viele Anwohner nicht mehr hin. Versuche der Kader, auf Propagandaveranstaltungen für die Kernkraft zu werben, beschreiben selbst chinesische Medien als hilflos.

          „Evaluation von Stabilitätsrisiken in der Gesellschaft“ heißt der Maßstab der Nationalen Entwicklungsbehörde, der an jedes öffentliche Bauprojekt angelegt wird. Muss sie breiten Widerstand der Bevölkerung fürchten, der zu einer überregionalen politischen Oppositionsbewegung wie in den siebziger Jahren in Deutschland werden könnte, dürfte die Partei den Bau vieler Kernkraftwerke absagen, um ihre Autorität nicht aufs Spiel zu setzen.

          Als Alternative zum Atomstrom könnte Peking die Erneuerbaren noch schneller ausbauen, was aber zunächst teuer wäre. Schwierigkeiten, die Anlagen ans Netz zu bekommen und ihre Energie zu speichern, könnten die Stromversorgung zudem trotzdem gefährden. Realistischer ist die Renaissance der Kohleindustrie, die den Lokalverwaltungen auch hohe Steuereinnahmen garantiert. Zwar hat die Zentralregierung gerade den Bau aller neuen Kohlekraftwerke stoppen lassen. Ob China seine Klimaziele halten wird, ist derzeit dennoch so unsicher wie lange nicht.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

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          Quelle: F.A.Z.

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