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Kommentar : Windstrom geht auch billiger

Windräder auf See produzieren deutlich mehr Strom als ihre Verwandten an Land. Bild: dpa

Eine Ausschreibung für Offshore-Windparks endete mit einer Überraschung: Einige Bieter wollen gar keine Förderung. Das rückt das Versagen der Politik in ein grelles Licht.

          Mit einer faustdicken Überraschung ist die erste Ausschreibung für deutsche Meereswindparks vor Ostern ausgegangen. Für den größten Teil der Offshore-Parks wollten die günstigsten Bieter gar keine Förderung. Im Mittel verlangten sie für die Bau- und Betriebszusagen der vier Parks mit 1500 Megawatt Leistung 0,44 Cent Förderung je Kilowattstunde. So günstig ist noch keine Windenergie-Auktion beendet worden. Die Betreiber sind sicher, dass sie mit ihren turmhohen Anlagen ohne Subventionen Geld verdienen können.

          Dürfen Stromkunden jetzt endlich auf ein Ende des jahrelangen Abkassiertwerdens über das Erneuerbare-Energien-Gesetz hoffen? Wird der Traum grüner Energiepropheten Wirklichkeit? Ist das Bietergefecht der Beleg dafür, dass das Versprechen der Energiewende doch funktioniert: preiswerte, erneuerbare, saubere Elektrizität für alle und zu jeder Zeit?

          Keine schnelle Senkung in Sicht

          Die ganze Dramatik zeigt sich erst, wenn man die jüngsten Preise mit der aktuellen Förderhöhe vergleicht. Die Betreiber von Meereswindparks bekommen fast 20 Cent je Kilowattstunde für die ersten Jahre, an Land gibt es 20 Jahre lang um die 9 Cent je Kilowattstunde für Neuanlagen. Die letzte Ausschreibung für Offshore-Wind in Dänemark war mit 4,99 Cent geendet. Das galt als eine Sensation. Umso erklärungsbedürftiger ist das deutsche Beinahe-Null-Ergebnis.

          Für die deutschen Stromkunden ist es jedenfalls eine gute Nachricht. Denn sie zahlen für die Förderung des Ökostroms einen deftigen Aufschlag auf die Stromrechnung. Verlangen die Ökostromerzeuger weniger Förderung, muss der Verbraucher weniger zahlen. Allerdings wird er auf die Entlastung warten müssen. Die jetzt gebilligten Projekte gehen erst Mitte nächsten Jahrzehnts in Betrieb. Eine schnelle Senkung der Energie-Umlage ist also nicht in Sicht.

          Sie stehen fest auf dem Meeresboden: Offshore-Windräder vor der Insel Sylt Öffnen
          Offshore-Energie : Wenn Windräder schwimmen lernen Bild: dpa

          Bieter müssen Entwicklungen abschätzen

          Die Frage bleibt, warum manche Bieter viel günstiger angetreten sind als die Konkurrenz. Alle Interessenten standen vor demselben Problem. Sie mussten abschätzen, wie sich Kosten, Preise und technischer Fortschritt in den kommenden Jahren entwickeln werden. Viele Variablen sind zu beachten: Größere Rotoren können mehr Strom erzeugen, wenige große statt vieler kleiner Windkraftwerke verringern Aufwand und Kosten für Montage und Wartung.

          Wesentlicher Bestandteil der Kalkulation ist auch der Preis, der in acht Jahren an der Strombörse für den Ökostrom zu erzielen sein wird. Mancher dürfte darauf wetten, dass der dann vollzogene deutsche Atomausstieg und abgeschaltete Kohlekraftwerke die Preise steigen lassen. Zudem sollte die zunehmende Elektrifizierung des Autoverkehrs und der Wärmeversorgung die Stromnachfrage anheizen. Andererseits weiß niemand, wie der alle paar Jahre geänderte Rechtsrahmen dann aussieht. Das politische Risiko bleibt, die Kalkulation birgt auch hier Unsicherheiten.

          Konzerne bieten mit Strategie

          Nicht zuletzt gehört zur Kalkulation die Höhe der internen Verzinsung, die der Bieter braucht, um sein Kapital zu bedienen. Womöglich liegt hier ein Teil der Erklärung dafür, warum in Deutschland mit ENBW und dem dänischen Dong-Konzern staatlich dominierte Konzerne die niedrigsten Gebote abgaben. Einige Bieter dürften „strategisch“ geboten und betriebswirtschaftliche Unschärfen akzeptiert haben.

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          Denn vorerst ist nur noch eine weitere Ausschreibung für deutsche Offshore-Parks geplant. Wer deren Betrieb zum Kern seines Geschäftsmodells erklärt, aber keine Kapazitäten zugeteilt bekommt, hat ein Problem. Das erklärt die hohe Wettbewerbsintensität. Das Ergebnis der Ausschreibung ist ein Rückschlag für Konzerne wie die RWE-Ausgründung Innogy oder Schwedens Vattenfall. Sie konnten Konkurrenz nicht standhalten.

          Ökostrom wird weiter gefördert

          Klar belegt das Ergebnis indes die Überlegenheit von Ausschreibungen als wettbewerbliches Preisfindungsmodell. Viel zu spät hat die Politik das eingesehen. Das Eigenlob, das Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sich und dem früheren Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) gespendet hat, ist verfehlt. Das Ergebnis der Ausschreibung rückt das Versagen der Politik vielmehr in grelles Licht. Stromkunden zahlen heute und noch viele Jahre überzogene Umlagen für den Aufbau einer Kraftwerksstruktur aus Wind-, Solar- und Biogasanlagen, die Versorgungssicherheit rund um die Uhr nicht gewährleistet – auch wenn diese mit Meereswindparks besser werden wird, weil vor der Küste der Wind beständiger weht.

          Das Ergebnis der Ausschreibung zeigt, dass die Preise für den Ökostrom fallen. So weit, so gut, doch dass die Förderung in absehbarer Zeit eingestellt werden könnte, ist trotzdem nicht zu erwarten. Für den Transport des Seewindstroms an Land braucht man Kabel und Konverterstationen. Die Milliarden, die das kostet, werden ebenfalls auf die Stromkunden überwälzt. So günstig wie es scheint, ist der Seewindstrom nicht. Dennoch bleibt die Frage, wie lange sich das Land den vergleichsweise teuren und flächenfressenden Ausbau der Windkraft an Land leisten will, wenn es auf See preiswerter geht? Die Kosten müssen auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien den ihnen gebührenden, höheren Stellenwert bekommen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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