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1,4 Billionen für Klimaschutz : Sie schaffen das

Windräder bei Sehnde in der Region Hannover Bild: dpa

Die Klagen der Industrie über die Kosten des Klimaschutzes sind oft laut. Eine vom BDI in Auftrag gegebene Studie kommt nun zu dem Ergebnis: Die von der Regierung geforderten CO2-Einsparungen sind ökonomisch verkraftbar.

          Die von der Bundesregierung geplante radikale Senkung der Emissionen von Kohlendioxid (CO2) in den nächsten 33 Jahren wird die deutsche Wirtschaft trotz großer technischer und finanzieller Herausforderungen nicht ernsthaft in Bedrängnis bringen. Zu dem Schluss kommen die Beratungsgesellschaften Boston Consulting Group und Prognos in einer unveröffentlichten vorläufigen Analyse für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          „Die gesamtwirtschaftlichen Effekte sind gering und positiv“, heißt es in der Ausarbeitung, die der F.A.Z. vorliegt. Allerdings seien, um das Ziel einer CO2-Minderung von 80 Prozent im Jahre 2050 gegenüber 1990 zu erreichen, zusätzliche Investitionen in Höhe von 1,4 Billionen – 1.400 Milliarden – Euro notwendig.

          Die 80 Prozent Minderung, auf die sich die Industrie-Rechnungen beziehen, sind allerdings nur das untere Ende der von der Regierung genannten Spanne von 80 bis 95 Prozent. Die gewaltige Reduktion von Emissionen soll helfen, den Anstieg der Erdtemperatur auf zwei Grad zu begrenzen. Im „Klimaschutzplan 2050“ hat die Regierung Ende 2016 erste Vorschläge dafür unterbreitet. Sie sollen nächstes Jahr konkretisiert werden.

          Langfristige Klimaschutzstrategie für die ganze Volkswirtschaft

          Die vom BDI in Auftrag gegebene Studie sei der Versuch einer „soliden ökonomischen Folgenabschätzung für Minderungsziele in einzelnen Wirtschaftssektoren“, sagen Beteiligte. Sie solle eine sorgfältig ausgearbeitete Grundlage für die notwendige Diskussion über eine langfristige Klimaschutzstrategie für die ganze Volkswirtschaft sein. Die Industrievertreter wollen nach der Wahl mit belastbaren Zahlen auftreten. Dazu wurden seit März Dutzende Workshops abgehalten. Noch werden die Zahlen als „vorläufig“ charakterisiert. Doch wird auf ihrer Grundlage jetzt der Abschlussbericht erstellt. Ende September, kurz nach der Wahl, dürfte er dann vorliegen. Offiziell heißt es, man erwarte aussagefähige Ergebnisse zu Beginn des nächsten Jahres.

          Tatsächlich sind die zusammengetragenen „Rohdaten“ schon ziemlich konkret. Sie beziehen sich auf die Jahre 2015 bis 2050 und das CO2-Minderungsziel von 80Prozent. Demnach muss die Industrie 150 Milliarden Euro zusätzlich für effizientere Öfen und Technologien ausgeben. Auf die Energieversorger kämen Mehrausgaben von 370 Milliarden Euro zu, vor allem für den Ausbau von Windparks auf dem Meer und an Land sowie für den Netzausbau. Der größte Investitionsbrocken entfiele mit 450 Milliarden Euro auf den Verkehrssektor. Davon veranschlagen die Autoren allein 276 Milliarden Euro Investitionen in Batterie-Pkw, 61 Milliarden Euro in „effizientere Verbrenner“ und 37 Milliarden Euro in Lkw, die ihren Strom aus Oberleitungen beziehen. Weitere insgesamt 400 Milliarden Euro wären nötig, um Gebäude zu sanieren (199 Milliarden Euro), mit Wärmepumpen effizient zu beheizen (67 Milliarden Euro), andere Geräte zu modernisieren oder Techniken einzuführen.

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          Die Zahlen sind gewaltig, doch klingen sie größer, als sie am Ende sind. So machten die für die Industrie berechneten zusätzlichen Mehrausgaben gerade jährlich 3 Prozent ihrer gesamten Investitionen aus. Zudem stünden dem sinkende Energiekosten gegenüber, weil weniger Importe von Öl und Gas nötig würden. Auch die Haushalte müssten für den Klimaschutz draufzahlen, ihr verfügbares Einkommen würde um 225 Euro pro Jahr geringer ausfallen.

          Mehrkosten der Maßnahmen sein schulterbar

          Die meisten Branchen seien nur wenig betroffen, die Autoren halten „die Mehrkosten der Maßnahmen für schulterbar“. Sie machen mit der Bau- und Energieindustrie sowie den Maschinen- und Anlagenbauern mehrere Gewinner aus. Gute Perspektiven böten sich der Wirtschaft zudem durch die Digitalisierung und Systemoptimierungen sowie wegen der Rolle Deutschlands als Leitmarkt für „grüne“ Technologien mit Chancen im Rennen um eine globale Marktführerschaft.

          Auf der Verliererseite notieren sie hingegen die erwarteten Kandidaten aus den Mineralöl- und Kohlebranchen, deren Wertschöpfung „allerdings deutlich rückläufig“ wäre. Ausnahmen von Umlagen und Zusatzkosten auf den Strompreis blieben für sehr stromintensiv produzierende Betriebe notwendig. Für Stahl- oder Aluminiumerzeuger, die in einem sehr intensiven Wettbewerb stünden, „könnten sich vor allem bis zum Jahre 2030 höhere Lasten ergeben, von denen diese befreit werden müssen“.

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