http://www.faz.net/-gqe-8cgy9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.01.2016, 11:07 Uhr

Energiewende Kampf gegen Stromausfälle so teuer wie noch nie

Der Ausbau der Stromnetze hinkt dem Boom bei den Erneuerbaren weiter hinterher. 2015 mussten die Netzbetreiber so stark eingreifen wie noch nie, damit in Deutschland nicht die Lichter ausgehen. Die Quittung bekommen die Verbraucher.

© dapd Arbeiter montieren Feldabstandshalter an Stromkabel

Bei der Energiewende haben Maßnahmen zur Abwehr eines Blackouts im vergangenen Jahr zu Rekordkosten von etwa einer Milliarde Euro geführt. Bezahlen müssen das die Verbraucher über steigende Netzentgelte, die Teil der Stromrechnung sind. „Die Anspannung im Netz steigt - und das schneller als erwartet“, sagte Tennet-Geschäftsführer Urban Keussen am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. „Die Kosten für Maßnahmen, die das Stromnetz stabilisieren, haben bereits 2015 die Milliardengrenze geknackt.“

So fielen beim Netzbetreiber Tennet insgesamt rund 700 Millionen Euro an - darunter 225 Millionen Euro (2014: 74 Mio) für das Hoch- und Herunterfahren von Kraftwerken, 152 Millionen Euro (2014: 92 Mio) für den Abruf der Netzreserve und 329 Millionen Euro (2014: 128 Mio) für das Notabschalten von Windkraftanlagen. Der zweite große Netzbetreiber 50 Hertz, der sehr viel Windstrom im Norden und Osten transportieren muss, meldete kürzlich Ausgaben für die Netzstabilität von um die 300 Millionen Euro.

Netzentgelte machen etwa ein Fünftel des Strompreises aus

Die Stromkunden werden die Entwicklung im laufenden Jahr spüren. Denn die Netzentgelte machen etwa ein Fünftel des Strompreises für die Endverbraucher aus. Sie steigen 2016 für einen typischen privaten Haushalt im Bundesschnitt nach Schätzungen der Bundesnetzagentur wohl um rund sechs Prozent, regional teilweise noch deutlich stärker.

Die Ausgaben zur Netzstabilität zogen auch deshalb an, weil 2015 ein extrem windreiches Jahr war. Da die bestehenden Leitungsnetze für den Ökostrom-Boom nicht ausreichen, kommt es oft zu Transportengpässen. Damit das Stromnetz in Extremsituationen nicht zusammenbricht („Blackout“), greifen Übertragungsnetzbetreiber wie Tennet ein und schalten zum Beispiel Kraftwerke für eine gewisse Zeit ab.

Erdkabel sind teuer

Absehbar dürfte sich daran nichts ändern, weil die geplanten großen Stromtrassen „Suedlink“ und „Südost“ von Nord- nach Süddeutschland erst in einigen Jahren fertig sein werden. „Ich gehe davon aus, dass die Zahl dieser netzstabilisierenden Eingriffe und damit die Kosten dafür schnell weiter steigen werden“, meinte Keussen. Am Netzausbau führe kein Weg vorbei. „Dazu brauchen wir aber die Unterstützung von Bund und Ländern für die dringend notwendigen Netzausbau-Projekte.“

Nach Angaben der zuständigen Bundesnetzagentur waren Ende 2015 von den vor sechs Jahren vorrangig geplanten 1876 Kilometern neuer Leitungen gerade einmal 558 Kilometer geschafft. Bundestag und Bundesrat haben nun beschlossen, neue große Stromautobahnen vorrangig als Erdkabel zu verlegen. Daraufhin gab Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) seinen Widerstand gegen vermeintliche „Monster-Trassen“ auf.

Die Regierung geht davon aus, dass die streckenweise Erdverkabelung (bis zu 80 Prozent) der beiden Gleichstrom-Trassen „Suedlink“ und „Südost“, die Wind- und Sonnenstrom von den Küsten in die Industriezentren im Süden bringen sollen, die Kosten um drei bis acht Milliarden Euro in die Höhe treibt. Auch geht Zeit verloren, weil „Suedlink“ - die 800 Kilometer lange „Hauptschlagader der Energiewende“ - neu geplant werden muss. Die Politik glaubt, dass das am Ende günstiger ist als langwierige Prozesse mit Anwohnern und Bürgerinitiativen.

Quelle: dpa

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Holzeisenbahnen für die Welt Der Familienzuwachs macht Ravensburger Freude

Die Brio-Holzeisenbahnen sorgen dafür, dass die traditionsreiche Spielzeugfirma mehr Geschäft macht. Sie helfen gleichzeitig, die Abhängigkeit vom Heimatmarkt zu verringern. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

15.06.2016, 15:05 Uhr | Wirtschaft
Bericht der Vereinten Nationen Mehr als 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht

Die Zahl der von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen hat nach Angaben der Vereinten Nationen ein trauriges Rekordniveau erreicht. Insgesamt waren Ende 2015 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht. Die große Mehrheit der Flüchtlinge hält sich außerhalb Europas auf, vor allem in den Nachbarländern von Krisenstaaten. Mehr

20.06.2016, 14:49 Uhr | Politik
Rundfunkbeitrag 8.131.285.001,97 Euro

Hurra, Hurra, der Rundfunkbeitrag ist da. Der Beitragsservice von ARD und ZDF hat die Zahlen für das Jahr 2015 vorgelegt. Es zeigt sich: Gebühren einziehen lohnt sich, kostet aber auch schön viel Geld. Mehr Von Michael Hanfeld

14.06.2016, 18:58 Uhr | Feuilleton
Sigmar Gabriel Reform der Erbschaftssteuer bringt jährlich 235 Millionen Euro zusätzlich

Die Große Koalition hat sich auf den letzten Drücker doch noch auf eine Reform der Erbschaftsteuer geeinigt. Vizekanzler Sigmar Gabriel sprach am Montag von zusätzlichen 235 Millionen Euro, die die Reform einbringen soll. Mehr

20.06.2016, 14:46 Uhr | Wirtschaft
Weitere Nachrichten Merkel findet Niedrigzinsen nicht so dramatisch

Die Grünen wollen die Steuer-Begünstigungen für Diesel sofort streichen. Gewinnmitnahmen vor dem Brexit-Referendum belasten Tokios Börse. Mehr

22.06.2016, 06:53 Uhr | Wirtschaft

Junckers Verzweiflungstat

Von Werner Mussler

Jean-Claude Juncker hat, mit Verlaub, den Schuss nicht gehört. Es ist Zeit, dass er sich verabschiedet. Mehr 52 621

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 53

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden