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Teurer Ökostrom : Geht der Energiewende das Geld aus?

Der Zweifel wächst, dass künftig etwa in genügend Offshore-Windparks investiert werden kann. Bild: dpa

Der Ausbau des Ökostroms kostet Milliarden. Das belastet die Energieversorger so stark, dass sie als Kapitalgeber auszuscheiden drohen. Andere Investoren sind gefragt – doch das ist leichter gesagt als getan.

          Mehr als 100 Milliarden Euro hat die deutsche Energiewende bisher verschlungen, sie hat große und kleine Stromversorger mit Wucht getroffen und tradierte Geschäftsmodelle in Frage gestellt. Doch 15 Jahre nach dem Beginn des Umbaus der Stromversorgung mit dem Ziel einer regenerativen, kohlendioxidfreien Erzeugung beschleicht Fachleute eine bange Frage: Geht der Energiewende das Geld aus?

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Gut möglich, lautet die Antwort, die die deutsche Sektion des Weltenergierates und die Berater von Roland Berger darauf geben. In einer unveröffentlichten Studie kommen sie zu diesem Schluss: „Die notwendigen Eigenkapitalmittel für den Ausbau der Netzinfrastruktur sowie von Wind offshore können vermutlich nur unter Mitwirkung alternativer, auch internationaler Investoren bereitgestellt werden. Hohe Risiken lassen es jedoch fraglich erscheinen, ob der Investitionsbedarf in ausreichender Höhe und Geschwindigkeit gedeckt werden kann.“

          Neue Geldgeber müssen her

          Es geht nicht um Kleingeld. Mindestens 280 Milliarden Euro müssten in den kommenden 15 Jahren investiert werden, um den politisch gewollten Umbau des Energiesystems voranzutreiben: Von Windrädern, Biomasseanlagen und Solarkraftwerken über lokale, regionale Stromverteil- und nationale -transportnetze bis hin zu großen Meereswindparks. Diese Berechnung setzt eine „nachhaltige Unterstützung der Politik“ bereits voraus. Ansonsten könnte es noch teurer werden.

          Auf die traditionellen Energieunternehmen – seien es Stadtwerke oder Großkonzerne – ist dabei nicht mehr Verlass. „Viele traditionelle Energieversorger, die früher Investitionen im Stromsektor im Wesentlichen über ihr Eigenkapital finanzieren konnten, stehen heute mit dem Rücken zur Wand“, sagt Uwe Franke, Präsident der deutschen Sektion des Weltenergierates, einer weltweiten Vereinigung von Energieunternehmen. Er hat früher das Geschäft der BP Europe geführt. Franke sagt, privaten wie kommunalen Versorgern fehlten die Investitionsmittel. Deshalb müssten neue Geldgeber gefunden werden, „um die Energiewende und zugleich die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.“

          Die Voraussetzungen dafür fallen unterschiedlich aus. Geld für Photovoltaikanlagen, Windanlagen an Land und für Biomasse sei wohl vorhanden. „Die hierfür notwendigen Kapitalmittel werden auch zukünftig von Banken, Privathaushalten und Projektierern zur Verfügung gestellt werden können“, heißt es in der Berger-Studie. Zudem könne der Staat gegebenenfalls leicht mit Anreizen nachhelfen.

          „Hohe Risiken und Markteintrittshürden“ sowie eine „deutlich angespanntere Situation“ gälten dagegen für Investitionen in Offshorewindparks und Netze. 2012 hätten noch zwei Drittel der Offshorekapazitäten in der Hand von Energieversorgern gelegen, die zwischen einer und 2 Milliarden Euro je Windpark investiert hätten. Hier sei künftig ein größeres Engagement anderer Investoren nötig. Doch ist das leichter gesagt als getan: „Das hohe Risiko von Investitionen in Offshorewindanlagen widerspricht allerdings dem Risikoprofil institutioneller Anleger.“ Nicht zuletzt, weil Gesetze und Kapitalmarktregulierung den Investoren das Geschäft schwermachten.

          Bei den Verteilnetzen treffe ein erheblicher Investitionsbedarf auf geschwächte Stadtwerke. Strukturelle Gründe schreckten Investoren zusätzlich ab: die Zersplitterung in 900 Netzbetreiber sowie der Trend zur Rekommunalisierung. Für den Ausbau der Verteilnetze veranschlagt die Deutsche Energieagentur bis 2040 Ausgaben von 28 bis 43 Milliarden Euro.

          Notwendiges Eigenkapital fragwürdig

          Auch für die Übertragungsnetze, die Strom über weite Strecken transportieren, stehen zweistellige Milliardeninvestitionen an. Angesichts der hohen Beträge sei es fragwürdig, ob Tennet, Amprion, 50Hertz und Transnet BW „die notwendigen Eigenkapitalmittel eigenständig aufbringen können“. Fonds und institutionelle Anleger könnten die mit dem Netzausbau einhergehenden Großprojektrisiken wie Verzögerungen bei Genehmigungen und Bau abhalten. Der aktuelle große Widerstand Bayerns gegen den Netzaufbau könnte damit gemeint sein.

          Folgt man der Studie, so geraten die Energieversorger von zwei Seiten unter Druck. Einerseits fehle vielen das Eigenkapital für Ökostrominvestments. Gleichzeitig drängten starke Investoren in den Markt, getrieben von niedrigen Zinsen und auf der Suche nach attraktiven Anlagen. Versorger könnten deshalb ihre Bedeutung als Finanziers und Eigentümer von Anlagen und Netzen verlieren. Gleichzeitig werde ihre Rolle als Betreiber durch spezialisierte Projektierer und womöglich demnächst auch durch Anlagenhersteller in Frage gestellt.

          Energieversorger müssten flexibler werden, sich mehr als Mittler verstehen und in Kooperationen denken. Sie könnten die Rollen des Fondsinitiators, des Fondsdienstleisters sowie des Finanzinvestors einnehmen. An der Schnittstelle zwischen Projektierer und Kapitalgeber eröffne sich ein Geschäftsmodell. „Doch dieser Übergang geschieht nicht von selbst“, sagt Franke. Energieversorger müssten sich umstellen und die „Energiewende als Kapitalwende“ verstehen.

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