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Klimawandel : Ausweg aus der Klima-Sackgasse

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„TTIP stoppen, Klima retten, Armut bekämpfen“: Was G-7-Kritiker im Sommer auf die Straße trieb. Bild: dpa

Die Treibhausgasemissionen müssen sinken. Aber sie steigen. Ein Durchbruch ist auf dem Klimagipfel in Paris nicht in Sicht. Dabei ist kluge Klimapolitik ganz einfach.

          Alle Welt wird in den kommenden Wochen auf Paris schauen. Wird es gelingen, den Temperaturanstieg endlich einzudämmen? Die globalen Treibhausgasemissionen müssten sinken, wenn der Klimawandel gebremst werden soll. Aber sie steigen. Und sie steigen sogar immer schneller. Die Emissionen haben in der vergangenen Dekade trotz einer globalen Wirtschaftskrise ihre höchsten Wachstumsraten erreicht. Derweil führen das Wachstum der Weltbevölkerung sowie das wirtschaftliche Aufstreben der Schwellenländer zu einer stetig größer werdenden Herausforderung für die Klimapolitik. Denn die in der Atmosphäre kumulierten Emissionen von Treibhausgasen lassen die globale Mitteltemperatur aufgrund des Treibhauseffektes steigen, mit großen Risiken für die Menschheit. Ein Durchbruch ist nach mehr als 20 Jahren Verhandlungen auch in Paris nicht in Sicht.

          Die Menschheit nutzt die Atmosphäre als Deponieraum für ihre Treibhausgase. Dieser Raum ist begrenzt. Da die Nutzung der Atmosphäre als Gemeineigentum der Menschheit bisher kostenfrei zur Verfügung steht, wird die Atmosphäre übernutzt, und es kommt zu verstärktem Klimawandel. Übernutzungen beobachtet man auch bei lokalen Allmenden in den Bergen oder Fischbeständen.

          Daraus folgt eine fundamentale Erkenntnis: Klimapolitik muss vor allen Dingen daran gemessen werden, ob es ihr gelingt, die Emissionen von Treibhausgasen zu begrenzen. Um das Zwei-Grad-Ziel, auf das sich die Staatengemeinschaft festgelegt hat, mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 66 Prozent einzuhalten, dürften nur noch ungefähr 1000 Gigatonnen CO2 emittiert werden. Verbleiben die jährlichen Emissionen auf ihrem heutigen Niveau, wird dieses verfügbare CO2-Budget in den nächsten 20 bis 30 Jahren aufgebraucht sein.

          Axel Ockenfels (46) ist ein mit Preisen dekorierter weithin renommierter Spieltheoretiker, dessen Forschung viel zum Verständnis des wirtschaftlichen Handelns von Menschen beigetragen hat. Ockenfels lehrt Ökonomie an der Universität Köln und ist Sprecher des Exzellenzzentrums „Social and Economic Behavior“ sowie der DFG-Forschergruppe „Design & Behavior“. Er war Mitautor des letzten Berichts des Weltklimarats.
          Axel Ockenfels (46) ist ein mit Preisen dekorierter weithin renommierter Spieltheoretiker, dessen Forschung viel zum Verständnis des wirtschaftlichen Handelns von Menschen beigetragen hat. Ockenfels lehrt Ökonomie an der Universität Köln und ist Sprecher des Exzellenzzentrums „Social and Economic Behavior“ sowie der DFG-Forschergruppe „Design & Behavior“. Er war Mitautor des letzten Berichts des Weltklimarats. : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Die Bedeutung der Größenordnung für die Klimapolitik ergibt sich, wenn man sie zu den etwa 15000 Gigatonnen CO2 ins Verhältnis setzt, welche die Erde noch an fossilen Ressourcen und Reserven anbietet: Das Angebot an Kohlenstoff ist um ein Vielfaches größer als die Aufnahmefähigkeit des verbleibenden Deponieraums. Dies ändert sich auch nicht, wenn man berücksichtigt, dass bei steigenden Preisen für Kohlenstoff nicht alle Reserven gehoben werden.

          Es ist angesichts dieser Zahlen erstaunlich, dass sich in der europäischen Umweltbewegung und der Öffentlichkeit der Glaube verfestigt hat, eine drohende Knappheit der fossilen Energieträger könne das Klimaproblem lösen und den derzeitigen Umbau der Energieversorgung rechtfertigen oder sogar erzwingen. Aus Sicht der Klimapolitik ist das Gegenteil der Fall. Das Angebot der fossilen Energieträger ist zu groß.

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          Die Klimapolitik hofft zuweilen, dass emissionsfreie Technologien so schnell billig werden, dass es sich nicht mehr lohnt, vor allem Kohle weiterhin in großen Mengen abzubauen. Diese Hoffnung ist trügerisch. Die erneuerbaren Energien sind längst nicht so kostengünstig, dass die Extraktion dieses fossilen Energieträgers nicht mehr attraktiv wäre. Es ist zwar richtig, dass die Stromgestehungskosten von Wind an guten Standorten schon fast so niedrig sind wie die Stromgestehungskosten von Kohle. Rechnet man jedoch die Kosten der Fluktuation des Windes mit ein, ist der Windstrom immer noch weit teurer als der Kohlestrom, zumindest bei größeren Anteilen von Windstrom im Netz. Für Solarenergie gilt Ähnliches. Bei den erneuerbaren Energien wird es weitere Durchbrüche geben, aber sie werden die Nutzung der Kohle nicht auf einen Schlag unrentabel machen.

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