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Veröffentlicht: 09.06.2017, 14:39 Uhr

Energiewende Stromnetz kurz vor dem Zusammenbruch

Das deutsche Stromnetz ist in einem besorgniserregenden Zustand. Der Ausbau geht zu langsam und die Krisen häufen sich. Nun spricht ein Betreiber Klartext.

von , Berlin
© dpa Milliardeninvestition: Amprion will das deutsche Stromnetz weiter ausbauen.

Das deutsche Stromnetz hat im Winter nach Angaben des Netzbetreibers Amprion mehrmals kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. „Es haben nur wenige Tropfen gefehlt, und es wäre zum Überlaufen gekommen, das heißt Blackout“, sagte der Technische Geschäftsführer Klaus Kleinekorte am Donnerstag. Grund für die zeitweise extrem hohe Transportbelastung des Elektrizitätsnetzes zwischen Dezember und Februar sei das Zusammentreffen mehrerer kritischer Faktoren gewesen. So seien Kernkraftwerke in Frankreich und Belgien unerwartet ausgefallen, auch eines in Süddeutschland. Historisch niedrige Wasserfüllstände in den Speicherseen der Alpen hätten die Stromlieferungen der Wasserkraftwerke begrenzt. Deutsche Betreiber von Windkraft- und Solaranlagen wegen des dunklen und windarmen Winterwetters („Dunkelflaute“) zudem kaum Elektrizität ins Netz abgegeben.

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Das reduzierte Stromangebot stieß auf eine große Nachfrage, die nicht zuletzt dem kalten Winterwetter auch in Frankreich geschuldet war. Amprion, dessen Netz im Westen Deutschlands an die Grenze zu den Niederlanden, Belgien und Frankreich stößt, musste die fehlende Erzeugung durch das Einschalten lokaler Kohle- und Gaskraftwerke ausgleichen, was zu 20 Millionen Euro Extrakosten für diesen „Redispatch“ führte.

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Die Faktoren waren bekannt, doch hat bisher kein Netzbetreiber ihre Folgen so drastisch beschrieben. „Wir waren am Limit“, sagte Kleinekorte. Wenn sich nur eine große Leitung wegen Überlastung abgeschaltet hätte, wäre es womöglich zu einer Kaskade von Abschaltungen und Stromausfällen gekommen. „Von Dezember bis Februar gab es immer wieder Stunden an verschiedenen Abenden, wo wir hart an der Kante waren.“

Problematik wird sich verschärfen

Am 18. Januar etwa hatte Amprion nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Netzagentur und das Wirtschaftsministerium in einer Alarmmail auf den „temporären Verlust der n-1-sicheren Netzführung“ hingewiesen. Das bedeutet, dass das Netz ohne den ansonsten vorgeschriebenen Sicherheitspuffer gefahren wurde.

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Kleinekorte machte die besonderen Umstände für die Lage am Jahresanfang verantwortlich. Deshalb erwarte er keine Wiederholung. Auch der Netzagentur sei kein Vorwurf zu machen, die das Vorhalten einer „Winterreserve“ vorschreibt. Wohl aber verdeutliche die Lage die Notwendigkeit, das Netz zügig auszubauen. Denn die Problematik werde sich verschärfen, wenn die Kernkraftwerke in Süddeutschland vom Netz gingen. Im Jahre 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet werden: „Mit dem Wegfall der Kernkraftwerke im Süden Deutschlands wird der hohe Transportbedarf zur Regel werden“, sagte Kleinekorte.

Amprion will erheblich in den Netzbau investieren

Amprion steht zum Netzausbau. Dafür habe man seit 2009 den Rekordbetrag von 3 Milliarden Euro investiert und werde das weiterhin tun. Bis 2026 wolle allein Amprion, als einer von vier deutschen Transportnetzbetreibern, weitere 5,6 Milliarden Euro für den Netzausbau ausgeben. Gut 200 Kilometer des Netzausbaus seien inzwischen fertiggestellt, weitere 200 Kilometer befinden sich im Bau und weitere 1000 Kilometer in Planung.

Doch hänge der Erfolg der Energiewende nicht allein am Ausbau des Netzes, sagte Hans-Jürgen Brick, der kaufmännische Geschäftsführer. „Wir brauchen mehr Transparenz, Flexibilität und eine echte Integration der erneuerbaren Energien in den Markt, damit wir die Kosten dämpfen können.“ Als zu niedrig beklagte er indes den von der Bundesnetzagentur ab 2019 zugestandenen Zinssatz auf Eigenkapital von 6,91 Prozent. Aktuell liegt er bei 9,05 Prozent. Der niedrige Zinssatz passe nicht zu den notwendigen Investitionen. Auf Dauer dürfte sich das Kapitalmarktrating Amprions verschlechtern. Und Finanzinvestoren könnten sich „über ihr weiteres Engagement im deutschen Netz ihre Gedanken machen“, warnte Brick. Amprion klagt wie 1000 weitere Versorger gegen die neuen Sätze vor dem Landgericht Düsseldorf.

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