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Energiewende : Skandinavier verärgert über verstopftes deutsches Stromnetz

Ärger um Strom: Zu überfüllt und unzureichend ausgebaut soll das deutsche Netz sein. Bild: dpa

Dänemark, Norwegen und Schweden haben in Brüssel Beschwerde eingelegt: Das überfüllte und marode deutsche Stromnetz blockiere den Durchfluss ihres Stroms nach Süden.

          Die Folgen der Energiewende führen zu Irritationen in und Beschwerden der Nachbarstaaten. Dänemark, Norwegen und Schweden haben sich nach Informationen der F.A.Z. jüngst bei der EU-Kommission über Deutschland beklagt. Das überfüllte und unzureichend ausgebaute deutsche Stromnetz verhindere den Durchfluss ihres günstigen (Öko-)Stroms Richtung Süden. Die Skandinavier stehen nicht alleine mit ihren Klagen da. An den Grenzen zu Polen und Tschechien werden schon große Anlagen (Phasenschieber) gebaut, die ungeplante Stromflüsse abblocken sollen, welche wiederum die dortigen Netze belasten.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Bundesnetzagentur bekräftigte in einem am Dienstag vorgelegten Bericht ihre Forderung nach einer Aufspaltung des gemeinsamen deutsch-österreichischen Elektrizitätsmarktes. Die Österreicher opponieren heftig dagegen. Das alles ist Wasser auf die Mühlen jener, die den Ausbau von Windstromkapazitäten im Norddeutschland für falsch halten, solange es an Leitungen fehlt, den Strom nach Süden zu leiten. Die Debatte zielt auf die in der Koalition umstrittene und zurzeit in der Regierung beratene Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG).

          Deshalb wäre es auch nicht verwunderlich, wenn, wie kolportiert wird, im Wirtschaftsministerium die Alarmglocken wegen der neuen Vorwürfe in Brüssel schrillen. In Kreise der EU-Kommission werden die politischen Interventionen der Nordländer bestätigt. Zugleich versichert man in Brüssel, die Kommission sehe sich in einer „moderierenden Rolle“. Auch in Berlin ist man sich aber bewusst, dass die Kommission im Herbst einen weiteren Teil ihrer Regelungen zum Design des Energiemarktes vorlegen will. Ein Schwerpunkt wird der europaweite Netzausbau werden.

          Entspannung der Netzsituation? Fehlanzeige.

          Dabei spielt nicht zuletzt auch die Frage eine Rolle, ob der freie Waren- und Kapitalverkehr in der EU gesichert ist oder ob er im Falle des Handels mit Elektrizität womöglich durch den unzureichenden Netzausbau in der deutschen Mitte Europas behindert wird. Die Vermutung wird schon seit längerer Zeit geäußert, gepaart mit der Sorge, dass diese „Störung“ nicht nur ein vorübergehendes, sondern ein langfristiges Phänomen sein könnte. In dem Fall könnte die EU tun, was sie den Schweden schon vorgeschrieben hat: das Land in mehrere Strompreiszonen aufspalten. Im deutschen Fall wäre das eine nördliche und eine südliche, mit der Trennlinie etwa auf Höhe des Mains. Dahinter steht die Überlegung, dass der Markt für einen Preisausgleich dort sorgen würde, wo fehlende Netze den Ausgleich von Angebot und der Nachfrage verwehren. Im Süden würde Strom teurer, im Norden billiger.

          Heute leidet der Markt unter Fehlanreizen: Signalisieren die Wetterdienste viel Wind, fällt der Preis an der Strombörse. Dort wird mit viel Windstrom gerechnet, der preiswert ist, weil er schon per Umlage bezahlt ist. Wegen niedriger Preise melden sich Kraftwerke ab, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind. Gleichzeitig steigt die Nachfrage in Südeuropa nach dem preiswerten Strom aus Deutschland. Weil die Leitungen nicht ausreichen, den Windstrom aus dem Norden abzutransportieren, müssen im Süden Kraftwerke angeworfen werden, um die Nachfrage zu decken. Die Extrakosten für diesen „Redispatch“ werden auf die Verbraucher umgelegt. Voriges Jahr waren das 1 Milliarde Euro.

          Regionale Strommärkte würden die Knappheitssignale schneller umsetzen und für höhere Preise sorgen. Entsprechend empfiehlt die Bundesnetzagentur eine „Engpassbewirtschaftung nach Österreich“. Denn die würde „zu einer signifikanten Senkung des Bedarfs an Reservekraftwerken“ führen. Statt 5400 Megawatt Reserve wie für den Winter 2016/2017 müssten für den Winter 2018/19 dann nur 1900 Megawatt Reserve angekauft werde, heißt es in dem Papier. Ob die Österreicher sich abkoppeln lassen werden, ist dahingestellt.

          Von einer Entspannung der Netzsituation könne keine Rede sein, klagt der Vizevorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion Michael Fuchs (CDU). Die Analyse zeige, dass die Intensität der Netzeingriffe zunehme, bis zum Winter 2018/19 im ungünstigsten Fall um mehr als 60 Prozent. Auch werde die Lage nach 2019 schwieriger, weil die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet würden und große Windparks auf See und an Land entstünden. „Darum appelliere ich dringend an das Wirtschaftsministerium, bei der EEG-Reform den Erneuerbaren-Zubau dem Netzausbau anzupassen“, sagte er. Sonst drohten Zusatzkosten „von mehreren Milliarden Euro pro Jahr“.

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