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Fossile Brennstoffreserven : Der Erdöl-Schlussverkauf

  • -Aktualisiert am

Eine Ölpumpe am Maracaibo-See: Es wäre vernünftig, wenn sich die Opec schon heute Gedanken darüber machen würde, ob es im nächsten Jahrhundert noch einen Ölmarkt gibt. Bild: Reuters

Kaum einer hat den Schwächeanfall der Ölindustrie im vergangenen Jahr kommen sehen. Doch der Klimawandel könnte das Billigöl zum Normalfall machen. Sind fossile Brennstoffreserven tatsächlich nichts mehr wert?

          Es ist derzeit eine der spannendsten Kontroversen der Klimaschutzpolitik: Die These von den „gestrandeten Vermögenswerten“ (stranded assets) hat binnen kurzer Zeit die Debatte um fossile Brennstoffe auf den Kopf gestellt. Viele Jahre lang drehte sich die Energiedebatte um die Frage, ob der Welt das Öl ausgeht (peak oil). Jetzt dagegen lautet die Warnung, dass womöglich viel mehr Öl da ist, als gebraucht wird.

          Seit dem vergangenen Jahr haben sich die Ölpreise rund halbiert, kaum ein Energiefachmann hatte diesen Schwächeanfall kommen sehen. Doch die These von den gestrandeten Vermögenswerten legt nahe, dass der Klimawandel das Billigöl zum neuen Normalfall machen wird. Das Argument lautet: Ölquellen, Gasfelder und Kohleminen seien sehr viel weniger wert als bisher angenommen. Denn ein Großteil der noch vorhandenen Reserven an fossilen Brennstoffen könne nie verbrannt werden, weil dadurch viel mehr Kohlendioxid freigesetzt würde, als das Weltklima verkrafte. Früher oder später würden deshalb Klimaschutzmaßnahmen zwangsläufig die überschüssigen Reserven an Kohle, Öl und Gas wertlos machen.

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          Aus dieser Argumentation wird dann die Forderung an Konzerne wie Exxon-Mobil, Shell und BP abgeleitet, kein Geld mehr in die teure Suche nach neuen Ölquellen zu stecken. Wozu auch, denn die Welt habe ja schon heute mehr Öl, als sie gebrauchen könne. Die Unternehmen sollten die eingesparten Milliarden besser an ihre Aktionäre ausschütten und diese das Geld in erneuerbare Energien reinvestieren.

          Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass zwei Drittel der fossilen Brennstoffreserven in der Erde bleiben müssen, wenn der globale Temperaturanstieg auf die von Klimaforschern angemahnten 2 Grad Celsius begrenzt werden soll. Fachleute der amerikanischen Großbank Citigroup erwarten, dass deshalb bis zur Mitte des Jahrhunderts Kohle, Öl und Gas im Wert von rund 90 Billionen Euro „stranden“. Die britische Notenbank warnt schon, eine abrupte Abwertung von fossilen Brennstoffen könnte die Stabilität des globalen Finanzsystems bedrohen. Schließlich zählen die Ölriesen bisher zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.

          Viele Investoren haben sich der „Divest“ Bewegung angeschlossen

          Im Ringen um den Klimaschutz entwickelt derzeit kaum ein Argument eine solche Durchschlagskraft wie dieses. Am Kapitalmarkt beginnen langfristig orientierte Investoren Geld aus fossilen Brennstoffen abzuziehen - aus Sorge um ihre Reputation, aber auch, weil sie das Entwertungsrisiko ernst nehmen. Bisher trifft dieser Anleger-Boykott vor allem die besonders klimaschädliche Kohle. Norwegens Staatsfonds, der größte der Welt, will nicht mehr in Kohleaktien investieren. Große Versicherungen und Banken wie Axa und Bank of America kündigten ähnliche Schritte an.

          Schätzungen zufolge haben sich mittlerweile Investoren mit einem verwalteten Vermögen von 2,3 Billionen Euro dieser „Divest“-Bewegung angeschlossen. Damit hat sich das Volumen binnen eines Jahres mehr als verfünfzigfacht. Sollten die Staats- und Regierungschefs auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen im Dezember in Paris energischere Maßnahmen gegen den Klimawandel beschließen, könnte sich dieser Trend verstärken.

          Die These der gestrandeten Vermögenswerte ist allerdings umstritten. Einerseits könnte der technische Fortschritt in Zukunft doch eine klimaschonende Nutzung fossiler Brennstoffe möglich machen. Andererseits wischen Ölmanager die Bedenken bisher als unrealistische Gedankenspiele zur Seite mit der Begründung, der globale Energiehunger sei schlicht zu groß, als dass fossile Brennstoffe wertlos werden könnten. Sie verweisen auf Prognosen der IEA, nach denen die Welt auch im Jahr 2040 noch drei Viertel ihres Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen decken werde.

          Doch auch wenn der Verbrauch so schnell nicht verebben sollte, ist eine frühzeitige Reserven-Entwertung vorstellbar, denn schon die Angst vor einem künftigen Wertverlust könnte dazu führen, dass fossile Brennstoffe in einer Art Schlussverkauf zu Niedrigpreisen verramscht werden. Mehr als 70 Prozent der Ölreserven werden vom Ölstaatenkartell Opec kontrolliert. Beim heutigen Förderniveau würde es bis ins Jahr 2105 dauern, bis das Kartell seine Reserven vollständig ausgeschöpft hätte. Es wäre deshalb nur vernünftig, dass sich die Opec schon heute Gedanken darüber macht, ob es im nächsten Jahrhundert noch einen Ölmarkt gibt.

          Der Schlussverkauf fängt also womöglich an, lange bevor das Erdölzeitalter zu Ende geht. Denn folgen die Ölstaaten der These der gestrandeten Vermögenswerte, müssen sie alles daransetzen, ihre Fördermengen zu steigern, um ihren Ölschatz zügig in Einnahmen umzumünzen. Zwar würde das höhere Angebot wohl rasch den Preis deutlich drücken, aber es wäre immer noch besser, jetzt Abschläge in Kauf zu nehmen, als später womöglich ganz auf dem Öl sitzenzubleiben, weil es keinen Markt mehr dafür gibt. Die Klimadebatte wird die Spielregeln in der Ölindustrie radikal verändern und das Geschäftsmodell der Konzerne in Frage stellen. Nicht von heute auf morgen, aber auch nicht erst am Sanktnimmerleinstag, wie die Ölmanager glauben machen wollen.

          Quelle: F.A.Z.

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