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Veröffentlicht: 02.03.2017, 10:27 Uhr

Energiewende 20 unterschiedliche Strompreiszonen in Deutschland?

Bisher wird Strom zentral gehandelt. Rund herum strickt sich ein kompliziertes System aus Entgelten, Steuern, Abgaben und Umlagen. Ein einflussreicher Think Tank hat nun radikale Reformvorschläge vorgelegt.

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© dpa Immer mehr Strom aus Erneuerbaren: In Deutschland wird schon knapp ein Drittel aus Windkraft-, Solaranlagen und Co. gewonnen.

In Deutschland gibt es einen Großhandelspreis für Strom, egal wo dieser produziert wird. Doch das könnte sich bald ändern – zumindest, wenn es nach einem einflussreichen Forschungsinstitut geht. Denn das fordert jetzt die Aufspaltung Deutschlands in mehrere Preiszonen. Hinter dem jetzigen System steht die Überzeugung, dass der Strommarkt am effizientesten ist, wenn Angebot und Nachfrage in einem möglichst großen (deutschlandweiten) Raum miteinander verrechnet werden.

Hanna Decker Folgen:

Technische Hindernisse wie das Netz, das begrenzte Übertragungskapazitäten hat, werden in dieser Idealvorstellung ausgeblendet; die entstehenden Kosten werden quasi unter „Sonstiges“ verbucht. „Kupferplatte“ heißt diese Vorstellung, weil man sich ganz Deutschland als quasi super-leitendes Etwas vorstellt, bei dem die Netzfrequenz jederzeit konstant bei 50 Hertz liegt.

„Hochgradig willkürlich und chaotisch“

Kritiker der Energiewende klagen oft über die hohen Kosten für den Netzausbau. Im aktuellen Netzentwicklungsplan heißt es, bis 2030 müssten neue Leitungstrassen mit einer Länge von 3800 Kilometern gebaut werden, weitere 7600 bis 8500 Kilometer Leitungen sollen verstärkt oder modernisiert werden. Die Netzbetreiber kalkulieren mit Kosten von bis zu 50 Milliarden Euro für den Ausbau an Land und auf See. Was durch die Energiewende in jedem Fall gestiegen ist, sind die Kosten der Redispatch-Maßnahmen, also vereinfacht gesagt derjenigen technischen Eingriffe, die nötig sind, um die Kupferplatte zu simulieren: Sie haben sich von 2014 auf 2015 auf 402 Millionen Euro mehr als verdoppelt.

Das Forschungsinstitut Agora Energiewende, das in der Politik sehr gut vernetzt ist, hat nun ein 164-seitiges Papier vorgelegt, das zunächst unscheinbar daherkommt, es aber bei genauerer Betrachtung in sich hat. Denn mit den Vorschlägen könnte das bisherige System auf den Kopf gestellt werden. Dieses sei „hochgradig willkürlich und chaotisch“, heißt es in dem Papier. Und weiter: „Es wäre dabei weder volkswirtschaftlich effizient noch der Bevölkerung zuzumuten, dem bisherigen Leitprinzip des Stromnetzes als Kupferplatte weiterhin zu folgen.“

Vorbild Skandinavien?

Stattdessen wird eine „klare Struktur“ mit drei Ebenen vorgeschlagen: Eigenverbrauch, regional und bundesweit. Eigenverbraucher von Strom sind schon heute von einem Großteil der Abgaben und Umlagen befreit, sollen nach Ansicht der Agora aber künftig weder Mehrwertsteuer noch Konzessionsabgabe zahlen. Außerdem sollen als zweite Ebene 20 bis 40 „Stromregionen“ innerhalb Deutschlands eingerichtet werden, in denen auf „smarten Regionalmärkten“ Strom gehandelt werden soll. Diese könnten sich nach der bisherigen Verteilnetzstruktur richten. Ein bundesweiter Handel mit Strom soll jedoch weiterhin möglich sein und findet auf der dritten Ebene statt.

In Skandinavien gibt es bereits ein ähnliches System: Der Strommarkt Nord Pool erstreckt sich insgesamt über sieben Länder. Norwegen verfügt über fünf, Schweden über vier und Dänemark über zwei unterschiedliche Preiszonen.

Hinter den Überlegungen zu den Preiszonen dürfte auch das Kalkül stecken, dass die unterschiedlichen Preise unterschiedliche Anreize zum Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze setzen. Zu erwarten ist, dass bei der Einführung eines solchen Systems der Strompreis in Norddeutschland mit seiner großen Erzeugung niedriger, im Süden dagegen höher ausfallen dürfte, was Investitionen im Süden nach sich ziehen würde.

Immer mehr Strom aus Erneuerbaren

Bislang gibt es in Deutschland eine Mischung aus zentralen und dezentralen Elementen. Netzentgelte werden beispielsweise schon regional erhoben. Städter zahlen dadurch tendenziell niedrige Entgelte, Landbewohner dagegen müssen tiefer in die Tasche greifen. Eine Reform zur Vereinheitlichung der Netzentgelte hat Sigmar Gabriel in seiner damaligen Funktion als Wirtschaftsminister gerade noch platzen lassen.

Hintergrund der Debatte ist die sich zunehmend wandelnde Erzeugung: Strom aus Windkraft- und Solaranlagen macht einen immer größeren Teil des Strommixes aus, 29,5 Prozent der Bruttostromerzeugung stammten im vergangenen Jahr aus erneuerbarer Energie. Gleichzeitig steigt die Zahl der Produzenten: Während es noch in den 1990er Jahren lediglich eine dreistellige Anzahl von Kraftwerken gab, die ganz Deutschland mit Strom beliefert haben, gibt es heute bereits mehr als 1,5 Millionen Solarstromerzeuger.

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Von Maja Brankovic

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