Mangelnden Ehrgeiz konnte man der Bundesregierung nicht vorwerfen, als sie die Ziele für den Ausbau der Meereswindkraft festsetzte - mangelnden Realitätssinn vielleicht schon. Bis zum Jahr 2020 sollen sich demnach Windturbinen mit einer Gesamtkapazität von 10 Gigawatt in der deutschen Nord- und Ostsee drehen. Doch inzwischen macht sich in der Windenergiebranche immer mehr Skepsis breit. „Noch ist es zu früh zu sagen, die Idee ist gescheitert. Ob die Ausbauzahlen der Bundesregierung erreicht werden können, ist aber kritisch zu sehen“, formulierte es jüngst Hildegard Müller, die Chefin des Energieverbands BDEW, auf der Hannover Messe.
Im stillen Kämmerlein werden Unternehmensvertreter deutlicher: 10 Gigawatt seien nicht mehr zu schaffen. Insgesamt 27 Windparks in Nord- und Ostsee wurde bisher eine Genehmigung erteilt. Wirklich gebaut werden derzeit aber nur drei Parks - und dies viel langsamer als erhofft.
Am Beispiel des Unternehmens Bard werden viele der Schwierigkeiten exemplarisch deutlich. 80 Turbinen will das Unternehmen in seinem Park Bard 1 rund 90 Kilometer nordwestlich von Borkum ins Wasser stellen, nach anderthalb Jahren Bauzeit drehen sich erst 19 Rotoren. Geplant war einst, den Bau mit einem einzigen Errichterschiff bis Ende dieses Jahres abzuschließen, jetzt sind drei bis vier Schiffe wohl noch bis Ende 2013 im Einsatz. Und jedes Schiff kostet pro Tag geschätzte 60.000 bis 80.000 Euro. Nicht nur das verursacht immense Mehrkosten, auch dass die Arbeiten aus Wetter- und Wellengründen immer wieder unterbrochen werden müssen, wurde anfangs unterschätzt. Andere Offshore-Projekte liegen derzeit auf Eis, weil der dafür allein zuständigen Netzgesellschaft Tennet das Kapital fehlt, um ihren Anschlussverpflichtungen nachzukommen - wer nun einspringen soll, wird in Berlin heiß diskutiert. Man befinde sich im Offshore-Geschäft „noch immer am Anfang einer steilen Lernkurve“, heißt es unisono in der Windenergiebranche.
Verzögerung schreckt Investoren ab
Als größtes Problem bezeichnet BDEW-Chefin Müller derzeit allerdings die ungeklärte Haftungsfrage. Wer trägt die Kosten für Verzögerungen im Offshore-Bau? Bislang decken die Versicherer diese Schadensrisiken nicht vollständig ab und könnten es wohl auch nicht. Bis zum Sommer müsse das Problem gelöst sein; gefordert sei auch hier die Regierung, sagt Müller. „Sonst ist der Ausbau stark gefährdet.“
Denn mit den Haftungsrisiken stehen und fallen auch die Renditemodelle der Investoren, ergänzt Thorsten Herdan, der energiepolitische Sprecher des Maschinenbauverbands VDMA. Die Fixierung auf ein bestimmtes Ausbauziel sei ohnehin der falsche Weg. Wichtiger sei, die Technik auf dem Meer voranzutreiben und die Chancen für die deutschen Hersteller zu nutzen, sagt er.
Zu den Bauproblemen hinzu kommt aber noch das Zögern vieler Geldgeber. Generell gebe es ein großes Interesse vieler Investoren, in das Geschäft mit der Meereswindkraft einzusteigen, sagt Matthias Meyer, der Deutschland-Leiter des Infrastrukturgeschäfts der niederländischen Bank NIBC. „Selbst Autokonzerne wollen in Offshore-Parks investieren“, erläutert er. Auf der Kreditseite seien jedoch die Verhandlungen über die Konditionen schwierig, und potentielle Eigenkapitalgeber zögerten ebenfalls, weil ihre ursprünglichen Offshore-Renditemodelle ins Wanken geraten sind. „Hinzu kommen viele technische Baustellen in der maritimen Logistik. Am Ende addiert sich das alles und führt derzeit zu den deutlichen Verzögerungen“, sagt der NIBC-Fachmann.
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Im Fall Bard wäre das Aus fast schon Ende 2011 erfolgt, das Unternehmen stand kurz vor der Pleite. Seit Monaten sucht die Großbank Unicredit, Hauptgläubiger von Bard, nun nach einem neuen Investor. Bis zum Ende des ersten Quartals 2012 sollte er gefunden sein, hatte es ursprünglich geheißen, jetzt sei bis zum Sommer „mit einer wegweisenden Entscheidung zu rechnen“, teilt das Unternehmen mit. Angeblich hat der spanische Windenergiekonzern Gamesa immer noch Interesse an Bard. Aber noch ist unklar, ob das Produktionsunternehmen Bard zusammen mit seinem Park Bard 1 einen neuen Besitzer finden soll oder ob das Paket aufgeschnürt wird. Der schwäbische Energiedienstleister Südweststrom hatte schon 2010 sein großes Interesse an einer Mit-Übernahme von Bard signalisiert - aber das gelte nach wie vor nur für den Park, erläutert ein Sprecher des Unternehmens.
„Ob die Ausbauzahlen der Bundesregierung erreicht werden können, ist kritisch zu sehen.“ Hildegard Müller, Energieverband BDEW
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