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Energie Neuartiges Kraftwerk macht mit Salzwasser Strom

21.11.2008 ·  In Norwegen baut der Energieerzeuger Statkraft am Oslofjord das erste Osmose-Kraftwerk der Welt. Es wird nicht viel größer als eine Doppelgarage und nutzt die Energie beim Zusammentreffen von Süß- und Salzwasser.

Von Sebastian Balzter
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OSLO, 19. November

Nicht viel größer als eine Doppelgarage soll das neue Kraftwerk werden. Aber die Technik darin ist dem staatlichen norwegischen Energieerzeuger Statkraft eine eigene Imagebroschüre wert - kein Wunder: Seit zehn Jahren arbeiten eine ganze Abteilung in der Unternehmenszentrale sowie Forschungslabore im In- und Ausland an dem Projekt, für das umgerechnet deutlich mehr als 15 Millionen Euro geflossen sind. Jetzt ist es endlich so weit, die Bauarbeiten für das erste Osmose-Kraftwerk der Welt haben auf dem Gelände einer Papierfabrik am Oslofjord begonnen. Die Lage 60 Kilometer südlich der Hauptstadt an der Mündung eines kleinen Flusses in den Fjord ist ideal. Denn hier soll aus dem Zusammentreffen von Süß- und Salzwasser Energie gewonnen werden. "Darin steckt ein enormes Potential", verspricht Stein Erik Skilhagen, der die Statkraft-Abteilung "Osmotic Power" leitet.

Ein kurzer Blick ins Chemiebuch für die Mittelstufe ist nötig, um das Prinzip dahinter zu verstehen. Osmose ist als "der gerichtete Fluss von Molekülen durch eine halbdurchlässige Membran" definiert; auf diese Weise gleicht sich die unterschiedliche Konzentration von Teilchen in zwei von einer Membran getrennten Beschaffenheiten eines Stoffs aus. In der Praxis und am Beispiel von Fluss und Fjord: Leitet man Salz- und Süßwasser in einen Tank und trennt sie durch eine entsprechende Membran voneinander, dann zieht das Meerwasser Süßwasser auf seine Seite. So gleicht sich die Salzkonzentration aus. Gleichzeitig erhöht sich aber der Druck auf der Meerwasserseite, weil die Membran ja nur in eine Richtung durchlässig ist. Mit diesem Druck will Statkraft in Hurum nun eine Turbine antreiben.

Der Konzern versorgt mit seinen rund 2000 Beschäftigten ein Fünftel aller norwegischen Haushalte mit elektrischem Strom; nach eigenen Angaben ist er der zweitgrößte Lieferant von grüner Energie in Europa - und äußerst profitabel. Gut 8 Milliarden Kronen oder knapp 1 Milliarde Euro Vorsteuergewinn verbuchte das Unternehmen im vergangenen Jahr, zu verdanken ist er vor allem der skandinavischen Natur, die Energie im Überfluss parat hält: 141 Wasserkraftwerke kann Statkraft deshalb allein in Norwegen betreiben, hinzu kommen Anlagen in Schweden und Finnland. So liegt es auch nicht etwa an Finanzierungsvorbehalten, dass sich der zunächst für Anfang des Jahres vorgesehene Baubeginn in Hurum immer wieder verschoben hat, sondern am norwegischen Arbeitsmarkt. "Es ist zurzeit sehr schwer, Bauingenieure zu finden, die auf solche Betonbauten spezialisiert sind", sagt Stein Erik Skilhagen.

Warum aber sollte ein Land wie Norwegen, das ohnehin schon 98 Prozent seines Elektrizitätsbedarfs aus Wasserkraft deckt, viel Geld in Experimente mit so unausgereiften Technologien wie "Osmotic Power" stecken? Erstens könne man von grüner Energie nie genug haben, sagt Liv Monica Stubholt, die Staatssekretärin im Osloer Energieministerium. Zweitens lohne es sich, in Forschung und Entwicklung vorne mit dabei zu sein. Deshalb hat die rot-grüne Regierung einen Forschungsfonds für erneuerbare Energien aufgelegt, 900 Millionen Kronen soll die staatliche Organisation Enova daraus im kommenden Jahr an innovative Unternehmen auszahlen. Und im Haushalt für 2009 sind schon die Mittel für ein Pilotprojekt vor der norwegischen Küste eingestellt: Schwimmende Windmühlen sollen dort installiert werden. Bisher könne das noch niemand auf der Welt, aber die Erfahrung der norwegischen Öl- und Gasförderer mit vergleichbaren Aufgaben lasse hoffen. Und in Portugal zum Beispiel sei das Interesse an solchen Anlagen schon groß.

"Aber wir werden, anders als Windenergieanlagen und Sonnenkollektoren, rund um die Uhr Elektrizität produzieren", kündigt Stein Erik Skilhagen an. Sein nächstes Ass im Konkurrenzkampf der alternativen Energien: Rohre unter der Erde und versteckte Ein- und Ausleitungen sollen die "Salzkraftwerke" der Zukunft unauffällig machen, außerdem seien die Auswirkungen auf das Ökosystem gering - der Ausgleich des Salzgehalts finde ja ohnehin statt, werde nun eben nur in den Tanks konzentriert und kontrolliert, ehe das Wasser in den natürlichen Kreislauf zurückkehre. An den Flussmündungen, an denen in Zukunft ausgewachsene Salzkraftwerke stehen sollen, sei deshalb lediglich mit einem Temperaturanstieg um 0,1 Grad Celsius zu rechnen.

Bleibt als kritisches Moment der Flächenverbrauch. Schon das Pilotprojekt am Fjord wird 100 Quadratmeter groß sein müssen, um in Spiralrollen 2000 Quadratmeter papierdünne Membran vom Wiesbadener Unternehmen Microdyn-Nadir einzubauen. Skilhagen setzt deshalb darauf, dass die Polymer-Membrane in Zukunft besser werden. In sein Notizbuch zeichnet er einen Zeitstrahl und eine Kurve, die das Verhältnis von Leistung zu Membranfläche darstellt. "Angefangen haben wir vor 10 Jahren bei null", erläutert er die Grafik. "Jetzt liegen wir bei 3 Watt je Quadratmeter. Ab 5 Watt sind wir wettbewerbsfähig." Dann ließen sich auf einer Fläche von der Größe eines Fußballstadions mit 5 Millionen Quadratmeter Membran 25 Megawatt Strom produzieren, genug für 10 000 Haushalte.

Das ist Skilhagens nächstes großes Ziel, für 2015 steht es im Kalender. Aber schon die Fertigstellung der Doppelgarage in Hurum Ende 2009 wird ein Grund zum Feiern sein. Denn dann wird Statkraft die neue Technik nicht mehr mit dem aquariumgroßen Modell präsentieren müssen, das Skilhagens Team noch Anfang Oktober auf der größten Messe für erneuerbare Energie in Skandinavien und auf dem "Osmose-Membran-Gipfel" in Amsterdam im Gepäck hatte. Dass sie auf dem richtigen Weg sind, hat ihnen vor kurzem auch die Europäische Union versichert, die "Osmotic Power" in ihre Direktive für erneuerbare Energien aufgenommen hat.

Mit der Energie von Süß- und Salzwasser, überschlägt Statkraft in seinen Katalogen, werden sich in Norwegen eines Tages 10 Prozent der nationalen Stromerzeugung decken lassen. Für ganz Europa wird ein Potential von 200 Terawatt, für die Welt eines von 1600 Terawattstunden prognostiziert - das ist dreizehnmal so viel wie alle norwegischen Wasserkraftwerke derzeit zusammen produzieren. Für das Pilotprojekt in Hurum sind die Vorhersagen vorsichtiger. Eine Leistung von knapp 10 Kilowatt kündigt Stein Erik Skilhagen an - gerade genug, um eine Kochplatte zu betreiben.

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