12.08.2008 · Plötzlich scheinen in Italien alle Argumente für die Nutzung der Atomkraft zu sprechen. Bestärkt fühlen sich die Befürworter vom Höhenflug der Öl- und Gaspreise. Doch niemand hat es bisher gewagt, über konkrete Standorte zu sprechen.
Von Tobias PillerItaliens neue Regierung arbeitet aktiv an einer Wende zur Kernenergie. Italien hatte seine Kernkraftwerke 1987 abgeschaltet, heute wird dieser Entschluss immer mehr als kolossale Fehlentscheidung betrachtet. Deshalb hat der neue Industrieminister Claudio Scajola angekündigt, er wolle bis zum Jahr 2013 den Grundstein legen für ein neues italienisches Atomkraftwerk. Zudem gibt es vage Ideen darüber, in benachbarten Ländern, etwa in Albanien, italienische Atomkraftwerke zu errichten.
Wenige Kohlekraftwerke
In Italien scheinen plötzlich alle Argumente für die Nutzung der Atomkraft zu sprechen. Bestärkt fühlen sich die Befürworter der Kernenergie vom Höhenflug der Öl- und Gaspreise. Denn Italien verfügt über wenige Kohlekraftwerke, keine eigene Kernkraft und leidet daher in besonderem Maß unter den Preisschwankungen des internationalen Energiemarktes, die hier noch stärker als anderswo direkt in die Heizkosten und Stromrechnungen jeder einzelnen Familie durchschlagen.
Die Versorgungssicherheit ist ein weiteres Argument. Italiens Heizungen und viele Kraftwerke hängen von wenigen Pipelines aus Algerien und Russland ab. Zudem ergeben die Prognosen des Öl- und Gaskonzerns Eni, dass die in ganz Europa wachsende Beliebtheit von Gaskraftwerken in wenigen Jahren zu Versorgungslücken führen wird.
CO2-Ausstoß durch Kernkraft vermindern
Schließlich sind sich die Italiener auch sicher, dass sie das Ziel geringerer CO2-Emissionen nur mit Kernkraft erreichen können. Während Deutschlands Kohlendioxid-Bilanz nach 1990 von der Abschaltung der maroden DDR-Industrieanlagen profitiert hat, kann Italien nicht auf ähnliche Effekte bauen. Es muss stattdessen mit den Folgen sprunghafter Umweltpolitik und vielfältiger Energieverschwendung im Alltag leben. Unter diesen Umständen will die neue Regierung möglichst darauf verzichten, ihre Wirtschaft mit einer Verteuerung der Emissionsrechte für Kohlendioxid zu belasten. Der neue Industrieminister will den CO2-Ausstoß durch Kernkraft vermindern, zugleich aber die Emissionsrechte für CO2 günstig an die Industrie abgeben, um den Anstieg der Produktionskosten in der Wirtschaft zu vermeiden.
Für einen breiten Stimmungswandel in Richtung Kernkraft haben auch wichtige Meinungsführer gesorgt, die sich von orthodoxen Denkschemata verabschiedet haben. Ausgerechnet der bekannteste italienische Tumorforscher, ein ehemaliger Gesundheitsminister, hat in einem linksliberalen Blatt einen Leitartikel zugunsten der Kernkraft geschrieben. Die Atomkraft sei ein „unvermeidlicher Schritt“; die Strahlenbelastung durch Atomkraftwerke sei unbedenklich, heißt es in dem Beitrag von Umberto Veronesi für „Repubblica“. Chicco Testa, ein ehemals grüner Politiker und der nationale Vorsitzende der großen Umweltorganisation Lega Ambiente, hat seine Wende zur Kernkraft in einem Buch beschrieben. Darin geißelt er den früheren Ausstieg aus der Atomkraft als Indiz für Führungs- und Entscheidungsschwäche.
An der Spitze der Anti-Atom-Bewegung
Der Entscheid für den Verzicht auf die Kernkraft erscheint im Rückblick immer unsinniger. Damals hatten Kernkraftgegner ein Volksbegehren angestrengt, das die Genehmigung neuer Atommeiler erschweren sollte. Mitten in das langwierige Verfahren platzte dann die Katastrophe von Tschernobyl. Die Italiener stimmten für das Volksbegehren.
Die früher kernkraftfreundlichen italienischen Politiker glaubten, dass bald ganz Europa auf Kernkraft verzichten würde, und setzten sich auf populistische Weise an die Spitze der Anti-Atom-Bewegung. Die drei relativ kleinen Kernkraftwerke, die damals in Betrieb waren, wurden abgeschaltet. Ein großes, eben fertiggestelltes Kraftwerk in Caorso am Po-Ufer bei Piacenza wurde erst gar nicht in Betrieb genommen. Der Bau einer großen Anlage 50 Kilometer von Rom wurde auf halbem Weg eingestellt.
Synonym für Frustration
Die Folgen waren absurd. Die Atombaustelle in der Umgebung von Rom sollte für andere Brennstoffe umgebaut werden und kostete dann ein Mehrfaches eines normalen Kraftwerkes. Der fertige Atommeiler in Caorso bei Piacenza wurde mehr als ein Jahrzehnt mit Schichtdienst verwaltet, als ob er doch noch angefahren werden sollte. Den fehlenden Strom, etwa ein Sechstel ihres nationalen Verbrauchs, bezogen die Italiener dann schließlich aus Frankreich und der Schweiz, aus Kernkraftwerken, die zum Teil nahe an der italienischen Grenze stehen. Für die italienischen Atomtechniker, ehemals die Eliten der Ingenieursjahrgänge, wurde das italienische Abenteuer mit der Kernkraft zum Synonym für Frustration und vertane Energien.
Obwohl diese Vergangenheit heute neu bewertet wird, ist Italien noch weit entfernt von der verheißenen heilen Welt der neuen Kernkraftwerke. Denn niemand hat es bisher gewagt, über konkrete Standorte zu sprechen. Auch darin steckt eine Lehre aus der italienischen Erfahrung mit dem Ausstieg: Die Länder mit Kernkraft tun womöglich gut daran, an den existierenden Atomstandorten festzuhalten und nicht den Rückbau zur grünen Wiese zu versprechen.
54% der Italiener sind für Atomkraft
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 12.08.2008, 16:31 Uhr
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