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Energie : Das deutsche Stromnetz läuft über

Bild: F.A.Z.

Deutschland hat 2012 so viel Strom an seine Nachbarn geliefert wie nie zuvor. Doch die sind über diese Folge der Energiewende nicht nur froh.

          Deutschland hat 2012 so viel Strom in ausländische Netze abgegeben wie noch nie zuvor. Nach Berechnungen des Bundesverbands der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) dürften im vergangenen Jahr 23 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom mehr ins Ausland geflossen sein, als von dort eingeführt worden seien. Zum Teil wurde der Strom verschenkt oder es musste draufgezahlt werden, um Abnehmer für ihn zu finden. Im Jahr davor war der „Überschuss“ mit 8 Milliarden kWh nur etwa ein Drittel so groß. Die bisherige Höchstmarke habe 2008 bei 22,3 Milliarden kWh gelegen, heißt es. Als Grund für den hohen Stromfluss ins Ausland gelten der unregulierte Ausbau erneuerbarerer Energien und die daraus folgenden Verwerfungen auf dem Markt für konventionelle Erzeugung.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Überschuss ist nur eine statistische Zahl. Er sagt nichts über die jeweilige Stromversorgung, die für jeden Tag und jede Stunden gesichert sein soll. Dahinter stehen auch nur zum Teil Handelsgeschäfte, also gewünschte Übertragungen gegen Geld. Deshalb handelt es sich auch nicht um einen „Exportüberschuss“. Denn physikalisch fließt der Strom im Netz dorthin, wo der Widerstand am geringsten ist.

          Weil der Ökostrom in der Regel dann ins deutsche Netz eingespeist wird, wenn die Erzeugungsbedingungen dafür gut sind - viel Wind, viel Sonne -, kommt es zu unerwünschten Folgen wie ungeplanten „Exporten“ in Nachbarstaaten und „negativen“ Preisen an der Strombörse in Leipzig, wo der Ökostrom per saldo verkauft werden muss. Im Jahresverlauf 2012 registrierte die europäische Strombörse Epex Spot an 15 Tagen solche negativen Strompreise. „Dabei trifft eine hohe Produktion, meist aus Winderzeugung, auf eine sehr niedrige Nachfrage“, sagte Jonathan Fasel von der Epex der Deutschen Presseagentur. Zuletzt sei das an Weihnachten der Fall gewesen.

          Hochbetrieb: Die Strombörse in Leipzig
          Hochbetrieb: Die Strombörse in Leipzig : Bild: Lüdecke, Matthias

          Wie hoch der Anteil geplanter und unerwünschter „Exporte“ am Übertragungssaldo ist, könne man nicht sagen, heißt es beim BDEW. Polen will sich gegen solche unerwünschten Übertragungen künftig mit technischen Barrieren, sogenannten Phasenschiebern, wehren. Ein entsprechender Vertrag mit dem Betreiber des ostdeutschen Stromnetzes, 50 Hertz, wurde zum Jahresende geschlossen. Ein weiterer mit Tschechien soll bald folgen.

          Die deutsche Energiewende führt auch zu Preisverzerrungen auf dem europäischen Strommarkt. So wird nach dem neuen Rekordhoch für den Bau neuer Photovoltaikanlagen in der Mittagszeit mehr Strom eingespeist. Das senkt den Preis für diese Spitzenlast und macht damit das Angebot von Gaskraftwerken unattraktiv. Diese werden nicht mehr angefahren, auch in den Niederlanden nicht mehr. Dafür kommen - auch wegen der niedrigen Kosten für Kohlendioxidzertifikate - billige Braunkohlekraftwerke zum Zug. Im Ergebnis stieg die Stromübertragung in die Niederlande massiv an. „Die Preise in den Niederlanden sinken, weil sie hier steigen“, sagt die BDEW-Geschäftsführerin Hildegard Müller.

          Sie wertet die jüngsten Daten als weiteren Beleg dafür, dass eine Reform der Finanzierung der erneuerbaren Energien dringend notwendig sei. Sie äußert sich aber zugleich skeptisch zu der Frage, ob dies in diesem Wahljahr geschehen werde. Müller plädiert für eine bessere Synchronisierung des Ökoenergie-Ausbaus mit dem Netzausbau und mehr Koordination. Die von CSU und Grünen verlangte Verstaatlichung der Übertragungsnetze mache die Lage nicht besser.

          Die Grünen kündigten derweil an, sie wollten bei einem Wahlsieg die Energiewende mit einem Fonds und einem Verzicht auf Kohle auch bei hohem Strombedarf vorantreiben. Der vorgesehene Energiesparfonds von drei Milliarden Euro sei für deutliche Fortschritte und die energetische Gebäudesanierung nötig, sagte der Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin. Ziel sei eine jährliche Gebäudesanierungsrate von mehr als 2 Prozent. SPD und Grüne haben sich im Bundesrat unlängst einer steuerlichen Förderung von Energiesparinvestitionen in Gebäuden widersetzt.

          Quelle: F.A.Z.

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