03.02.2006 · Der amerikanische Präsident hat viele überrascht, als er die Vorzüge alternativer Energiequellen pries und seinem Land verordnete, diese zu fördern. Andere Präsidenten scheiterten mit vergleichbaren Projekten.
Präsident Bush hat viele Beobachter überrascht, als er dieser Tage in seiner Rede zur Lage der Nation die Vorzüge alternativer Energiequellen pries. Amerika sei „süchtig nach Rohöl“ sagte er und als Entziehungskur verordnete er seinen Landsleuten eine „Fortschrittliche Energie Initiative“, ein Programm zur Förderung der Forschung an sauberen Energiequellen.
Dessen Kernstück ist die Entwicklung von wirtschaftlichen Methoden zur Herstellung von Bioalkohol und anderer Ersatzstoffe für die herkömmlichen Rohöldestillate, die derzeit den weitaus größten Teil der Kraftfahrzeuge in den Vereinigten Staaten antreiben. Bis zum Jahre 2025, so verkündete Bush, werde solcher Alternativspritt bis zu 75 Prozent der amerikanischen Rohölimporte aus dem Nahen Osten ersetzen.
Zwei Drittel des Rohöls verbrennen in Pkw- und Lkw-Motoren
In den Motoren der etwa 230 Millionen in Amerika zugelassenen Personen- und Lastkraftwagen wird derzeit etwa zwei Drittel des zur Verfügung stehenden Rohöls verbrannt. Das entsprach allein im Jahre 2004 etwa einem Volumen von 5,2 Milliarden Faß. Insgesamt sind gegenwärtig etwa fünf Millionen Fahrzeuge aber in der Lage, nicht nur Benzin sondern auch mit Äthanol versetzten Kraftstoff zu verbrennen.
Allerdings sind sich die meisten Besitzer dieser Fahrzeuge dessen nicht bewußt, denn der sogenannte „E85-Mix“ wird als alternativer Kraftstoff fast ausschließlich in den Bundesstaaten des Maisgürtels im Mittleren Westen angeboten. „E85“ besteht zu 85 Prozent aus Äthanol und zu 15 Prozent aus bleifreiem Benzin und ist durchweg um etwa zehn Prozent billiger als Normalspritt aus Rohöl. Aber selbst in Iowa oder Nebraska bietet längst nicht jede Tankstelle diesen Kraftstoff an. Nach einer jüngsten Erfassung kann man lediglich an 600 der insgesamt 170.000 Tankstellen in den Vereinigten Staaten diesen Treibstoff tanken.
Biospritt-Herstellung derzeit eine agrarpolitische Maßnahme, kein energiepolitische
Der in dem Biospritt verwendete Alkohol wird hauptsächlich aus Maiskolben gewonnen. Dazu wird die in den Kolben enthaltene Stärke zunächst durch „kochen“ in Zucker umgewandelt, der anschließend vergoren und später destilliert wird. Diese „Veredelung“ von Mais ist derzeit aber weniger eine energiepolitische als eine agrarpolitische Maßnahme, mit der die Regierungen in Washington und einigen Bundesstaaten Landwirte subventionieren und den Preis von Mais stabilisieren. Im Jahre 2003 wurden auf diese Weise insgesamt 66 Millionen Faß Alkohol hergestellt.
Der jüngste Vorschlag von Präsident Bush geht allerdings wesentlich weiter. Danach soll der Bioalkohol nicht mehr nur aus Maiskolben, sondern vor allem aus jener Biomasse gewonnen werden, die bisher als land- und forstwirtschaftlicher Abfall galt. Als Rohstoffe kommen dabei unter anderem Getreidestroh, bei der Holzverarbeitung anfallende Häcksel und Sägemehl sowie eine im Mittleren Westen üppig wachsende Hirseart (Switch Grass) in Betracht. Um aus solchen Stoffen Alkohol zu gewinnen, sind aber eine Reihe von Verarbeitungsschritten notwendig, sie bestehen hauptsächlich aus Zellulose. Sie muß zunächst in Bioreaktoren in Zucker zerlegt werden, bevor überhaupt eine Vergärung zu Alkohol einsetzen kann.
Bush-Initiative dürfte Spezial-Unternehmen Auftrieb geben
Das amerikanische Energieministerium betreibt seit dem Jahre 2000 eine Abteilung für Bioenergie im Nationalen Forschungszentrum für erneuerbare Energiequellen im Bundesstaat Colorado. Dort werden unter anderem verschiedene biochemische Verfahren zur Umwandlung von Zellulose in Zucker untersucht. Allerdings wurde der Etat des Laboratoriums im laufenden Haushaltsjahr um knapp zehn Prozent gekürzt, was zu Entlassungen von etwa 40 Mitarbeitern führen wird.
Die Initiative von Präsident Bush dürfte den wenigen Unternehmen Auftrieb geben, die sich bisher mit der Umwandlung von Biomasse in Alkohol beschäftigen. So baut die Firma „BC International“ aus Dedham (Bundesstaat Massachusetts) gegenwärtig in Mississippi eine Anlage, die nach Fertigstellung in der Lage sein wird, jährlich etwa 1,3 Millionen Faß Alkohol aus Zellulose und aus Hirse herzustellen. Das in Ottawa ansässige Unternehmen „Iogen“ hat ähnliche Pläne und will entweder in den kanadischen Provinzen Alberta oder Sasketchewan oder im amerikanischen Bundesstaat Idaho eine Pilotanlage zur Herstellung von „Zellulose-Alkohol“ bauen. Iogen arbeitet eng mit Royal Dutch / Shell zusammen und unterzeichnete kürzlich auf der Automobilausstellung in Detroit eine Vereinbarung mit VW. Danach wollen beide Unternehmen auch in Deutschland nach wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Umwandlung von Biomasse in Äthylalkohol suchen.
Andere Präsidenten scheiterten an vergleichbaren Zielen
Selbst wenn mehrere solcher Anlagen in den Vereinigten Staaten in der Lage wären, Alkohol aus Biomasse zu produzieren, hat das Weiße Haus die Ziele äußerst hoch gesteckt. Im Jahre 2004 importierten die Vereinigten Staaten nämlich insgesamt 4,8 Milliarden Faß Rohöl. Etwa ein Fünftel davon stammte aus dem Nahen Osten, wobei Saudi-Arabien mit 570 Millionen Faß der größte Lieferant aus dieser Gegend war. Um das von Bush angepeilt Ziel zu erreichen müßte im Jahre 2025 bei gleichem Kraftstoffverbrauch wie heute der Import von knapp 750 Millionen Faß Rohöl aus dem Nahen Osten durch Bioalkohol aus Zellulose ersetzt werden. Bisher wird jährlich in Pilotanlagen aber nur ein kleiner Bruchteil dieser Menge erzeugt.
Ob sich die Initiative von Bush tatsächlich verwirklichen läßt, wird in Washington bezweifelt, denn in den vergangenen 30 Jahren war kein amerikanischer Präsident mit vergleichbaren Maßnahmen erfolgreich. So verlief Nixons „Project Independence“ nach dem Ölembargo im Jahre 1973 ebenso im Sande wie vier Jahre später der Vorschlag von Jimmy Carter, bis zum Jahre 1990 vom Rohöl aus Nahost unabhängig zu werden. Auch die von Clinton getroffene Absprache mit den drei großen amerikanischern Autoherstellern bis zum Jahre 2004 Fahrzeuge zur Serienreife zu entwickeln, die weniger als vier Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer verbrauchen, führte zu keiner nennenswerten Verringerung der amerikanischen Rohölimporte.
Wenn man so hört,...
Stefanie Neubert (contactsteff)
- 04.02.2006, 05:12 Uhr
Hybridautos
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 04.02.2006, 15:22 Uhr
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