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Energie Atomstrom ist grün

04.02.2008 ·  Die Bürger haben ihre lange verbreitete Skepsis gegen die Atomenergie zum Teil abgelegt. Die geprügelte Branche nimmt das als Ermutigung. Unter dem Slogan „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ plakatiert sie Schafe und Kühe in grüner Landschaft vor Kernkraftwerk. Zu Recht: Hätte Atomstrom eine Farbe, er wäre grün.

Von Andreas Mihm
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Wer in Deutschland Strom durch Kernspaltung erzeugt, braucht ein breites Kreuz und ein starkes Rückgrat. Es gab Zeiten, da wollte eine Mehrheit den Atomausstieg, und das möglichst sofort. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Sturm ist abgeflaut. Statt Gegenwind zeichnet sich ein leichter Rückenwind für die verfemte Atombranche ab.

Dass der ausgerechnet von den Höhen der Klimagipfel weht und damit ein umweltpolitisches Argument für die Kernspaltung wirbt, mag wie eine energiepolitische Teufelei erscheinen. Doch dass bei der Erzeugung von Atomstrom kein Kohlendioxid freigesetzt wird, hat sich inzwischen bis zum Vorsitzenden der Sozialdemokraten herumgesprochen. Würden die deutschen Kernkraftwerke durch herkömmliche Stromerzeugung ersetzt, fiele der hiesige Kohlendioxid-Ausstoß um ein Fünftel höher aus. Das schmerzt all die, denen ihr Nein zur Kernenergie die Keimzelle aller Umweltpolitik war. Ihre Reaktionen belegen damit auch, wie sehr das Klimaargument für die Kernenergie spricht.

Alte Studien aufgewärmt

Mit allerlei gedanklichen Pirouetten sucht etwa der Chef des Bundesumweltamtes nachzuweisen, dass längere Laufzeiten der Atomanlagen der Klimapolitik schaden. Denn damit werde es den erneuerbaren Energien schwerer gemacht, sich am Markt zu behaupten. Deshalb müssten diese stärker gefördert werden, was wiederum dazu führe, dass erneuerbare Energien indirekt den Atomstrom subventionierten. Mit der gleichen Logik müssten Mediziner auf die heutigen Mittel zur Krebsbekämpfung verzichten, weil künftig vermutlich bessere Therapien auf den Markt kommen.

Dass kein Argument zu absurd, keine Anklage zu abgegriffen ist, Kernenergie zu diskreditieren, zeigte die kleine Anti-Atom-Kampagne im Dezember. Da wurden alte Studien aufgewärmt, nach denen in der Nähe von Kernkraftwerken Kinder häufiger an Blutkrebs erkranken als im Bundesdurchschnitt. Der insinuierte Zusammenhang: hier Atom, da Krebs, konnte nicht bewiesen werden. Es war wohl kein Zufall, dass die Debatte aufkam, als der Klimagipfel in Bali und damit die Frage nach Möglichkeiten zur Reduzierung des Kohlendioxids die Öffentlichkeit beschäftigte.

Die Bürger haben ihre lange verbreitete Skepsis gegen die Atomenergie gleichwohl zum Teil abgelegt. Selbst die Kampagne um die - letztlich harmlosen - Zwischenfälle in den Meilern Krümmel und Brunsbüttel hat das nicht grundlegend geändert. Auf die Frage, ob die Laufzeiten der Kernkraftwerke über 2021 hinaus verlängert werden sollten, antworteten im Herbst immer noch mehr Menschen mit Ja als mit Nein.

Laufzeiten verlängern

Die so oft geprügelte Branche nimmt das als Ermutigung. Unter dem Slogan "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer" plakatiert sie Schafe und Kühe in grüner Landschaft vor Kernkraftwerk. Zu Recht: Hätte Atomstrom eine Farbe, er wäre grün. Der Chef des Atomforums, Eon-Energie-Vorstand Walter Hohlefelder, geht einen Schritt weiter. Er, der den Ausstieg mit Rot-Grün mit ausgehandelt hat, beginnt Vorträge heute mit der provokanten Vorhersage: „Warum Deutschland nicht aussteigen wird.“

Gründe dafür gibt es genug. An erster Stelle steht die Sicherheit in der Energieversorgung für ein Land, das heute schon mehr als drei Viertel seines Energiebedarfs einführt. Uran gibt es an vielen Orten der Welt, und es reicht viele Jahrzehnte. Angesichts der die Preise treibenden weltweiten Energienachfrage können Kernkraftwerke trotz hoher Baukosten wirtschaftlich betrieben werden. Der Klimaschutz, der das Verbrennen von Kohlenstoffen finanziell bestraft, wird den Effekt noch beschleunigen. So wundert nicht, dass die Kernenergie auf allen Kontinenten, auch in früheren "Ausstiegsländern", wieder auf dem Vormarsch ist. Die EU-Kommission, die G-8-Staaten, die Internationale Energiebehörde sehen in ihr eine Chance für eine saubere und - im doppelten Sinne - sichere Energieerzeugung.

Deutschland muss dem nicht folgen. Man darf sich nur hinterher nicht beklagen, dass die Stromkosten zu hoch, die Netzsicherheit zu gering und die Versorgungsstruktur zu unausgeglichen ist oder dass man auf die Sicherheit der ringsherum entstehenden Atomanlagen keinen Einfluss hat. Eine Regierung, die zu wenig für Forschung und Entwicklung tut, darf sich nicht beschweren, wenn die verbliebene industrielle Kompetenz der einstigen Siemens-Atomsparte begierig von Frankreich aufgesogen wird. Dort baut Präsident Nicolas Sarkozy, dessen Atomverkaufsaktivitäten in Ländern wie Libyen und Ägypten man nicht gutheißen muss, einen integrierten Atomkonzern.

„Atomkraft - ja bitte“

Wer die Scheuklappen ablegt, der wird schnell zu einem „Atomkraft - ja bitte“ kommen. Eine Regierung, die ihre Verantwortung ernst nimmt, wird deshalb als ersten Schritt längere Laufzeiten für bestehende Atomkraftwerke ins Auge fassen. Die von der zu Recht rigiden Atomaufsicht verfügten Modernisierungsarbeiten in einigen Kraftwerken könnten dabei zu einem weiteren Vorteil geraten: Denn der Stillstand in Anlagen wie Biblis und Brunsbüttel verschiebt das für diese Wahlperiode geplante Abschaltdatum in die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl.

Quelle: F.A.Z., 04.02.2008, Nr. 29 / Seite 11
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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