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Ende der Sanktionen : Iran versetzt deutsche Wirtschaft in Aufbruchstimmung

Ein goldenes Kapitel für die Wirtschaft? Iraner wie hier in Teheran können auf einen Aufschwung hoffen. Bild: Reuters

Nach dem Ende der Sanktionen hoffen deutsche Firmen auf gute Geschäfte. Hinzu kommt die Aussicht auf noch mehr billiges Öl.

          Fast vier Jahrzehnte lang waren die Wirtschaftsbeziehungen mit Iran eingeschränkt und später sogar unterbrochen – einem Land, das einst zu den wichtigsten Exportpartnern Deutschlands zählte. Doch mit der an diesem Wochenende verkündeten Aufhebung der Wirtschaftssanktionen macht sich in deutschen und europäischen Unternehmen neue Aufbruchstimmung breit; ähnliches gilt für iranische Geschäftsleute und Unternehmen. „Damit eröffnet sich die Möglichkeit, ein neues Kapitel in den deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen aufzuschlagen“, stellte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) fest.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Zuvor hatte die Internationale Atomenergiebehörde am Samstagabend als Ergebnis einer Überprüfung mitgeteilt, dass Iran seine Verpflichtungen aus dem im Juli erzielten Atomabkommen erfülle. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten hoben daraufhin ihre Sanktionen gegen das Land auf. Wie das Bundeswirtschaftsministerium erläuterte, entfallen damit insbesondere in den Bereichen Finanzen und Energie etliche Beschränkungen – darunter das Einfuhrverbot für iranisches Öl und das Ausfuhrverbot für Schlüsselausrüstung für den Energiebereich.

          Siemens hofft auf Großauftrag im Bahnverkehr

          Der Maschinenbauverband VDMA reagierte am Sonntag ebenfalls erfreut. „Das ging schneller als erwartet, Kompliment an die iranische Regierung“, sagte Verbandspräsident Reinhold Festge. Etliche Unternehmen hatten sich zuvor schon gezielt auf das erhoffte Ende der Sanktionen vorbereitet. So hat der Siemens-Konzern etwa Vorvereinbarungen mit Irans Eisenbahngesellschaft geschlossen, auf deren Grundlage er nun zügig über einen Milliarden-Auftrag zur Modernisierung der Infrastruktur verhandeln will.

          Irans Präsident Hassan Rohani
          Irans Präsident Hassan Rohani : Bild: AP

          Der Industriegasehersteller und Anlagenbauer Linde arbeitet ebenfalls seit einiger Zeit daran, neue Kontakte aufzubauen oder Beziehungen aus alter Zeit neu zu beleben. Auch etliche Mittelständler sollen im Vorgriff auf die wirtschaftliche Öffnung erste Geschäftsvereinbarungen getroffen haben. Minister Gabriel war schon im vergangenen Sommer mit einer Wirtschaftsdelegation nach Teheran gereist.

          Irans Öl-Fördertechnik ist marode

          Tatsächlich hat sich in Iran durch die lange Abschottung ein großer Nachholbedarf aufgebaut. Dies betrifft die Verkehrsinfrastruktur ebenso wie etwa den Gesundheits- und Agrarsektor. Zugleich öffnet sich mit der Aufhebung der Sanktionen ein Markt mit 80 Millionen Menschen sowie mit Unternehmen, die nun Zugang zu neuen Maschinen und zum Weltmarkt erhalten.

          Bild: dpa

          Neben deutschen Unternehmen stehen aber auch ausländische Konzerne bereit. So hat der französische Autobauer PSA Peugeot Citroën schon Geschäftsabschlüsse vorbereitet; ähnliche Vereinbarungen haben koreanische Konzerne wie LG erzielt. Besonders große Chancen sehen Fachleute indes für die internationale Öl- und Gasindustrie. Denn das Land verfügt über die größten Erdgas- und die viertgrößten Rohölvorkommen der Welt. Zudem sind die Förderkosten besonders niedrig, weil sich Irans Quellen ohne hohen technischen Aufwand anzapfen lassen.

          Atomabkommen : Westen hebt nach Atom-Einigung Sanktionen gegen Iran auf

          Vertreter von Shell und Total zu Gesprächen in Iran

          Gerade angesichts der derzeitigen Niedrigpreise am Ölmarkt ist dies verlockend für ausländische Investoren – zumal eine Rückkehr Irans in den Kreis der großen Förderländer die Preise weiter unter Druck setzen wird. Die Regierung in Teheran will die wegen der Sanktionen stark gesunkene Ölförderung rasch wieder hochfahren und zeigt sich an Kooperationen interessiert. Iranischen Medienberichten zufolge trafen Vertreter der europäischen Energiekonzerne Shell und Total schon am Sonntag zu Gesprächen in Iran ein. Auch der russische Ölkonzern Rosneft und der italienische ENI-Konzern wollen gerne ins Geschäft kommen. Bisher wird die iranische Ölindustrie von der staatseigenen National Iranian Oil Company (NIOC) dominiert.

          Börse in Teheran
          Börse in Teheran : Bild: Reuters

          Ganz im Gegensatz zu dieser Aufbruchstimmung löst das Ende der Sanktionen jedoch Unruhe und Sorgen bei Irans Nachbarn aus. Denn auch losgelöst von den politischen Krisenherden der Region werden die anderen Golfstaaten durch das zusätzliche Ölangebot aus Iran und den anhaltenden Preisverfall wirtschaftlich belastet. Vor diesem Hintergrund sackten die Kurse an der saudiarabischen Börse in Riad wie auch an der Börse in Qatar allein am Sonntag um mehr als 5 Prozent ab.

          Angesichts der möglichen Geschäfte zwischen Deutschland und Iran zeigt sich Minister Gabriel zwar zuversichtlich, aber nicht überschwänglich. Die Wiederbelebung der Beziehungen werde ein langfristiger Prozess sein, sagte er. Der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) schätzt, dass sich deutsch-iranische Handelsvolumen in den kommenden drei Jahren auf 5 Milliarden Euro verdoppelt könnte. Innerhalb von fünf bis sieben Jahren sei ein Anstieg auf 10 Milliarden Euro möglich. Der Groß- und Außenhandelsverband BGA ist etwas optimistischer und erwartet, dass diese Schwelle schon in vier bis fünf Jahren erreichbar ist. In einer solchen Größenordnung bewegt sich derzeit Deutschlands Handelsvolumen mit Australien, Saudi-Arabien oder Malaysia.

          Als eine Bremse für den Aufschwung der Geschäfte mit Iran könnten sich womöglich Hindernisse im Zahlungsverkehr und beim Zugang zu Finanzierungen erweisen. „Die Banken müssen sich jetzt bewegen“, mahnte der Maschinenbauverband. Bisher hätten viele Institute selbst solche Transaktionen gescheut, die auch unter den Sanktionsregeln formal legal gewesen wären. Hintergrund waren Sorgen der Banken, dass sie in den Vereinigten Staaten dafür trotzdem belangt werden könnten, weil Iran dort als „Schurkenstaat“ eingestuft war.

          Quelle: F.A.Z.

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