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Veröffentlicht: 15.11.2013, 14:32 Uhr

Elbphilharmonie Zeugnis des Schreckens

Die Elbphilharmonie sollte Hamburg Glanz verleihen. Tatsächlich ist sie ein Albtraum für die Steuerzahler. Ein Untersuchungsausschuss hat die Probleme nun analysiert - der Entwurf des 800 Seiten starken Abschlussberichts ist ein Zeugnis des Schreckens.

von Johannes Ritter und
© dpa Schön teuer: Die Computergrafik zeigt den Innenraum der Elbphilharmonie in Hamburg aus dem Entwurf des Architektenbüros Herzog & de Meuron

Ein Konzerthaus in einer Woge aus Glas, das auf einem rohen Kaispeicher aus Backstein ruht. Alle waren beseelt, nein berauscht, als die Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron diesen virtuosen Entwurf für den Bau der Elbphilharmonie vor zehn Jahren erstmals vorstellten. „Wir wollen sie“, rief der damalige Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) damals freudig aus. „Wir“ – damit meinte er alle Hamburger, und das traf sogar zu. Die Bürgerschaft des Stadtstaats stimmte einstimmig für den Bau in der historischen Speicherstadt an der Elbe. Hätten die Abgeordneten gewusst, wie verheerend sich das Projekt unter der Führung des Hamburger Senats entwickeln und wie teuer es für die Bürger ihrer Stadt werden würde, hätten sie wohl niemals ihr Plazet gegeben.

Insgesamt sollte der Prachtbau 186 Millionen Euro kosten, hieß es im Sommer 2005. Davon sollten 77 Millionen Euro aus der Stadtkasse kommen, mehr nicht. Ein Hirngespinst. Nach der jüngsten Planung wird die Elbphilharmonie mehr als 860 Millionen Euro verschlungen haben, wenn sie 2017 – und damit acht Jahre später als ursprünglich geplant – ihre Pforten öffnet. Davon kommen 800 Millionen Euro von der öffentlichen Hand. Gegenüber der luftigen Schätzung aus dem Jahr 2005 haben sich die Kosten des „Turmbaus zu Hamburg“ für den Steuerzahler also verzehnfacht.

Teleskop neben Elbphilharmonie © dpa Vergrößern Für Menschen mit und ohne Weitblick: Die Baustelle der Elbphilharmonie in Hamburg

Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss hat sich zwei Jahre lang mit diesem Albtraumprojekt der Steuerzahler beschäftigt, hat unzählige Beteiligte und Zeugen gehört und deren Aussagen bewertet. Die gesammelten Erkenntnisse rund um dieses finanzielle Fiasko finden sich einem mehr als 800 Seiten starken Abschlussbericht, der inzwischen als Entwurf vorliegt. Die F.A.Z. hat Einblick genommen in dieses streng vertrauliche Dokument. Es ist ein Zeugnis des Schreckens. Schonungslos werden im Bericht die vielen Fehler und Versäumnisse der damals handelnden Politiker und Manager aufgedeckt. Da indes die betroffenen Personen und Parteien noch Einspruch erheben und Änderungen durchsetzen können, wird der Report in seiner Endversion, die frühestens im ersten Quartal 2014 veröffentlicht wird, sicherlich deutlich zahnloser daher kommen.

Bürgermeister Beust schaute dem Treiben viel zu lang tatenlos zu

Wer jenseits des Berliner Flughafens Anschauungsunterricht braucht für das politische Missmanagement von Großprojekten, wird bei diesem Projekt fündig. Das Konzerthaus war von Beginn an dilettantisch geplant. Die Stadt vergab den Bauauftrag, noch bevor alle Bauleistungen definiert waren. Immense Nachforderungen folgten. Ein kompliziertes Dreiecksverhältnis zwischen dem Generalunternehmer Hochtief, den Architekten und der Stadt sorgte für Streit, Chaos und Blockaden. Viele Monate herrschte Stillstand auf der Baustelle. Tausende Ausführungsmängel wurden dokumentiert. Die städtische Projekt-Realisierungsgesellschaft (ReGe) war überfordert mit dem hochkomplexen Bau und dem aggressiven Forderungsmanagement des Baukonzerns Hochtief. Der Bürgermeister Beust schaute dem Treiben viel zu lang tatenlos zu und ließ die Kosten so immer weiter in die Höhe schießen. Eine wirksame Kontrolle gab es nicht.

Ole von Beust - Der Erste Bürgermeister von Hamburg spricht auf der Nordseeinsel Sylt mit Eckart Lohse über seinen bevorstehenden Rücktritt und seine Pläne. © Schneider, Holde Vergrößern Ole von Beust

Anfangs wollte die Stadt ihre eigenen Kosten mit Hilfe privater Investoren im Zaum halten. Diese sollten den sogenannten kommerziellen Mantel, also das Hotel, die Restaurants und das Parkhaus an der Elbphilharmonie auf eigenes Risiko finanzieren. Doch dann entschied man, auf Rechnung der Stadt zu bauen und zu verpachten. „Dies war eine folgenschwere Fehlentscheidung“, heißt es im Untersuchungsbericht. Durch Planungsänderungen seien die Kosten auf diesem Feld später stark gestiegen. „Die Stadt ist in die abwegige Situation geraten, in Millionenhöhe ein Luxushotel aus Haushaltsmitteln zu subventionieren.“ Im Untersuchungsausschuss gab Beust zu, dass dies ein ordnungspolitischer Sündenfall war. Diesen habe er in Kauf genommen, um das Projekt fertigzustellen. Das sei „natürlich nicht vernünftig“ gewesen. Aber in der Politik sei es – „man mag es beklagen“ – gang und gäbe, aus pragmatischen Gründen manchmal Grundsätze zu vergessen.

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