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Eisenbahn : Zwitter-Züge in Richtung Nordsee

Rasende Doppelstock-Intercitys: Die Bahn testet im Hohen Norden ein neues Konzept, um ihre Fernzüge besser auszulasten Bild: dpa

Die Deutsche Bahn will ein Mischmodell zwischen Nah- und Fernverkehr etablieren. Ihre Konkurrenten sind davon wenig begeistert.

          Mit dem Nahverkehrsticket im Fernzug? Bisher musste ein Fahrgast der Deutschen Bahn in einem solchen Fall wegen des Verstoßes gegen die Beförderungsbedingungen mit einem Bußgeld rechnen. Jetzt macht der Bahnkonzern diesen Kniff selbst zum Programm. Von Ende 2013 an sollen neue Doppelstock-Intercitys (Dosto) aus dem Westen und Osten Deutschlands über Hannover an die Nordsee fahren - im Abschnitt zwischen Bremen und Norddeich Mole als Fernzug zum Nahverkehrstarif.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Mit ihrem Modellversuch fährt die Bahn auf Neuland. Die zweistöckigen Züge, die derzeit - rot angestrichen - als Nahverkehrszüge durch das Land fahren, werden in zwei Jahren auf der Strecke nach Norddeich - dann weiß lackiert - als Intercity-Fernzüge verkehren. 27 neue Zuggarnituren hat die Bahn bei Bombardier bestellt. Für die Zwitterwesen auf der Schiene gründet die Bahn sogar eine neue Gesellschaft, die DB Verkehrs GmbH. Die „Dosto-Lokomotivführer“ sollen dort angestellt werden. Bedenken der Lokführergewerkschaft GDL weist die Bahn zurück. Der Schachzug habe keine tarifpolitischen Beweggründe, die Lokführer würden nicht geringer entlohnt, versichert die Bahn. Sinnvoll sei die neue Gesellschaft dagegen „organisatorisch und abrechnungstechnisch“, denn die neuen Doppelstock-Intercitys seien zwar „Fernverkehr“, müssten aber beispielsweise in den Werkstätten von DB Regio instand gehalten werden. Nach außen solle die „DB Verkehr“ gar nicht in Erscheinung treten.

          Bisher wird Nah- und Fernverkehr strikt getrennt

          Der Nordsee-Intercity ist ein Zwitterwesen. Die Bahn verknüpft den staatlich subventionierten Nahverkehr, den der Bund jährlich mit sieben Milliarden Euro finanziert, und den eigenwirtschaftlichen Fernverkehr. Der betriebliche Charme der Idee überzeugt: Denn die Fernzüge - etwa hier in Norddeutschland - sind oft nicht ausgelastet, die Nahverkehrszüge hingegen regelmäßig überfüllt. Als Innovation werden daher die Schnittmengen der bisher streng getrennten Sparten gesucht. Das könnte sich für die Bahn auszahlen - und auch für die Kunden.

          Inhaber von Nahverkehrstickets können auf dem Streckenabschnitt Bremen-Emden-Norddeich Mole in Zukunft die schnellere und komfortablere IC-Linie nutzen, ohne dafür einen Zuschlag zahlen zu müssen. Die Bahn muss daraus aber keinen Verlust hinnehmen, denn die Differenz zwischen Nah- und Fern-Fahrschein werden ihr die Bundesländer Bremen und Niedersachsen, die „Aufgabenträger“ des Nahverkehrs, erstatten. Aber auch für die Besteller soll sich das Geschäft lohnen: Die Erstattung kommt sie billiger, als wenn sie auf ihre Rechnung Nahverkehrszüge bestellen müssten.

          Fahrgastverband lobt die neue Mischfinanzierung

          Nach Angaben der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG), die für die Bestellung von Zügen im niedersächsischen Nahverkehr zuständig ist, spart sie durch das neue Modell einen Millionenbetrag. Die Bahn hat zugesichert, die Zahl der täglichen IC-Verbindungen an die Nordsee von drei auf neun zu erhöhen. Im Gegenzug wird die LNVG als finanziellen Ausgleich für die IC-Nutzung jährlich einen einstelligen Millionenbetrag an die Bahn überweisen. Bis Ende 2022 haben sich die Regierungen in Bremen und Hannover dazu verpflichtet. Im Emsland ist man glücklich über die neue, schnelle Anbindung nach Hannover. Das steigere auch die touristische Anziehungskraft der Region, heißt es dort.

          Auch der Fahrgastverband „Pro Bahn“ findet die neue Mischfinanzierung gut. Gerade in ländlichen Regionen sei die Öffnung von Intercitys für den Nahverkehr ein Weg, den Fernverkehrsanschluss zu sichern. Ganz anders bewertet der Wettbewerbsbahnen-Verband Mofair die Innovation: So werde die Schienenkonkurrenz auf der Strecke bleiben, moniert Mofair. Der Wettbewerb im Nahverkehr werde verringert, und am Ende stünde ein subventionierter Fernverkehr zugunsten des Bahnkonzerns. Die Bahn bestreitet diese Auslegung. Schließlich stehe es dem Besteller frei, die Strecken gleichzeitig als Nahverkehr auszuschreiben - etwa wenn die Bahn den Fernverkehr wie in Richtung Nordsee nur im Zwei-Stunden-Takt bediene und der Besteller einen Stundentakt wolle. Das Argument, so schwinde womöglich die Rentabilität für die Konkurrenz, lässt die Bahn nicht gelten. Schließlich habe der Anbieter dann auch einen geringeren Aufwand, er müsse weniger teure Züge und Lokführer vorhalten.

          Ersonnen haben die Bahnmanager das Zwitter-Modell zu einer Zeit, als es mit den Wettbewerbserfolgen der Nahverkehrssparte DB Regio rapide bergab ging. In vielen Ausschreibungen zog die Bahn den Kürzeren, die Konkurrenten - zumeist Tochtergesellschaften ausländischer (Staats-)Konzerne - bekamen den Zuschlag der öffentlichen Besteller. Der Vergabeanteil an DB Regio schrumpfte auf weniger als 30 Prozent. Die Finanzkrise hat das Bild seit 2009 jedoch verändert. Viele Wettbewerber haben nach wie vor Probleme, das teure Zugmaterial zu finanzieren. Sie bewerben sich daher oft gar nicht mehr um Verkehrsverträge, zumal schon die Teilnahme Millionenbeträge verschlingt - so etwa in Sachsen-Anhalt, wo sich die Besteller gerade rechtfertigen müssen, weil sie einen langjährigen Verkehrsvertrag ohne Ausschreibung „freihändig“ an die Bahn vergeben haben. Derzeit gewinnt die Deutsche Bahn die Aufträge wieder zu 70 Prozent.

          Die Bahn setzt dennoch auf eine verstärkte Mischkalkulation zwischen Nah- und Fernverkehr und will das Modell besonders in geringer bevölkerten Zonen mit schwacher Fernzugauslastung weiter ausbauen. Der Markt scheint vorhanden: Bis 2015 soll etwa die Hälfte aller Nahverkehrsstrecken in Deutschland ausgeschrieben werden. In diese Lücke könnte die Bahn mit dem neuen Angebot stoßen. Doch nicht überall sind die Besteller interessiert. In Rheinland-Pfalz beispielsweise sind Gespräche über das Mischmodell gerade gescheitert.

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