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Einzelhandel Tiefe Einschnitte bei Karstadt-Quelle

27.06.2004 ·  Der Kaufhaus-Konzern ist eine einzige Baustelle. Jetzt soll Thomas Middelhoff es richten. Bis zu 30 Warenhäuser sollen geschlossen werden. 4000 Stellen sind bedroht.

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Der Einzelhandelskonzern Karstadt-Quelle steht vor schmerzhaften Einschnitten. Vor allem in seinen 180 Warenhäusern sollen bis zu 4000 Arbeitsplätze weggefallen. Dies berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung und bezieht sich dabei auf Informationen aus Arbeitnehmerkreisen. Der Konzern selbst gab keine Stellungnahme ab.

An diesem Montag informiert der neue Vorstandsvorsitzende Christoph Achenbach die 170 obersten Führungskräfte des Konzerns über die aktuelle Lage. Am vergangenen Wochenende hatte der Warenhaus-Vorstand von Karstadt-Quelle getagt. Derzeit beschäftigt das Unternehmen in seinen Waren- und Sporthäusern noch etwas mehr als 43.000 Vollzeitkräfte. Unter Berücksichtigung der Teilzeitkräfte sind es in absoluten Zahlen deutlich mehr Beschäftigte.

Schonungslose Bestandsaufnahme

Der Essener Warenhaus- und Versandhandelsgigant steckt in einer schweren Krise. Der ehemalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hat den Vorstand mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme beauftragt. Die Zeit drängt. Bis Mitte August muß die neuformierte Mannschaft um den neuen Vorstandsvorsitzenden Christoph Achenbach ein Konzept erstellt haben, wie Karstadt-Quelle in die operative Gewinnzone zurückkehren kann.

Middelhoff vertritt in seiner neuen Position noch stärker als der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Hans Meinhardt die Interessen der Schickedanz-Erben, soll sogar massiv auf die Strategie des Unternehmens einwirken. In das Bild eines Coaches für den Vorstand paßt, daß Middelhoff in der kommenden Woche das Büro von Ex-Vorstandschef Wolfgang Urban bezieht.

Schmerzhafter Kurs

Unterstützung eines erfahrenen Aufsichtsrates kann der 46jährige Achenbach gut gebrauchen. Der neue Karstadt-Chef, bisher nur für das Versandgeschäft von Quelle und Neckermann zuständig, tritt am Montag im umgebauten Casino der Karstadt-Zentrale in Essen-Bredeney vor die Mitarbeiter der ersten und zweiten Führungsebene. In einer einstündigen Rede wird er die "Top 100" auf einen neuen, schmerzhaften Kurs einschwören. Es ist Achenbachs erster Auftritt vor dem sogenannten Konzernführungskreis, seit er am 1.Juni die Nachfolge des glücklosen Urban übernommen hat.

Der Neue wird Mitarbeitern und Aktionären einiges zumuten. Miserabel laufen die Geschäfte, so schlecht, daß ein Stellenabbau unausweichlich scheint. Der Mai sei desaströs gewesen, heißt es bei Karstadt, von einem zweistelligen Umsatzminus ist die Rede. Am 4. August wird der Vorstand die Halbjahreszahlen vorlegen.

Konsumflaute in Deutschland tritt Karstadt-Quelle heftig

Im Gegensatz zu Metro macht Karstadt-Quelle mehr als 80 Prozent des Umsatzes von zuletzt 15,3 Milliarden Euro in Deutschland. Die Konsumflaute hat die Warenhäuser mit ihren 48 000 Beschäftigten zu einem Sanierungsfall gemacht. Kaum eines der 180 Häuser in den Innenstädten wirft noch Gewinne ab. Und das, obwohl dort die Kosten reduziert, schon mehrere tausend Stellen gestrichen wurden. Drei Warenhausvorstände wurden auf Druck der Gesellschafter gefeuert.

30 Warenhäuser von Schließung bedroht

In einer Modellrechnung prüft der Vorstand nun, wieviel Personal benötigt würde, wenn man heute moderne Warenhäuser auf der grünen Wiese eröffnete - das könnte den Verlust weiterer 2500 Stellen bedeuten. Jeder Arbeitsplatzabbau im Verkauf sei schädlich, argumentiert der Betriebsrat. Doch gegen die niedrigeren Umsatzerwartungen im kommenden Jahr gibt es angesichts düsterer Konjunkturprognosen kaum Argumente.

Bis zu 30 unrentable Standorte, vor allem in Kleinstädten, sind von einer Schließung bedroht. Vom Tisch sind aber Überlegungen, die Warenhäuser mit den Kaufhof-Häusern von Metro zusammenzulegen. Das scheiterte nicht nur an kartellrechtlichen Hürden, auch der Sozialplan für die Standortschließung und Entlassung der Mitarbeiter wäre kaum zu finanzieren.

Dabei sind die Warenhäuser nicht das einzige Problem. Auch die konzerneigenen Textilfilialketten Sinn-Leffers und Wehmeyer machen Verluste. Umsatz und Gewinn sind auch im Versandhandel rückläufig. Die zweimal jährlich erscheinenden Produktkataloge haben es nach dem Wegfall des Rabattgesetzes besonders schwer. Konkurrent Otto ist Quelle längst meilenweit enteilt.

Zu viele Baustellen

Viel zu tun für Achenbach. Der unrühmliche Abgang von Wolfgang Urban Mitte Mai schockierte die Märkte, die Aktie ging weiter auf Talfahrt. Urban hatte viele Baustellen aufgerissen und sich im Karstadt-Quelle-Reich zwischen "Starbucks"-Coffeeshops, Deutschem Sportfernsehen (DSF) und Thomas-Cook-Reisebüros verzettelt.

Der Mai zeigte sich überdies als schwieriger Monat. Allein der Mai hat der Branche nach Verbandsangaben erhebliche Einbrüche beschert. Besonders schlecht sollen dabei der Textilhandel, die Warenhäuser und der Versandhandel weggekommen sein, also das Stammgeschäft des Essener Konzerns.

Neue Investoren könnten helfen

Ohnedies drücken noch Altlasten aus der Deuss-Ära. Der frühere Konzernchef Walter Deuss, den sie auf den Fluren in der Essener Zentrale nur "Papa" nannten, hatte großzügige Pensionsregelungen für seine Mitarbeiter getroffen. Nun lastet ein riesiger Schuldenberg auf dem Konzern, der finanzielle Spielraum für die nötige Sanierung ist eingeschränkt.

Branchenexperten rechnen damit, daß ein neuer Investor bei dem Handelskonzern einsteigen wird. Er könnte die Anteile der Allianz übernehmen und die der ebenfalls zu den Erben des Unternehmers Gustav Schickedanz gehörenden Familie Riedel. Der Versicherer und die Familienaktionäre wollen verkaufen. Der Investor könnte sich damit gut ein Viertel des Kapitals sichern.

Und Namen kursieren auch. Hartnäckig hält sich das Gerücht, der Bauunternehmer Josef Esch sei an einer Verwertung der Karstadt-Immobilien interessiert. So weit muß es nicht kommen. Denn Middelhoff weiß als Europachef der internationalen Investorengruppe Investcorp nur zu gut, daß Investoren niedrige Einstiegspreise wollen. Und genau das kann er im Interesse der Familie Schickedanz nicht zulassen.

Quelle: F.A.S., hpe., F.A.Z., B.K.
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