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Einzelhandel Lidl mischt den Lebensmittelmarkt in Nordeuropa auf

25.09.2003 ·  Die deutsche Lebensmittelkette Lidl hat am Donnerstag gegen erheblichen Widerstand zunächst elf Läden in Schweden eröffnet. In naher Zukunft will Lidl in sechs nord- und nordosteuropäischen Ländern vertreten sein.

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In Schweden dürfte eine Präsenz von Lidl-Supermärkten erst von 70 bis 100 an gewinnbringend sein; seine Vorhaben hält Lidl aber geheim. Die verschlossene Informationspolitik verstärkte den Widerstand im nordeuropäischen Markt, auf dem Lidl den Einfluß und die Widerstandskraft der Gewerkschaften unterschätzt haben dürfte, sie beruht aber auch auf ebendiesem Widerstand vor allem in sozialdemokratisch regierten Gemeinden. An vielen Orten begegnet Lidl nach eigenen Angaben bürokratischen Hindernissen.

Es gibt kaum ein deutsches Unternehmen, über das in schwedischen Zeitungen in den vergangenen Monaten so viel geschrieben wurde wie über den von der Familienstiftung Lidl Schwartz getragenen Lebensmitteldiscounter mit dem größten Netz in Europa: einerseits mit der Erwartung, die Lebensmittelpreise, die nach EU-Untersuchungen knapp zwanzig Prozent über dem europäischen Durchschnitt liegen, würden fallen, andererseits mit Hinweisen auf wenig kooperatives Vorgehen beim Umgang mit den Mitarbeitern. Lidl wird nicht nur von nordeuropäischen Arbeitnehmervertretungen als "gewerkschaftsfeindlich" eingestuft. Lidl will seine Lebensmittelpreise etwa zehn Prozent unter dem bisher günstigsten Anbieter ansetzen.

Drei Jahre Vorbereitung

Lidl hat den Einzug in den schwedischen Markt drei Jahre lang generalstabsmäßig vorbereitet. Die Gruppe aus Neckarsulm baute zwei Lagerhallen in Halmstad, 30 000 Quadratmeter groß, und in Eskilstuna. Seit Mitte Juni kommen drei Fähren wöchentlich aus Travemünde mit Nahrungsmittelcontainern. Noch vor Jahresende dürften weitere 20 Läden eröffnet sein; allein im Großraum Stockholm plant Lidl 14 Geschäfte. Von jetzt an, so glauben schwedische Zeitungen, könne ein Preiskrieg beginnen mit den drei als Oligopol auftretenden Nahrungsmittelketten ICA (Ahold), die 46 Prozent des Marktes hält, Coop (24 Prozent) und Axfood (25 Prozent). Daß sie auf Preisdruck reagieren, zeigen ihre niedrigeren Preise in Südwestschweden, wo die dänische Konkurrenz nahe ist. Bisher waren Versuche ausländischer Unternehmen etwa aus Dänemark und Norwegen, auf den schwedischen Markt zu dringen, stets in Absprache mit schwedischen Gruppen erfolgt.

Molkereien weigerten sich, an Lidl zu liefern

Zu den Hindernissen, die ihre nun erfolgte Eröffnung in Schweden verzögerten, zählen unter Hinweis auf die Verkehrssicherheit, den angeblich fehlenden Bedarf oder die Umwelt abgelehnte oder verschleppte Baupläne sowie die Weigerung schwedischer Unternehmen, etwa Molkereien oder Bäckereien, Lidl mit Frischprodukten zu versorgen. Der dänisch-schwedische Milchkonzern Arla, der größte Molkereikonzern Europas, ist bereit, Lidl Milch unter seinem eigenen Namen zu liefern, nicht aber - wie es Praxis bei Lidl ist - für Lidl unter dessen Namen abzufüllen. Ein weiteres Problem, das die Rentabilität drücken wird: Schweden wohnen weniger zentralisiert als die Einwohner in anderen Ländern Europas.

Regierungspolitiker haben in Schweden wie in Norwegen Gemeinden ermahnt, sich der Ansiedlung Lidls und anderer Billigpreisketten nicht zu widersetzen. Der schwedische Wirtschaftsminister Leif Pagrotsky begrüßte die Konkurrenz und ermutigte die schwedische Investitionsagentur "Invest in Sweden Agency", ausländische Investoren bei Läden für den täglichen Bedarf anzulocken; das sei, sagte er unter Hinweis auf die "ungewöhnlich starke Konzentration", der Regierung wichtig. Sie überprüfe derzeit im Hinblick darauf schwedische Planungs- und Baugesetze.

Die Leiterin der schwedischen Wettbewerbsbehörde rief Gemeinden zu mehr Kooperationsbereitschaft auf. Am deutlichsten warnte der norwegische Industrieminister Ansgar Gabrielsen - dabei sind Vorbereitungen für Lidl-Läden in Norwegen weniger weit gediehen als in Schweden und Dänemark - Gemeinden davor, sich Lidl zu versperren, nur weil es nicht norwegisch sei. Er verwies darauf, daß Norwegen Teil des europäischen Binnenmarktes sei und daher anderen europäischen Unternehmen nicht eine Ansiedlung verwehren könne.

Hürden auch in Finnland

Auch in Finnland, dem ersten nordeuropäischen Markt auf dem Lidl aktiv wurde, stieß der Discounter zumindest anfangs auf einigen Widerstand. Baugenehmigungen mußten teils vor Gericht erstritten werden. Ein Jahr nach der Eröffnung des ersten Geschäftes stehen dort allerdings 41 Läden. In einigen Orten hat Lidl einen nennenswerten Marktanteil, in Gesamtfinnland sind es zwei Prozent.

Zu dem Erfolg trugen auch niedrige Bierpreise bei dem Discounter bei. Die finnischen Nahrungsmittelpreise fielen seitdem nach Angaben des Statistischen Zentralamtes um 1,6 Prozent, was vorwiegend auf Lidl zurückgeführt wird, da bis zur Eröffnung der ersten Lidl-Läden im August vergangenen Jahres eine steigende Preistendenz verzeichnet wurde. Die anderen Ketten reagierten mit Preissenkungen bei eigenen Markenprodukten.

In Dänemark, wo die Nahrungsmittelpreise an niedrigere, mitteleuropäisch-deutsche Preise angepaßt sind, erwartet Lidl von der Eröffnung der ersten von geplanten etwa 100 Geschäften, die bald erfolgen dürfte, keine allgemeine Preissenkung.Neben Skandinavien zielt Lidl auch auf den baltischen Markt. Wie in Nordeuropa geht der Discounter dabei vor, ohne seine Pläne bekanntzumachen. In Estland und Lettland ließ Lidl seinen Namen warenrechtlich eintragen, gründete Tochtergesellschaften und warb Mitarbeiter an. Dort stößt Lidl auf seinen in Nordosteuropa größten Konkurrenten, die finnische Supermarktkette Kesko Food, die in Estland nach eigener Einschätzung bereits alle interessanten Ladenstandorte hält und derzeit fast ein Viertel des estnischen Nahrungsmitteleinzelhandels kontrolliert.

Lidl und Kesko vor Gericht in Estland

Kesko sieht dem Vordringen mit gemischten Gefühlen entgegen, da schon in Finnland die Lidl-Konkurrenz zu sinkenden Marktanteilen und Margen führte. In Lettland, mit einem größeren Markt als Estland, sind anders als in Estland Supermarktketten bisher wenig etabliert. Lidl und Kesko stehen derzeit in Estland vor Gericht, weil das - offenbar drei Jahre vor Lidl eingetragene - Logo der Kesko-Tochter Säästumarket nach Auffassung von Lidl dessen eigenem in Farbe und Gestalt nachempfunden wurde. Lidl könnte unterliegen, da das Säästumarket-Logo bereits bekannt ist und Lidl der Nachweis schwerfallen wird, daß die Kesko-Tochter ihr Logo absichtlich von Lidl kopierte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2003, Nr. 224 / Seite 20
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