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Einwanderung : Fremde in unserer Mitte

„Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen.“ Doch begründet das auch ein Recht auf Einreise? Bild: dpa

Jetzt sind sie da, die Migranten. Es kommen noch mehr. Da wird man doch grundsätzlich werden dürfen: Wen wollen wir reinlassen? Und wie viel Assimilation verlangen wir?

          Grenzen haben Wachposten, und die Wachposten haben Schusswaffen. Wenn wir, die Bürger einer wohlhabenden Demokratie, diese Wachposten und Zäune sehen, dann finden wir sie meist beruhigend, weil wir glauben, sie seien dazu da, uns zu beschützen. Für Afrikaner in kleinen, undichten Booten, die bei der Überquerung des Mittelmeers nach Südeuropa darum bemüht sind, den Patrouillenbooten auszuweichen, sieht die Sache vollkommen anders aus. Für sie sind Grenzen und Wachposten nur allzu sichtbar, und das Ziel, sie auszugrenzen, ist nur allzu real.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit dieser Szene der unterschiedlichen Betrachtung einer Grenze eröffnet der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph H. Carens sein mittlerweile berühmtes, weil radikales „Plädoyer für offene Grenzen“, erschienen in Oxford im Jahr 2013, zwei Jahre vor dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise. Nichts, aber auch gar nichts rechtfertige die Ausgrenzung von Migranten, behauptet Carens: Grenzen sollten prinzipiell offen sein, und es sollte den Menschen freistehen, ihren Heimatstaat zu verlassen und sich in einem anderen niederzulassen. Die Begründung für das radikale Plädoyer ist so verblüffend wie radikal-liberal: Wer für die Freiheit ist, muss konsequenterweise gegen jegliche Beschränkung der Freiheit, also für offene Grenzen sein. Grenzen, so Carens, sind das moderne Äquivalent feudaler Klassenprivilegien, die – bar jeglicher moralischer Rechtfertigung – den ererbten und also zufälligen Status der eigenen besseren Lebenschancen gewaltsam sichern. Weil alle Menschen von gleichem moralischen Wert sind, sollten sie auch gleiche Chancen haben unabhängig vom Zufall des Landes, in welchem sie geboren wurden.

          Willkommenskultur als Ritual

          Carens’ Plädoyer liest sich wie die moralphilosophische Voraussetzung jener „Willkommenskultur“, die hierzulande im Jahr 2015 propagiert wurde, als am Ende fast eine Million Asylsuchende und Migranten mitten in unserem Land waren und niemand wagte, ihnen an der Grenze den Zutritt streitig zu machen. Das war auch nur konsequent, sofern eine universale Moral gleiche Chancen für jedermann gebietet, die Idee eines Weltbürgertums Vorrang hat vor dem Recht der Staatsangehörigkeit und eine ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung a priori langfristig höhere Erträge für den Wohlstand einer Volkswirtschaft erwartet.

          Wenngleich de facto eine Art Betriebsunfall überforderter Politiker und Grenzschützer hätte die Konsequenz dieser Überforderungssituation, nämlich die unkontrollierte Zuwanderung ungezählter Fremder, das moralisch gebotene Ergebnis gebracht. Man kann solch eine Haltung moralischen Kosmopolitismus nennen: Seid umschlungen, Millionen, alle Menschen werden Brüder.

          Bald zeigte sich indessen, dass der moralische Kosmopolitismus ein Konzept der Eliten war, besonders gerne dort in Anspruch genommen, wo es keine oder wenig Berührungspunkte mit den Flüchtenden gab: im „Luftreich der Träume“ (Heinrich Heine).

          Willkommenskultur als Bußritual

          Im Rückblick erscheine ihm der Spätsommer 2015 wie ein erstaunliches Bußritual, eine quasikultische Selbstreinigungsaktion zur Entlastung des schlechten Gewissens wegen des eigenen bürgerlichen Wohlergehens, ätzte der Kölner Max-Planck-Forscher Wolfgang Streeck jüngst in der „Zeit“, eine Beschreibung, die nur die polemische Fassung des moralischen Kosmopolitismus ist, also gar nicht so weit weg von Joseph H. Carens – dabei allerdings den illusionären Charakter der Willkommenskultur betont, die eben keine stabile Kultur, sondern nur ein Ritual ist, welches man beendet wie Katholiken die jährliche Fastenzeit.

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