07.03.2009 · Wird die Finanzkrise die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen? Das plappert derzeit einer dem anderen nach. Vieles spricht jedoch dafür, dass die Ungleichheitsschere sich krisenbedingt wieder schließen wird. Eine Gehaltsdeckelung durch den Gesetzgeber ist somit unnötig.
Von Rainer HankWird die Finanzkrise die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen? Das plappert derzeit einer dem anderen nach, ohne dass Zahlen oder Argumente ins Feld geführt werden. Selbst die Ilo, die Internationale Arbeitsagentur in Genf, verbreitet das Horrorszenario gemäß der Devise: Wenn die Zeiten furchtbar sind, wird gewiss auch die Ungerechtigkeit auf der Welt zunehmen.
Vieles spricht indessen dafür, dass die berühmte Ungleichheitsschere sich krisenbedingt wieder schließen wird. Die Plausibilitäten liegen auf der Hand: Während in den vergangenen Jahren die Einkommen der Mittelschichten stagnierten (oder sogar bröckelten), hat sich der Reichtum einer kleinen Oberschicht in schwindelerregende Höhen davongemacht.
Das ist die Gruppe jener Superstars, zu denen Vorstände börsennotierter Unternehmen, Chefs von Hedge-Fonds oder Private- Equity-Gesellschaften und die Söldnerheere der Investmentbanken zählen, die von einem zum nächsten Arbeitgeber zogen, um ihre Einkommen zu optimieren. Ihr Reichtum war via Aktienoptionen an die Kursentwicklung der Börsen gekoppelt oder aber an die Hebelwirkung exzessiver Kreditvergabe. Auf diese Weise wurden im Investmentbanking teilweise bis zu fünfzig Prozent der fetten Erträge als Boni an die Superstars ausgeschüttet. Die spekulative Blase hat die Portemonnaies der Millionäre aufgebläht.
Wenn der Dax fällt, fallen die Boni mager aus
Auch wenn es bislang noch keine Untersuchungen gibt über die Verteilungswirkung der Finanzkrise, so liegt der Schluss doch nahe: Das Ende des euphorischen Zeitalters wird auch den Abstand zwischen mittleren und oberen Einkommensgruppen schrumpfen lassen. Wenn der Dax fällt, fallen die Boni mager aus oder werden ganz gestrichen. Wenn es keine kreditfinanzierten Übernahmen gibt, kann daran auch niemand verdienen.
Die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger dagegen, die ihr Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren haben, hält sich in Grenzen. Selbst wenn jene klagenden Banker recht erhalten sollten, die jetzt ihre einkassierten Boni zurückfordern: auf mittlere Sicht werden sie und ihre Nachfolger auf den Top-Etagen zur Bescheidenheit genötigt sein. Dazu bedarf es nicht der Gehaltsdeckelung durch den Gesetzgeber; die Enteignung durch den Markt genügt.
Tatsächlich zeigen Langzeitstudien des amerikanischen Ökonomen Robert Gordon, dass die Einkommensungleichheit Ende der zwanziger Jahre schon einmal ziemlich massiv war, dann aber im Gefolge von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg abnahm, wo sie auf relativ egalitärem Niveau bis in die siebziger Jahre verharrte. Erst in den neunziger Jahren (New Economy) und dann noch einmal im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts explodierten die Vergütungen abermals.
Ein Weg zurück zu mehr Gleichheit kann nicht die Lösung sein
Ob uns der zu erwartende Scherenschluss trösten kann, ist eine ganz andere Frage. Wenn es stimmt, dass relative Einkommensdifferenzen die meisten Menschen unglücklich werden lassen, dann könnte eine Mäßigung der Reichen insgesamt mehr Zufriedenheit bringen. Sollte jedoch das Wohlstandsniveau insgesamt sinken und die Krise länger dauern, ist es für einen Dauerarbeitslosen ein schwacher Trost, dass auch sein ehemaliger Boss jetzt kein Millionengehalt mehr einstreicht.
Mehr noch: Es besteht bei den Fachleuten kein Zweifel, dass eine entwickelte Finanzindustrie, die innovativ heute keiner mehr zu nennen sich traut, mitverantwortlich dafür ist, dass weite Teile Asiens sich aus der Armut befreit haben. Dass sich dort eine neue Mittelschicht relativen Wohlstands bilden konnte, hat die Armut dramatisch verringert, aber die Ungleichheit vergrößert. Ein Weg zurück zu mehr Gleichheit, verbunden mit wachsender Armut, kann also auch nicht die Lösung sein.
Was macht die Schere?!
Sophia Orti (rum)
- 07.03.2009, 17:53 Uhr
Drittvariable: Soziologie
Maximilian Roth (lettherebelight)
- 07.03.2009, 22:28 Uhr
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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