14.09.2009 · Was kann man tun, um Finanzkrisen künftig zuvermeiden? Die Banker beschwören die Ethik. Die Politiker wollen die Boni begrenzen. Dabei hilft am ehesten ein größerer Risiko-Puffer.
Von Christian SiedenbiedelMartin Blessing liebt es, zu provozieren. Bei seinen Banker-Kollegen hat der jungenhafte Commerzbank-Chef mit der kleinen Brille das gerade mal wieder geschafft. Und zwar mit einer ganz schlichten These: Die Finanzkrise sei „einfach zu kurz“ gewesen, als dass Banker auch nur irgendetwas daraus gelernt hätten. Sie sei einfach zu schnell zu Ende, als dass sich irgendetwas Grundsätzliches in der Welt ändern werde. Die Provokation kam an: Sogar Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann grummelte auf dem Bankenkongress in Frankfurt in der vergangenen Woche herum - angesichts von so viel Nestbeschmutzung. Dabei ist die Frage alles andere als unwichtig. Und Blessings These alles andere als abwegig.
Zwar ist jetzt, da die Finanzkrise abzuklingen scheint, die Stunde der Gut-Banker gekommen. Ob auf Kongressen, in der Werbung oder in Talkshows: Überall treten jetzt selbsternannte Sprecher der Bankenbranche auf und reden von der „hohen moralischen Verantwortung“ ihrer Zunft und den „langfristigen Vorteilen ethischen Verhaltens“. Stephen Green zum Beispiel von der britischen Großbank HSBC, aber auch die Chefs der kleinen, aber feinen deutschen Privatbanken: Alle beschwören jetzt die persönliche Verantwortung des Bankers - oder, wie sie sagen: der „Bankiers“ - als wichtigste Möglichkeit, solche Krisen in Zukunft zu vermeiden. „Kredit kommt von lateinisch ,credere' - glauben“, erinnern sie an die Ursprünge ihres Gewerbes. Die Vermeidung künftiger Finanzkrisen wird so zu einem sittlichen Projekt - der geläuterte Banker zum Hoffnungsträger der Weltwirtschaft.
Investmentbanken locken wieder mit hohen Gehältern
Die Wirklichkeit lässt einen da misstrauisch sein. Viele Investmentbanken machen schon wieder gewaltige Gewinne, sie fahren die Risiken hoch und locken mit hohen Gehältern, als wäre nichts geschehen. Als hätten nicht genau diese Mechanismen dazu beigetragen, das Finanzsystem im Herbst vorigen Jahres an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen - und die Weltwirtschaft in diese schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu stürzen. Die Rückkehr zu alten Verhaltensmustern scheint systemimmanent.
Wer also auf Besserungsversprechen wenig gibt, den interessieren dann doch die Fortschritte bei der Entwicklung strengerer Regeln. „Meine Analogie ist der Untergang der Titanic 1912“, sagte der amerikanische Ökonom Robert Shiller vergangene Woche in einem Interview. Wie die Welt damals aus dem schlimmen Unglück für den Schiffsbau gelernt habe, so müsse man jetzt die Krisenerfahrungen nutzen, um das Weltfinanzsystem (ernsthaft!) zu reformieren.
Unübersichtlichkeit der Krise
Vorschläge dazu gibt es zuhauf, national wie international. Nicht zuletzt der G-20-Gipfel der Industrie- und Schwellenländer am 24. und 25. September in Pittsburgh soll sich mit neuen Bankenregeln befassen. Überall taucht allerdings ein Problem auf: „Die Politiker konzentrieren sich auf das, was leicht umzusetzen und in der politischen Diskussion populär ist“, sagt der Darmstädter Bankenprofessor Dirk Schiereck, „auf gutem Wege ist daher, was relativ einfach zu machen ist - bei den komplizierteren Schritten dagegen kommt man kaum voran.“
Begünstigt wird dieses Verhalten von der unglaublichen Unübersichtlichkeit der Krise: Weil ohnehin umstritten ist, welche der vielen Ursachen der Finanzkrise wie ausschlaggebend war, entbehrt auch die Vorsorge gegen künftige Krisen nicht einer gewissen Beliebigkeit.
Risiko-Puffer soll helfen
Eingeführt wird, so weit man das absehen kann, eine strengere Vorschrift für den Risiko-Puffer der Banken. Das ist eine Möglichkeit, Zusammenbrüche von Banken zu verhindern: Man schreibt ihnen vor, dass sie für Kredite, die sie an Kunden ausgeben, mehr Eigenkapital als Sicherheit vorhalten müssen. Die Banken sollen so in guten Zeiten einen größeren Puffer für schlechte Zeiten anlegen. So machen sie zwar weniger Gewinn - aber das Risiko ist auch geringer.
Die Banken protestieren zwar noch. Sie „quietschen“, wie Commerzbank-Chef Martin Blessing es formuliert: „Aber das wird kommen.“
Kein Garant gegen künftige Krisen
Allerdings ist die Puffer-Lösung ein relativ grobes Instrument, um künftig Krisen zu verhindern: „Selbst wenn man vorschreibt, dass alle Banken künftig statt vier Prozent sechs oder acht Prozent Eigenkapital für ihre Kredite vorhalten müssen, löst das längst nicht alle Probleme“, sagt Bankenprofessor Schiereck.
Ein Beispiel: Das Bankhaus Oppenheim in Köln, das aufgrund seiner schwierigen wirtschaftlichen Situation Unterstützung von der Deutschen Bank bekommt, verfügt nach eigenen Berechnungen über mehr als zehn Prozent Eigenkapital. "Das reicht in deren Fall aber offenbar immer noch nicht aus", sagt Schiereck. Umgekehrt dürften viele Sparkassen erhebliche Probleme haben, so einen großen Puffer anzulegen - obwohl es ihnen eigentlich gar nicht schlechtgeht.
Ein anderer Weg, Bankenkrisen vorzubeugen, sind stärkere Kontrollen. Wenn die Banken nicht von sich aus vernünftig werden, so die Überlegung, dann muss man sie eben stärker beaufsichtigen. In der Krise haben sich schließlich deutliche Schwächen im Aufsichtssystem gezeigt: Die Bankenaufseher waren zu lange untätig, ihnen fehlten hochbezahlte Fachleute, und sie haben zu wenig länderübergreifend gearbeitet.
Das mühsame Geschäft der internationalen Bankenaufsicht
Das soll jetzt anders werden. Bei diesem Thema geht es voran, aber langsam. Auf mehreren Ebenen wird an einer internationalen Bankenaufsicht gearbeitet: Unter anderem bei der Europäischen Kommission und der Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Ein mühsames diplomatisches Geschäft: Die neue europäische Bankenaufsicht etwa soll frühestens im Jahr 2011 an den Start gehen, die in Basel möglicherweise 2010 - und wie viel Macht sie wirklich haben werden, ist noch reichlich unklar.
„Das Problem bei diesen internationalen Einrichtungen ist, dass die nationalen Gremien Zuständigkeiten abgeben müssen. Das macht keiner gern“, sagt Bankenexperte Schiereck. Hinzu kommt das politische Kleinklein: Nicht einmal innerhalb Deutschlands konnten die Politiker sich bislang darauf verständigen, die Bankenaufsicht zu bündeln. Weder die Bundesbank noch die Finanzaufsicht Bafin bekam bislang die alleinige Zuständigkeit.
Boni der Banker bleiben ein Streitpunkt
Der größte Aufreger der Krise aber ist ohnehin etwas ganz anderes: die hohen Boni der Banker. Kein Wunder, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy für das G-20-Treffen in Pittsburgh deren Begrenzung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt haben. Schließlich lassen sich mit diesem Thema Wählerstimmen gewinnen. Die Möglichkeiten der Politiker dabei sind allerdings begrenzt: Direkt in die Verträge von Banken und Managern eingreifen können die Politiker nicht. Das verbietet in den meisten Ländern die rechtlich garantierte Vertragsfreiheit. „So wird es wohl weitgehend bei Empfehlungen bleiben, an die sich die Banken halten können - oder auch nicht“, meint Bankenexperte Schiereck.
Nun haben einige Banken ihr Bonussystem nach den Erfahrungen der Krise von sich aus umgestellt. Die Schweizer Großbank UBS etwa führte für ihre Banker neben dem „Bonus“ auch einen „Malus“ ein - damit sie nicht nur in guten Zeiten verdienen, sondern in schlechten auch Abzüge haben. So sollen die Banker die langfristigen Auswirkungen ihres Handelns stärker berücksichtigen. Die Commerzbank plant Ähnliches. Zugleich steigen jedoch zumindest in den amerikanischen Investmentbanken die Boni schon wieder kräftig an. „Casino ist wieder eröffnet“, sagen Kritiker.
Bleibt die wichtigste Frage: Wie kann man es schaffen, dass der Steuerzahler in Zukunft nicht wieder für das Zocken der Banken einstehen muss? Jenseits aller Schwächen des Finanzsystems und der Geldpolitik gab es schließlich für die Eskalation der Krise vor einem Jahr einen zentralen Grund: die Arroganz weiter Teile der Finanzwirtschaft. Banken einer gewissen Größenordnung seien „too big to fail“, zu groß, als dass der Staat sie pleitegehen lassen würde, dachten viele. Die Gefahr dabei: Wenn die Banker sich so sicher sind, dass der Staat sie rettet, gehen sie zu große Risiken ein. Der Ökonom Robert Shiller hat deshalb gefordert, man solle über eine Aufspaltung der großen Banken nachdenken. Passiert ist, Ironie der Geschichte, genau das Gegenteil: Gerade durch die Krise haben viele Banken kleinere Konkurrenten übernommen - und sind noch größer geworden. Das beruhigt nicht gerade.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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