http://www.faz.net/-gqe-8j5mo

Freedom 251 : Ein Smartphone für 3,35 Euro

RingingBells setzt mit dem Freedom251 auf wenige Funktionen für wenig Geld. Bild: Unternehmen

In Indien liefert das bislang unbekannte Unternehmen Ringing Bells das billigste Internethandy der Welt aus. Doch wie realistisch ist das Angebot?

          Es klang ebenso gut wie unglaublich: Auf dem am schnellsten wachsenden Mobilfunkmarkt der Welt wird das günstigste Smartphone der Welt angeboten. Im Februar kündigte das bis dahin unbekannte Unternehmen Ringing Bells erstmals ein Internethandy für weniger als zehn Dollar an. Der Name sollte Programm sein. Das Modell „Freedom 251“ kostet 251 indische Rupien, umgerechnet sind das gerade mal 3,35 Euro. Selbst billige China-Smartphones sind heute kaum für weniger als 50 Euro zu haben.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Trotz des niedrigen Preises bringt das Gerät – wie Prototypen demonstrieren – grundsätzlich alles mit, was ein modernes Smartphone mitbringen muss: Ein vier Zoll großes IPS-Display, eine Front- und Rückseitenkamera, ein Gigabyte Arbeitsspeicher und einen Vierkern-Prozessor. Der schnelle Mobilfunkstandard LTE fehlt zwar, aber eine Wlan-Schnittstelle ist ebenso vorhanden wie der LTE-Vorgänger 3G/UMTS. Der Akku soll laut Hersteller 100 Stunden halten und acht Stunden Gespräche ermöglichen. Das alles ist zwar weit entfernt vom letzten Stand der Technik. Aber all dies für gerade 3,35 Euro? Unmöglich, sagten viele und zweifelten an der Umsetzbarkeit.

          In diesen Tagen werden nun offenbar die ersten „Freedom 251“ ausgeliefert. Dass es soweit kommt, glaubten in den vergangenen Monaten die wenigsten. Vor allem die Finanzierung des Projekts stieß auf Skepsis. Selbst mit 50-Dollar-Smartphones könnten Unternehmen kaum Gewinne machen, sagen Fachleute wie Tarun Pathak vom Analysehaus Counterpoint Technology Market Research. Und dann mit einem 4-Dollar-Gerät? Das sei eine ziemlich lächerliche Idee.

          Staatliche Unterstützung?

          Dazu gesellten sich Zweifel an der Seriosität von Mohit Goel, der das Unternehmen erst 2015 gründete. Seine Eltern erklärten Berichten vom Februar zufolge, ihr Sohn habe noch vor wenigen Wochen im Einzelhandelsgeschäft des Vaters ausgeholfen. Und die Bestell-Homepage von Ringing Bells schien alles andere als professionell. Trugen Interessenten bei der gewünschten Anzahl etwa 0,5 ein statt einer ganzen Zahl, wurde ihnen das Gerät auch zum halben Preis angeboten. Oder es waren nur andere, deutlich teurere Smartphones im Webauftritt des Unternehmens zu finden. „Das ist großer Betrug!“ warnte ein Politiker der Regierungspartei BJP.

          Gerade diese Regierungspartei beziehungsweise der indische Staat sollen jedoch den Discountpreis erst möglich machen, glauben Beobachter. Immerhin hatte Ministerpräsident Narendra Modi höchstpersönlich das Gerät im Februar im Rahmen einer „Make-in-India“-Kampagne vorgestellt. Direktor Goel gab zwischenzeitlich zu, dass das Unternehmen mit dem Verkauf eines jedes Geräts einige Hundert Rupien Verlust mache. Stattdessen sollen Werbe- und Marketingdeals das Geld in die Kasse bringen. Goel zufolge importiert Ringing Bells die Elektronik aus Taiwan; zusammengebaut wird das Gerät in einer Fabrik in der Nähe von Delhi.

          Es soll auch nicht bei Handys bleiben. Schon kündigte das Unternehmen den nächsten Vorstoß an. Ringing Bells plant, Indiens günstigsten LED-Fernseher zu produzieren: Der Flachbildschirm soll schon für 9000 Rupien (umgerechnet rund 120 Euro) zu haben sein. Ähnlich große Geräte mit rund 32 Zoll kosten im Netz mindestens 170 Euro.

          Riesenmarkt Indien

          Die Spezialisierung auf das Niedrigpreis-Segment erscheint angesichts der Gegebenheiten des indischen Tech-Marktes durchaus sinnvoll. Zum einen ist die Bevölkerung sehr technikinteressiert und der Bedarf an diesen Produkten ist ungebrochen hoch. Zum anderen lässt die Einkommensstruktur den Erwerb von teuren westlichen Produkten kaum zu. Mit einer Bevölkerung von rund 1,2 Milliarden Menschen bietet das Land einen riesigen potentiellen Markt, der jedoch bislang noch von keinem Smartphone-Anbieter erschlossen werden konnte.

          Das liegt einerseits an restriktiven staatlichen Regelungen. Dazu kommt, dass das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen im Land knapp 70.000 Rupien beträgt, rund 1117 Dollar. Das bewegt sich schon in der Preisregion für ein Smartphone von Apple oder Samsung. Setzt man einen Preis von 550 Euro für ein Gerät der Oberklasse an, entspricht dies fast zwei Drittel des Jahresdurchschnittsgehalts eines Inders.

          Dennoch gibt es auch für Unternehmen wie Apple in Indien einen Hoffnungsschimmer. Zwar ist das Land ein noch kleiner, dafür aber ein extrem schnell wachsender Markt für den Elektronikkonzern aus dem Silicon Valley. Im vergangenen Jahr wurde weniger als jedes hundertste iPhone in Indien verkauft. Auf der anderen Seite meldete Apple im ersten Quartal 2016 dort ein Plus von 56 Prozent bei den verkauften iPhones, während die Verkäufe global um 16 Prozent zurückgingen. Nachdem Premierminister Modi im Juni erklärte, es solle für ausländische Firmen künftig leichter werden, in Indien Geschäfte zu betreiben, hofft Apple dort auf einen weiter steigenden Absatz. Die Eröffnung der prestigeträchtigen Stores war lange Zeit durch die Bestimmungen für ausländische Investoren verhindert worden.

          Die Marktchancen in Indien sind groß. Zwar gibt es im Land heute rund 222 Millionen Smartphone-Nutzer, doch besitzt damit erst etwa jeder sechste Bewohner ein solches Internethandy. Angeblich sollen auf der Ringing-Bells-Homepage mehr als 70 Millionen Menschen versucht haben, sich ein „Freedom 251“ zu sichern. Die Seite bracht unter dem Andrang zusammen. Nach letzten Informationen wird der Billiganbieter demnächst 200.000 Geräte an Kunden ausliefern, die per Los ausgesucht worden seien. Ob Ringing Bells also die ungeheure Nachfrage der Inder stillen kann, ist mehr als fraglich.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Staubwolken über Mexikostadt Video-Seite öffnen

          Starkes Erdbeben : Staubwolken über Mexikostadt

          Bei einem starken Erdbeben in Mexiko sind mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Dutzende Menschen haben die Erschütterungen mit ihren Smartphones gefilmt, so auch ein Mann auf einem Hochhaus, der die Ausmaße der Zerstörung in Mexikostadt festgehalten hat.

          Google kauft HTC-Sparte

          Milliardendeal : Google kauft HTC-Sparte

          Den Handyhersteller Motorola hat Google damals schnell weitergereicht. Jetzt soll HTC Personal und Patente an den Internetkonzern liefern. Die Kaufsumme ist auch schon bekannt.

          Topmeldungen

          Die Stimmung bei der AfD-Spitze ist angeschlagen. Der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen (links) versucht in den eigenen Reihen für Ruhe zu sorgen.

          Streit in der AfD : Kein Wort, zu niemandem

          Kurz vor der Bundestagswahl kann auch die AfD keinen Skandal mehr gebrauchen. Wie der Vorsitzende Jörg Meuthen verhindern will, dass Äußerungen von Frauke Petry weitere Kreise ziehen.
          Martin Sonneborn am Donnerstag im Verwaltungsgericht in Berlin

          Martin Sonneborn im Interview : Vielleicht handeln wir bald mit Devisen

          Die Partei „Die Partei“ hat sich mit dem Verkauf von Geldscheinen ein nettes Zubrot verdient. Das war rechtens, sagt nun ein Gericht. Dabei hat schon Satire-Parteigründer Martin Sonneborn ein paar Ideen, wie die Partei sonst zu Geld kommen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.