Die romantische Liebe ist eine der verwirrendsten Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts. Die Heirat ist nicht länger Resultat ökonomischer Vernunft und ständischer Ordnung. Es soll geliebt werden, um eine Ehe oder Partnerschaft zu schließen.
„Geld stand früher viel stärker im Vordergrund, heute wird geleugnet, daß es eine Rolle spielt“, sagt Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Professor für Soziologie an der Uni Siegen. Und doch ist Geld in den meisten Beziehungen ein strittiges Thema und nicht selten auch ein Trennungsgrund.
Finanzielle Solidarität der Ehe
Jeder dritte Deutsche hat sich schon einmal wegen Geldsorgen von einem Partner verabschiedet. An Gesprächen über Einkommen und Auskommen entzünden sich häufig Konflikte. Bilden Geld und Liebe einen unversöhnlichen Gegensatz?
Diesem Dogma der modernen Gesellschaft wagt kaum jemand zu widersprechen. Was wirklich zählt, behaupten die meisten, sind Liebe, Sex und Kinder. Und doch geht ohne Geld gar nichts. Es ist allgegenwärtig, kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht das Portemonnaie öffnen. Die Heirat schließt das Versprechen sexueller Treue ebenso ein wie das der finanziellen Solidarität.
Mit Gefühlen geizen?
Dennoch spricht man nicht über Geld, das Thema ist ein soziales Tabu. Wer wenig hat, schämt sich, wer privilegiert ist, auch. Unverkrampfte Gespräche über Geld sind rar, Sexualität ist in weitaus geringerem Maße ein Tabuthema. Viele Menschen dürften mehr über das Sexualleben ihrer Freunde wissen als über ihre Finanzen. Darüber mit dem Geliebten zu sprechen ist noch weniger möglich. Wer will schon den Eindruck erwecken, er liebe nur das Bankkonto des anderen?
Andererseits kann ein Vertrauensbruch in Gelddingen - heimliche Schulden, Spekulationsverluste - eine Partnerschaft stärker zerrütten als eine Affäre. Vielleicht weil die finanziellen Folgen oft auch dann noch zu spüren sind, wenn die Beziehung längst in die Brüche gegangen ist. „Der Umgang mit Geld sagt viel darüber aus, wie ich mit mir selbst und mit meinem Partner umgehe“, glaubt Harald Gress, der eine Praxis für Paarberatung führt. Wie es ein Paar mit der Haushaltskasse hält, verrät nicht selten, wie es um die Beziehung steht. Geizt der Geizige nur mit Geld oder auch mit Gefühlen, weil er nicht loslassen kann?
Geld münzt den eigenen Erfolg aus
Ist das neue Auto wichtiger als der Wunsch, eine Weile aus dem Beruf auszusteigen? Wer zahlt im Restaurant? Soll man sich die teure Urlaubsreise tatsächlich hälftig teilen? Solche Fragen bergen in den meisten Partnerschaften Zündstoff. „Da über Geld oft geschwiegen wird, äußert sich das explosionsartig“, weiß Gress. Wenn Paare ums Vermögen streiten, geht es meist um mehr. Es reicht bei weitem nicht, Geld nur in einem monetären Sinne zu begreifen.
Geld ist mit vielen Bedeutungen aufgeladen. Es ist auflösbar verbunden mit Hoffnungen und Wünschen, dem Gefühl von Sicherheit und Selbstwert. Im Disput um Euro und Cent tragen Partner oft Meinungsverschiedenheiten über ganz andere Themen aus. Geld ist Symbol für Macht, Freiheit, Flucht, Vergnügen, Sicherheit, Selbstdisziplin oder Zügellosigkeit. Geld münzt den eigenen Erfolg aus. Jeder hat sein Wertesystem, seine Bedürfnisse, aber die finanziellen Mittel sind begrenzt. Irgendwo muß einer zurückstecken.
Der Zettel am Sofa
„Geldbeziehungen spiegeln Paarbeziehungen“, sagt auch Ludwig-Mayerhofer, der seit einigen Jahren zu diesem Thema forscht. Bei seinen Interviews hat er ein Paar kennengelernt, das sich als Einheit begriff, seine Beziehung als gemeinsames Unternehmen definiert. Beide sind erwerbstätig und sehen ihre Arbeit als Beitrag zu einer guten Partnerschaft; sie sind bereit, sich gegenseitig zu stützen, auch finanziell.
Einem anderen Paar sind Individualität und Autonomie wichtiger: Sie wollen jeden Tag neu über ihre Bindung entscheiden. Jeder muß mit seinem eigenen Einkommen auskommen, braucht einer Geld, leiht ihm das der andere vielleicht. Er will es aber zurückhaben. An Fernseher, Sofa und Computer klebt ein Zettel, wem das Stück gehört.
Nicht einfacher, aber vielfältiger
Die Beispiele zeigen: Einfacher ist das Zusammenleben nicht geworden, seit Frauen ihre eigene Karriere haben. „Früher war klar, der Mann ist für das Geld zuständig, die Frau für die Familie“, sagt Werner Schneider, Soziologieprofessor an der Uni Augsburg. „Heute ist ungewiß, ob man Geld in Hausarbeit oder emotionale Unterstützung tauschen kann.“ Das muß jedes Paar für sich definieren.
Schneider und andere Wissenschaftler haben untersucht, was passiert, wenn Frauen ein eigenes Einkommen haben. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Geld per se führt nicht zu größerer Gleichberechtigung der Partner, zugleich gibt es Frauen aber auch nicht die erhoffte Freiheit, sich aus einer Beziehung zu lösen. So hat die Berufstätigkeit der Frau zwar den festen institutionellen Zusammenhang zwischen Geld und Liebe gelockert. Einfacher geworden sind die Beziehungen dadurch aber nicht. Nur vielfältiger.
Vertrauen ist gut, ein Vertrag ist besser - Juristen empfehlen Eheverträge
„Am besten wäre eine gesetzliche Pflicht, vor der Hochzeit einen Ehevertrag abzuschließen“, sagt Familienrechtler und Notar Wolfgang Schwackenberg. Als entspannte Formsache verlöre das Instrument schnell seinen Ruf als Spaltpilz der Beziehungen, hofft er. Tatsächlich regelt nur jedes zehnte Paar seine Vermögensverhältnisse vertraglich, der Rest verläßt sich auf das Gesetz. Das sieht die „Zugewinngemeinschaft“ als Regelfall: Jeder Partner bleibt Eigentümer seiner Güter, doch der in der Ehe erwirtschaftete Vermögenszuwachs wird addiert und verglichen.
Der wohlhabendere Gatte muß die Hälfte seines Überschusses abtreten, auch wenn der andere nicht dazu beigetragen hat. Deshalb empfiehlt sich vor allem für Unternehmer oder Immobilienbesitzer ein Ehevertrag: Mit ihm können sie einzelne Wertgegenstände vom Zugewinnausgleich ausnehmen. Denn fehlen liquide Mittel für die Auszahlung des Partners, könnte das Ende der Liebe schnell das Aus für ein florierendes Unternehmen bedeuten. Umgekehrt haftet der Partner auch nicht für Schulden des Unternehmens.
Ein Ehevertrag kann - mit notarieller Beurkundung - zu jedem Zeitpunkt geschlossen werden, sogar erst im Moment der Scheidung. „Beide Partner sollten sich getrennt anwaltlich beraten lassen“, sagt Schwackenberg. Die Lebensplanung der Eheleute und ihre Motive für den Vertragsabschluß werden in einer Präambel festgelegt, die bei späteren Konflikten als Auslegungshilfe und Beweismittel zugleich gilt. Denn immer häufiger wird der Ehevertrag selbst Gegenstand eines Prozesses.
Dann prüfen Richter auf zwei Ebenen: Wurde von Anfang an ein Partner gravierend benachteiligt? Ließ sich eine schwangere Frau zu einer Heirat um jeden Preis überreden? In solchen Fällen ist der Ehevertrag nichtig, es gilt das Gesetz. Der Vertrag kann aber auch nachträglich unausgewogen erscheinen, wenn entgegen der ursprünglichen Planung Kinder geboren oder Reichtümer angehäuft wurden. „Dann müssen Richter die Klauseln anpassen“, sagt Schwackenberg. Dieses „Hereinreden“ mit ungewissem Ende lasse sich mit einer regelmäßigen Überarbeitung des Ehevertrags vermeiden. aman.