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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Ehemalige Kolonie Die Deutschen wollen nicht zurück nach Tsingtau

 ·  Die chinesische Hafenstadt umgarnt Unternehmen mit ihrer Kolonialgeschichte. Doch die gehen lieber nach Schanghai. Auch der deutsch-chinesische Ökopark kommt nicht vom Fleck.

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© dpa Das deutsche Erbe wird hochgehalten: Mitwirkende des Bierfestes in Qingdao

Das Bierzelt tobt. Zweijunge Männer trinken um die Wette, die Lederhosenkapelle heizt die Stimmung an. Die Lufthansa, die dieses Oktoberfest in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao ausrichtet, kann sich über enormen Andrang freuen. Doch trotz des deutschen Frohsinns und der Vergangenheit der kaiserlichen Kolonialgründung „Tsingtau“ feiern hier fast nur Chinesen. Unter den 8,7 Millionen Einwohnern gibt es gerade einmal 200 Deutsche.

Ginge es nach der Stadtregierung, wären es viel mehr. „Wir halten das Erbe hoch und bemühen uns um ein enges Verhältnis zu Deutschland“, sagt Ye Min, stellvertretende Generaldirektorin des Handelsbüros von Qingdao. „Trotzdem sind die deutschen Geschäftsleute sehr zurückhaltend.“ Ye wurde in Gießen in Volkswirtschaft promoviert und spricht fließend Deutsch. Ihr ist es ein echtes Anliegen, engere Bande zu knüpfen, doch die Zahlen sind ernüchternd. Mit einem Investitionsbestand von 388 Millionen Dollar rangiert Deutschland nur auf Platz 11, noch hinter Kanada und Großbritannien.

Gebaut nach deutschem Nachhaltigkeitsstandard

„Die Deutschen gehen lieber in die Nähe von Schanghai“, klagt Ye. Dabei sei die Lebensqualität im Badeort Qingdao viel höher, nicht zuletzt dank der deutschen Hinterlassenschaften. Hier sprudelt Chinas berühmtestes Bier aus dem Fass, gebraut in der von den Besatzern errichteten Brauerei „Tsingtao“. Es gibt europäische Kirchen, prächtige Kolonialbauten, breite wilhelminische Alleen. Sogar einige Ausdrücke haben sich gehalten. Ein Kanaldeckel heißt hier „Gu Li“, eine Dame „Da Ma“. Wichtiger noch sei die deutsche Infrastruktur, sagt Ye. Bis heute funktioniere das Wassersystem tadellos. Überschwemmungen wie kürzlich in Peking, als die Kanalisation versagte, könne es in Qingdao nicht geben. Allerdings macht das ehemalige Siedlungsgebiet nur einen Bruchteil der heutigen Stadt aus.

Wie im Bierzelt präsentiert sich Deutschland in der Region vor allem in Blau-Weiß. 30 der 100 deutschen Unternehmen in der Provinz Shandong stammten aus Bayern, sagt Manuel Rimkus, Leiter der bayerischen Vertretung. Sie ist die einzige offizielle deutsche Einrichtung in der Stadt. Damit mehr Landsleute den Weg hierher finden, gibt es in Qingdao einen „deutsch-chinesischen Ökopark“. Er liegt auf der anderen, der westlichen Seite der Bucht von Jiaozhou (Kiautschou) in einer riesigen Industriezone. Um die Fahrzeit zur Innenstadt zu verkürzen, eröffneten 2011 ein neuer Tunnel und eine Brücke, die quer über den Meerbusen führt. Das 42 Kilometer lange Bauwerk gilt als die längste Meerbrücke der Welt.

Den Ökopark haben im Juli 2010 die Wirtschaftsminister beider Länder ins Leben gerufen. Noch steht hier erst ein Präsentations- und Besucherzentrum, doch die Stadt hat Großes vor. Auf 10 Quadratkilometern will sie umweltgerechte Unternehmen ansiedeln und einen energiesparenden Stadtteil für bis zu 80.000 Menschen errichten. 15 Prozent der Energie sollen aus erneuerbaren Quellen stammen. Gebaut werde nach dem deutschen Nachhaltigkeitsstandard DGNB, wobei man möglichst viele deutsche Unternehmen zum Zuge kommen lassen wolle, sagt der stellvertretende Direktor des Projekts, Shen Lei. Der Masterplan der Anlage stammt vom Hamburger Architekturbüro GMP. Finanziert wird das Projekt bisher ausschließlich aus China.

Der Wunsch ist oft Vater des Gedankens

Auch im Falle des Ökoparks wünschen sich Stadt und Provinz ein stärkeres Engagement der Deutschen. Er könnte die gesamte Gewerbefläche sofort an chinesische Unternehmen übergeben, sagt Shen. Doch halte man bewusst die Hälfte für deutsche Gesellschaften frei. „Leider ist deren Andrang nicht so stark. „Bisher gibt es keine einzige Zusage. Der Autozulieferer Bosch hat sich lieber in einer fertigen Industriezone im Norden der Bucht niedergelassen, die Verhandlungen mit ZF Friedrichshafen ziehen sich hin. Das Tunnelbohrunternehmen Herrenknecht versuche man dadurch zu überzeugen, dass Qingdao eine neue U-Bahn-Linie ausschreibe, verrät Shen.

Als Vorzeigeprojekt soll ein Ableger des „German Centre“ aus Schanghai dienen. Das ist eine von der Bayerischen Landesbank getragene Anlaufstelle für Unternehmen aus Deutschland, die dort Büros mieten und Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. Im April 2015 werde das Hausin Qingdao eröffnen, verspricht Shen in seinem wohlgesetzten Deutsch. „Das hat dann hoffentlich eine Magnetwirkung auch auf andere.“ Planer des Vorhabens ist das Stuttgarter Architekturbüro SBA. Das Zentrum könnte etwa halb so groß werden wie das Schanghaier Vorbild, wo mehr als 100 deutsche Unternehmen ansässig sind.

Doch auch hier ist wohl der Wunsch Vater des Gedankens. „Dass wir dort einziehen, ist noch nicht beschlossen“, sagt der Geschäftsführer des German Centre in Schanghai, Christian Sommer. Man entscheide sich erst, wenn das Gebäude fertig sei. Es müsse sichergestellt werden, dass der Bau tatsächlich den versprochenen Standards entspreche, dass die komplizierten Landnutzungsrechte geklärt seien und dass die Infrastruktur und Energieversorgung stimmten. „Wir halten es für verfrüht, Marketing für den Ökopark zu machen, bevor all diese Fragen geklärt sind“, kritisiert Sommer.

Noch viele Ungereimtheiten

Shen Lei, der die Europaabteilung im Shandonger Amt für Außenbeziehungen führt, ist enttäuscht über die Zurückhaltung der Deutschen. Vom Bundeswirtschaftsministerium erwarte man kein Geld, aber „mehr als nur politische Unterstützung“. Berlin solle Verbände, Unternehmen und Banken direkt ansprechen, damit sie den Aufbau des Ökoparks unterstützen. An liebsten wäre den Chinesen ein deutsches Konsortium, das sich mit 50 Millionen Euro an der Entwicklungsgesellschaft beteiligt. Als „Ankerinvestoren“ schweben Shen Siemens oder die staatliche KfW-Bank vor.

Es gibt also noch viele Ungereimtheiten zu dem Park. Dazu gehören auch die Umsiedlungen, denn 16 Bauerndörfer mit 7000 Bewohnern sollen dem Projekt weichen. Die Familien werden entschädigt, bekommen in dem neuen Stadtteil Wohnungen und Gewerberäume. Einer Umfrage zufolge sind sie mit diesen Regelungen einverstanden. Sie werden aber, wie Shen bestätigt, nicht mehr als Landwirte arbeiten können. Wer die üppigen Obstplantagen und die intakt anmutende Landschaft mit den Siedlungen gesehen hat, fragt sich, warum viele dieser Flächen versiegelt werden müssen – ausgerechnet für einen „Ökopark“.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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