01.12.2009 · Der Glanz Dubais ist jäh verblasst. Das Übermorgenland von gestern ist zum Sanierungsfall von heute ausgerufen. Doch so peinlich die Bitte um Zahlungsaufschub für Dubai ist, so sehr gilt es, die Relationen im Blick zu behalten. Eine Analyse von Rainer Hermann, Abu Dhabi.
Von Rainer Hermann, Abu DhabiDer Glanz Dubais ist jäh verblasst. Das Übermorgenland von gestern ist zum Sanierungsfall von heute ausgerufen. Heftig war die internationale Reaktion auf die Ankündigung eines Staatskonzerns des Emirats, die Zahlungen ein halbes Jahr lang einzustellen, um Zeit für die Sanierung zu gewinnen. Die Reaktionen zeigen, wie wichtig die Arabische Halbinsel geworden ist. Die Börsen von Tokio bis New York haben in einem Maße reagiert, wie es Dubais Herrscher nicht erwartet haben konnten. Die Erschütterung zeugt aber auch von mangelndem Wissen über diese Region. Die aufstrebenden Ölstaaten wollen zwar in der Weltliga mitspielen, befolgen aber deren Regeln nicht. Entscheidungen fallen ohne Öffentlichkeit und ohne Transparenz.
Weniger dramatisch wirkt die Ankündigung des Zahlungsmoratoriums, wenn sie in den Rahmen der Volkswirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate gestellt wird. Das Emirat Dubai ist eines der sieben Emirate. Die Volkswirtschaft der gesamten Föderation ist doppelt so groß wie ihre Auslandsverschuldung, von der ein Fünftel auf Dubai World entfällt. Verschuldet ist also nicht Staat, sondern nur eine seiner drei Staatsholdings, die Dubai World. Für den Konzern lehnt der Staat bisher eine Haftung ab, unter Hinweis auf entsprechende Verträge. Dubai World hat sich vergaloppiert und muss dringend saniert werden. Das Unternehmen wurde für die Hybris seiner Führung bestraft, die sich mit Immobilien verspekuliert hat: Sie schüttete für viele Milliarden Dollar eine zweite Palmeninsel im Meer auf, für die kein Bedarf besteht. Diese Milliarden sind verloren.
Geld wurde auch in sinnvolle Projekte investiert
Mit dem weitaus größten Teil der Auslandverschuldung wurden jedoch wirtschaftlich sinnvolle Projekte finanziert. Während andere Staaten Schulden aufnehmen, die sie in ihre maroden Sozialversicherungssysteme pumpen, haben in Dubai Konzerne, die dem Staat gehören, eine Schuldenlast angehäuft, der Wertschöpfung gegenübersteht. Der Hafenbetreiber DP World, eine Tochtergesellschaft von Dubai World, kaufte beispielsweise in 30 Staaten der Welt Seehäfen.
So peinlich es für Dubai ist, dass der Konzern um Zahlungsaufschub bittet, so sehr gilt es, die Relationen im Blick zu behalten: Die Summe, um die es in Dubai geht, hatte beispielsweise auch der Pyramidenspekulant Bernard Madoff versenkt. Vergleichbar in Größenordnung und Struktur ist auch der Fall der Daimler AG, die sich einst unter Edzard Reuter angeschickt hatte, ein weltumspannender Technologiekonzern zu werden, und damit einen enormen Schuldenberg anhäufte.
Die Führung liegt jetzt in Abu Dhabi
Dubais Schuldenfall wird sich auf die Volkswirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate nicht auswirken. Denn sie setzt sich zu drei Vierteln aus dem Verkauf von Rohöl und Ölprodukten zusammen. Die Petrodollar werden weiter fließen. Das Öl sprudelt fast ausschließlich im reichen Nachbaremirat Abu Dhabi; dort wird es mindestens hundert Jahre reichen. In diesem Jahr hatte man lange den Eindruck, das reiche Abu Dhabi würde seinem Nachbarn in dem Maße zur Seite springen, wie dieser frische Mittel braucht. Seit vergangener Woche ist klar, dass Abu Dhabi keinen Blankoscheck für hoffnungslose Verlustbringer unterschreibt (siehe Abu Dhabi will Dubai „von Fall zu Fall“ unterstützen ).
Das fügt sich in die Investitionsstrategie des Emirats. Auch bei internationalen Akquisitionen und Beteiligungen prüft Abu Dhabi sehr genau, was in sein Portfolio passt. Nur dafür gibt das Emirat, das kaum ein Vorhaben fremdfinanziert, Geld aus. Gegenüber Dubai handelt es nach denselben kaufmännischen und strategischen Kriterien. Für die Palmeninseln von Nakheel, der siechen Tochtergesellschaft von Dubai World, ist kein Platz. Denn die Diversifizierung Abu Dhabis konzentriert sich auf Industrien wie Chemie, Luftfahrt oder Herstellung von Chips. Mit Abu Dhabis Beitrag zur Rettungsaktion werden Abu Dhabi und Dubai jedoch weiter zusammenwachsen. Auch verkehrstechnisch hat sich die Distanz zwischen den beiden Emiraten mit einer neuen Brücke gerade verkürzt. Die Führung liegt nun aber klar in Abu Dhabi.
Dubai wird nicht unter Wüstensand verschwinden
Auch wenn Dubais Ruf vorerst ramponiert ist, bleibt die mit Krediten und Anleihen finanzierte Infrastruktur bestehen. Wenn sich der Sturm gelegt hat, wird Dubai nicht unter dem Wüstensand verschwinden. Nichts wird Dubai fehlen, wenn die zweite und dritte Palmeninsel nicht gebaut werden, nicht ein noch höherer Turm entsteht und auch nicht der 75 Kilometer lange Lustkanal, der Teile der Wüste in ein Venedig hätte verwandeln sollen. Nach der Konsolidierung wird Dubai in der Weltwirtschaft aber wieder eine Rolle übernehmen.
Erhalten bleibt die hochmoderne Infrastruktur, auch die zentrale Lage zwischen den Kontinenten, die Dubai und seine Nachbarn als Drehkreuz prädestiniert. Stark ist Dubai allerdings auf den internationalen Transport ausgerichtet, mit seinem Containerhafen und dem Heimatflughafen von Emirates Airlines. Da sich der Welthandel aber vermutlich nur langsam von der großen Krise erholt, wird 2010 für Dubais Wirtschaft ein schwieriges Jahr. Umso wichtiger ist es für Dubai, der zweifelnden Welt zu zeigen, dass es die sechs Monate Zahlungsaufschub gut zur Sanierung eines Staatskonzerns nutzt, der sich übernommen hat.
Zelte?
Werner Maaßen (maa_2001)
- 30.11.2009, 17:41 Uhr
Dubai - Der Islam wird "entzaubert"!
pauline mohr (paulinemohr)
- 30.11.2009, 18:17 Uhr
Vorbild Dubai.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 30.11.2009, 19:36 Uhr
Hysterie
Theodor Boerne (zigarrenfreund)
- 30.11.2009, 19:55 Uhr
Die alte Stärke? Mit 60 Milliard. Schulden- und ohne Öl?
pauline mohr (paulinemohr)
- 30.11.2009, 20:50 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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