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Duales System Haut den Grünen Punkt in die Tonne

21.10.2007 ·  Mit der Müllsortier-Disziplin der Deutschen ist es nicht so weit her: In den gelben Tonnen landet vieles ohne Grünen Punkt - von der Plastikgießkanne bis zum Quietscheentchen. Das ist teuer. Aber ohnehin gilt: Das Trennen von Verpackungsmüll ist ökonomisch und ökologisch unsinnig. Von Georg Küffner.

Von Georg Küffner
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Man kann fast die Uhr danach stellen: In regelmäßigen Abständen wird die „richtige“ Handhabe der in Haushalten und Gewerbebetrieben anfallenden Abfälle neu diskutiert, wobei aufkeimende Innovationsfreude sofort wieder durch grundsätzliche Überlegungen eingebremst wird. So ist das „haushaltsnahe Mülltrennen“ längst zu einem Wert an sich und damit zu einem unentbehrlichen Bestandteil unserer Kultur geworden.

Zwar lächelt man im Ausland seit Jahren über den Sortierwahn der Deutschen. Doch solange bei Meinungsumfragen der „sorgsame Umgang mit Müll“ mit deutlichem Abstand vor dem Energiesparen als wichtigster Beitrag zu mehr Umweltschutz genannt wird, trauen sich nur wenige Politiker ernsthaft an dieses Steckenpferd heran. Eine Ausnahme machte jetzt Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, als er dieser Tage mutig vorschlug, das Sammeln und Entsorgen von Verpackungsabfällen über den „Grünen Punkt“ in die Tonne zu hauen - bis er die Brisanz seines Vorschlags erkannte und ihn rasch einem übereifrigen Referenten zuschrieb.

Löchrige Plastikgießkannen, alte Badewannen-Enten

Dabei ist Kritik durchaus angebracht. Vor allem der Umgang mit alten Joghurtbechern und Shampooflaschen läuft seit der Verabschiedung der Verpackungsverordnung 1991 und damit dem straßenbildprägenden Aufkommen von gelben Säcken und Tonnen „suboptimal“. Mehrmals wurde das Regelwerk nachgebessert. Derzeit brüten die Abfallfachleute über der fünften Novellierung. Ende Oktober soll sie den Bundestag passieren und darauf dem Bundesrat zugeleitet werden. Für den Bürger wird sich dadurch nichts ändern. Ziel der Anpassung des Regelwerks ist es vielmehr, das System am Leben zu erhalten. Dazu will man Trittbrettfahrern, die für ihre Verpackungen keine Lizenzgebühren zahlen, und Selbstentsorgern, die vorgeben, die in ihre Geschäfte zurückgebrachten Verpackungen in eigner Regie zu entsorgen, das Handwerk legen. Im Gespräch ist eine Finanzierungslücke von 400 Millionen Euro, die durch das anvisierte Schließen der Schlupflöcher gestopft werden soll.

Für die „Inverkehrbringer“ von Verkaufsverpackungen - und damit für die Verbraucher - wird der Grüne Punkt dadurch teurer. Sonst bleibt alles beim Alten: Vor allem in den Ballungsräumen ist die Sortiermoral miserabel. Bis zu 60 Prozent vom Inhalt der gelben Säcke sind sogenannte Fehlwürfe: etwa Kartoffelschalen und dreckige Putzlappen. In den gelben Säcken finden sich „Nichtverpackungen“, wie löchrige Plastikgießkannen und alte Badewannen-Enten. Die dürfen, obwohl aus Kunststoff, nicht in den gelben Sack, was das Gros deutscher Mülleiferer auch nach über zehn Jahren Grüner Punkt nicht kapiert hat. Die gelben Säcke bleiben nämlich ausschließlich den Altverpackungen vorbehalten.

Die Bürger zahlen doppelt

Der unzulänglichen Sortierdisziplin ist auch zuzuschreiben, dass in den grauen Restmülltonnen beachtliche Mengen Grüner-Punkt-Produkte landen, was die Bürger doppelt teuer kommt: Sie zahlen beim Kauf den Verwertungsaufschlag und dann noch einmal für das Beseitigen des Inhalts der grauen Tonnen. Doch nicht immer ist Disziplinlosigkeit der Grund. Vielmehr spricht der gesunde Menschenverstand dafür, mit Lebensmittelresten kontaminierte Altverpackungen zum Restmüll und nicht in den gelben Sack zu werfen.

Das derzeit praktizierte Sortieren und Aufbereiten alter Kunststoffverpackungen ist nach wie vor die teuerste Option. Rund 1300 Euro kostet es, eine Tonne Kunststoff-Leichtverpackungen zu verwerten, wobei nur ein Bruchteil des Materials überhaupt stofflich zu neuen Kunststoffverpackungen verarbeitet werden kann. Der weitaus größere Teil steht direkt im Wettbewerb zu Rohöl, für das momentan rund 400 Euro je Tonne zu zahlen ist. Auch der Beitrag zur Ressourcenschonung ist minimal. Entspricht doch der je Bundesbürger in einem Jahr eingesammelte „Kunststoffberg“ gerade mal der Brennstoffmenge, mit der ein Mittelklassewagen 100 Kilometer weit kommt.

Ökonomisch und ökologisch überholt

Vieles spricht dafür, dass das Grüne-Punkt-System ökonomisch und ökologisch überholt ist. Grundsätzliche Veränderungen sind demnach überfällig, wobei lokale Besonderheiten durchaus berücksichtigt werden sollten. So kann das separate Erfassen von (Alt-)Kunststoffen in Ortschaften auf der Schwäbischen Alb weiter sinnvoll sein. Anders in Großstädten: Hier sollte man den Bürgern nur noch Mono-Tonnen vor das Haus stellen, in die außer Papier, Glas und Bioabfall alle Reststoffe geworfen werden können. Mit modernen Sortiertechniken lassen sich anschließend die Wertstoffe aus diesem Mischmüll herausholen. Die heute erreichten Verwertungsquoten könnten dadurch leicht vervielfacht werden.

Doch nicht nur effizienter, sondern auch billiger müsste der ganze Spaß werden. Wie beim Entsorgen von Elektro- und Elektronikschrott könnte man das System über einen Fonds finanzieren, in den alle Hersteller und Händler je nach Verpackungsmenge einzahlen. Mit dem Einsammeln, Sortieren und Verwerten werden die Unternehmen betraut, die das günstigste Angebot abgeben. Ob es sich dabei um private oder städtische handelt, sollte keine Rolle spielen.

Quelle: F.A.Z., 20.10.2007, Nr. 244 / Seite 11
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Jahrgang 1947, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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