Home
http://www.faz.net/-gqe-798zo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Drohnen Dem Unternehmen Euro Hawk droht das Aus

Eigentlich sollte die Drohne Euro Hawk zum Jahresende übergeben werden - doch daraus wird nichts. Mit der fehlenden Zulassung der Drohne erledigt sich auch der Geschäftszweck des deutsch-amerikanischen Herstellers Euro Hawk GmbH.

© dpa Schutz vor Kollisionen: Die Aufklärungsdrohne Euro-Hawk erhält für den deutschen Luftraum keine Zulassung

Was hat der Hersteller Cassidian von den Problemen um Euro Hawk gewusst: jene Drohne, die für die Bundeswehr in den nächsten Jahren Aufklärungsflüge übernehmen sollte, aber nicht die Zulassung zum Flug erhalten dürfte? Glaubt man den Aussagen der Verteidigungssparte des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, habe sie keine Kenntnisse davon gehabt. Es gebe Zertifizierungs- und Prüfregeln, die für die Zulassung erforderlich seien, hieß es in der Zentrale in Unterschleißheim. Dafür sei aber nicht die Industrie, sondern das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung zuständig. Der Hersteller habe dann das in Auftrag gegebene Projekt zu diesen Bedingungen zu liefern.

Rüdiger Köhn Folgen:

Doch darauf wird die Bundeswehr lange warten. Das Aufklärungsflugzeug Euro Hawk, das vom Gemeinschaftsunternehmen Euro Hawk GmbH des amerikanischen Rüstungskonzerns Northrop Grumman und von Cassidian geliefert werden soll, erhält keine Zulassung, da es nicht mit einem Kollisionswarnsystem (On-Board-Sense-And-Avoid) ausgestattet ist, wie es in der Luftfahrt erforderlich ist (F.A.Z. vom 14. Mai). Hieraus ist ein politischer Skandal entwachsen. Obwohl das Verteidigungsministerium seit Jahren das gewusst haben soll, führte es das 660 Millionen Euro teure Projekt fort.

Mehr zum Thema

Dem eigens für dieses Projekt 2007 gegründeten Pari-Gemeinschaftsunternehmen droht damit das Aus. Die Geschäftsgrundlage wäre entzogen. Es sollte nicht nur die Drohne entwickeln, sondern auch für die gesamte Nutzungszeit als Generalunternehmer des Verteidigungsministeriums agieren. Die im Januar begonnene, bislang erfolgreich gelaufene Testphase wird im September abgeschlossen sein. Bis Jahresende, so der ursprüngliche Plan, sollte die Drohne übergeben werden, dann weitere vier Stück im Wert von rund 520 Millionen Euro bestellt werden. Doch daraus wird nichts mehr.

Von Cassidian gibt es Stellungnahmen, die Raum für Spekulationen über die Ahnungslosigkeit lassen. „Die Erfahrung zeigt, wie wichtig es ist, vollen Zugang zu allen Technologien und Informationen eines Systems zu haben“, sagt Bernhard Gerwert, Vorstandsvorsitzender von Cassidian. Er scheint darauf anzuspielen, dass der amerikanische Partner angeblich Technologien über bestimmte Teile ihrer bereitgestellten Drohne Global Hawk nicht weitergegeben hat. Die Forderung nach einem vorbehaltlosen Zugangs müsse auch für zukünftige Vorhaben gelten: „Nur wenn Zertifizierungsstandards bereits bei der Entwicklung eines Flugsystems berücksichtigt werden, lassen sich langwierige und kostspielige Nachzertifizierungen vermeiden.“

Cassidian: System könnte in andere Drohnen oder Flugzeuge eingesetzt werden

Gerwert weicht der Frage aus, ob Cassidian Bescheid wusste. Zumindest mussten die Industriepartner sensibilisiert gewesen sein. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, hatte die EADS bereits 2004 in einer Studie darauf hingewiesen, dass während der Startphase auf die Einsatzflughöhe - beim Euro Hawk 18300 Meter, also weit oberhalb der zivilen Flugzonen - eine Kollisionsgefahr bestehe. Gleiches gelte für die Landephase. EADS sei überzeugt gewesen, die Sicherheitsanforderungen mit einem „Sense-And-Avoid“-System erfüllen zu können. Damit dürfte auch Cassidian die Problematik bewusst gewesen sein. Northrop Grumman sei bislang nicht offiziell unterrichtet worden, sagte Tom Vice, Präsident der Sparte Aero Systemss Mitte vergangener Woche. Er hoffe auf einen Dialog, um die Probleme zu lösen.

Keine der gegenwärtig im Einsatz befindlichen Drohnen verfügt über ein Kollisionsschutz-System. Weil es sich um Millitärflugzeuge handelt, herrschen andere Regeln als in der Zivilluftfahrt. Die Global Hawk von Northrop Grumman - auf der die Euro Hawk basiert - wurde in Amerika ohne Kollisionsschutz-System zugelassen. Startet die Drohne und schraubt sie sich in einer engen Spirale in die Höhe, wird der Luftraum für den zivilen Luftverkehr einfach gesperrt. Für die Beteiligten schien es kein Problem zu geben. Das „Musterprüfrahmenprogramm“, wie das im Jargon des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung heißt, sah Kollisionsschutz nicht vor. Die zuständigen Behörden wie Deutsche Flugsicherung und Eurocontrol wiesen indes seit 2009 auf das heikle Thema hin.

Die Aufgabenteilung im Gemeinschaftsunternehmen war klar geregelt. Die Amerikaner hatten die Zuständigkeit für den Euro Hawk als abgewandelte Version ihres Global Hawk. Am Militärflughafen Manching haben sie die Testflüge bestritten. Cassidian war im Projekt mit der Entwicklung des elektronischen Aufklärungssystems mit dem Namen „Sigint“ beauftragt, das Radarstrahlen zur Flugabwehr entdecken soll. Der Rüstungsbereich von EADS erhielt für die Aufgabe vom Bund 250 Millionen Euro.

Das Geld sei ja nicht verschwendet worden, heißt es bei Cassidian. Denn das System könne in andere Drohnen oder Flugzeugen eingesetzt werden. „Die Entwicklung und damit auch die von Cassidian getätigten Investitionen können somit weiterverwendet werden“, sagt Vorstandschef Gerwert. Beispielsweise arbeitet der Hersteller auch an der Entwicklung der Drohne Talarion. Das Projekt steht jedoch nur auf dem Papier und wartet auf einen Auftrag. Beruhigend für alle Beteiligten: Talarion, die auf mittleren Höhen im zivilen Luftraum fliegen soll, verfügt bereits über ein Kollisionschutz-System.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Lustmittel Viagra für Frauen erhält Zulassung

Amerikanische Behörden erlauben den Verkaufsstart der ersten Lustpille für Frauen. Das Medikament soll den Sexualtrieb steigern. Erste Untersuchungen zeigen, wie wirksam es tatsächlich ist. Mehr

19.08.2015, 04:19 Uhr | Gesellschaft
Amazon-Gründer Jeff Bezos Die Drohnen werden kommen

Amazon-Gründer Jeff Bezos verkauft längst nicht mehr nur Bücher. Im Interview spricht er über Drohnen, die NSA und die Arbeitsbedingungen in Deutschland. Mehr Von Roland Lindner

28.08.2015, 11:50 Uhr | Wirtschaft
Statt G36 Bundeswehr ersetzt 1200 Sturmgewehre

Der Abschluss-Bericht zum umstrittenen Heckler&Koch-Sturmgewehr G36 kommt zwar erst in ein paar Monaten – doch schon jetzt tauscht die Bundeswehr die Waffen aus. Mehr

27.08.2015, 21:35 Uhr | Politik
Drohnen Fleißige Bienen im Dienst der Wirtschaft

Sie transportieren Pakete, überwachen Produktionsanlagen oder kontrollieren Erntefelder. Schon heute sind Drohnen fleißige Helfer für die Wirtschaft. Das Unternehmen Microdrones in Siegen produziert solche Flugroboter bereits seit 1999. Mehr

29.07.2015, 12:50 Uhr | Wirtschaft
Flüchtlingscamps Helfer müssen draußen bleiben

In Darmstadt gibt es Kritik an der Abschottung der Flüchtlingscamps. Weder ehrenamtliche Helfer noch Journalisten dürfen sie betreten. Dem Land wird eine rigide Haltung vorgeworfen. Mehr Von Rainer Hain, Darmstadt

01.09.2015, 08:33 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 20.05.2013, 16:40 Uhr

Es geht um die Macht im Lufthansa-Konzern

Von Ulrich Friese

Schon wieder drohen die Piloten der Lufthansa mit Streik. Der Arbeitskampf ist kompliziert, des es geht nicht nur um Löhne und Altersvorsorge. Sondern um die Zukunft des ganzen Unternehmens. Mehr 4

Umfrage

Wolfgang Schäuble will das Betreuungsgeld nicht in die Kitas stecken. Was meinen Sie?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Die Zukunft der Social-Media-Werbung ist mobil

Facebook, Twitter und Co. werden vor allem auf dem Smartphone genutzt. Das zieht die Werbeindustrie an. Mehr 0