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Drohende Ölknappheit Die heikle Meerenge

08.01.2012 ·  Ein Fünftel des globalen Ölexports geht durch die Straße von Hormus. Iran droht mit einer Blockade der Meerenge. Die Lage ist brenzlig, die Weltwirtschaft ist in Gefahr.

Von Winand von Petersdorff
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© NASA Die Straße von Hormus verbindet den Persischen Golf im Westen mit dem Arabischen Meer im Osten. Nördlich liegt Iran, südlich Arabien

2011 war das teuerste Öljahr der Geschichte mit einem Durchschnittspreis von 110 Dollar je Fass Rohöl. Dieses Jahr wird es mindestens genauso schlimm. Diese pessimistische Erwartung ist insofern ungewöhnlich, als in Jahren der globalen Wirtschaftsflaute der Preis für den Rohstoff zu sinken pflegt: Die stagnierende Industrie verbraucht weniger, die Privatleute sparen beim Autofahren und Heizen.

Der hohe Preis hat vor allem mit der Furcht zu tun, dass Öl knapp werden könnte. Die Geologie ist nicht schuld - tief in der Erde schlummern noch immense Reserven. Schuld hat vielmehr die internationale Politik. In gewisser Weise reflektiert der hohe Preis vor allem die Sorge, die Auseinandersetzung zwischen der westlichen Welt und Iran könnte eskalieren. Der Weltmarkt preist den Unsicherheitsfaktor Ahmadineschad ein.

Eine Blockade würde der Westen nicht hinnehmen

Iran - und sein Führer - verdankt einen Teil seines Bedrohungspotentials seiner geografischen Lage. Das Land liegt an der Meerenge von Hormus. Sie ist der neuralgische Punkt der Energieversorgung. An der Meerenge liegen sich Iran und das westlich orientierte Emirat Oman gegenüber.

Durch die Passage transportieren Saudi-Arabien und die Emirate Ölvor allem nach Asien, China und Indien sind große Kunden. Ein Fünftel des globalen Öltransports mit Tankern geht durch das Nadelöhr.

Das aufgerüstete Iran droht nun mit der Blockade der Straße und hat gerade durch ein zehntägiges Manöver seine militärische Tüchtigkeit demonstriert. Das Land reagiert zunächst mit Säbelgerassel auf die Sanktionspolitik der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Eine Blockade würde der Westen nicht hinnehmen: „Es ist in unserer aller Interesse, dass die Arterien des globalen Handels frei bleiben“, ließ der britische Verteidigungsminister jetzt verlauten.

Den Ausfall Europas könnte Iran verschmerzen

Europa und Amerika setzen Iran unter Druck, um zu verhindern, dass das Land zur Nuklearmacht aufsteigt. Das wollen sie mit Sanktionen verhindern. Zu Beginn dieses Jahres hat Washington die Sanktionen verschärft und alle Transaktionen der iranischen Zentralbank mit anderen Ländern unter Bann gestellt.

Gleichzeitig bemühen sich die Vereinigten Staaten, auch asiatische Länder für ihre Embargo-Politik zu gewinnen. Die für Iran wichtigen Ölkunden Japan und Südkorea werden ebenso bearbeitet wie China, das demnächst Besuch vom amerikanischen Finanzminister Timothy Geithner bekommt. Die Geschäfte mit Iran stehen auf der Agenda. Unterdessen bereitet die EU ein Einfuhrverbot für iranisches Öl vor, dass Ende des Monats beschlossen werden könnte, wie jetzt aus Brüssel verlautet.

Den Ausfall Europas als Kunden könnte Iran noch verschmerzen. Es finde sich schon Ersatz, verkündete Teheran unlängst, und mit göttlicher Hilfe habe man schon lange Jahre feindliche Aktionen abgewehrt. Man sei überhaupt nicht besorgt. Doch der Ausfall der asiatischen Großkunden könnte ungleich schwerer zu kompensieren sein.

Der Ton ist rauh in der Region

Die internationalen Ölhändler sind verunsichert. Analysten spielen Schreckensszenarien durch, die Antwort auf eine Frage geben: Wie reagiert ein in die Enge getriebenes Land, dem der Handel mit seinem wichtigsten Exportgut schwer gemacht wird? Denkt die Regierung, nun habe sie nichts mehr zu verlieren?

Im schlimmsten Fall würde Iran tatsächlich die Straße blockieren. Die Hauptbetroffenen wären die ölexportierenden arabischen Emirate, Saudi-Arabien, aber auch der Irak. Dazu käme Qatar, das mit seinen Frachtern vor allem Asien mit Flüssiggas beliefert.

Große Transportalternativen gibt es nicht: Eine Pipeline durch Saudi-Arabien zum Roten Meer hat nur begrenzte Kapazitäten. Das gilt ebenso für das Pipelinesystem, das den Irak mit der Türkei verbindet. Eine dritte Pipeline, mit der die arabischen Emirate die Meerenge einfach umgehen, ist noch nicht ganz fertiggestellt, und iranische Medien haben darauf hingewiesen, dass sie in der Reichweite iranischer Raketen liegt. Der Ton ist rauh in der Region. Eine Möglichkeit wäre es, zumindest einige Frachter zwar durch die Meerenge zu führen, aber näher am Oman entlang durch dessen Hoheitsgewässer. Ein iranischer Angriff würde den treuen Verbündeten der Vereinigten Staaten treffen und wäre deshalb ziemlich riskant.

Auch neue Vorkommen haben einen hohen Preis

Für Brisanz sorgen nicht nur politische Folgen, sondern auch die wirtschaftlichen. Die geopolitische Unsicherheit veranlasst Händler, sich jetzt schon Öl für die Zukunft zu sichern. Das treibt die Preise.

Und führt zu einer für die Weltkonjunktur gefährlichen Mischung: Hoher Ölpreis trifft auf schwächelnde Wirtschaft. Die alte Faustformel lautet: Zehn Dollar Preisanstieg beim Rohöl kosten ein Prozent Wirtschaftswachstum. Für die alten Industrieländer ist die Wachstumsdämpfung vermutlich deutlich schwächer, weil sie in den letzten 20 Jahren energieeffizienter geworden sind. Für das aufstrebende China dagegen, das sein Heil in energieintensiven Produktionsbetrieben gesucht hat, ist ein hoher Ölpreis schwerer zu verkraften, für ärmere Länder ohnehin.

Ein Trost könnte sein, dass mit hohen Ölpreisen die Explorationsanstrengungen steigen. Neue Quellen machen die Weltwirtschaft unabhängiger von der brenzligen Region am Persischen Golf. Doch einen hohen Preis zahlt man auch hier. Die neuen Vorkommen sind entweder schwer zugänglich, die Förderung ist mit Risiken für die Umwelt verbunden (Beispiel ist die Havarie der Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko) oder mit großen Eingriffen in die Natur. Das gilt für die Förderung von Ölsanden und Ölschiefer in Kanada.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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