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Drei Jahre nach Fukushima : Japan auf dem Weg zurück zur Kernkraft

Lange geprüft: Die japanische Atomanlage Sendai darf wieder ans Netz. Bild: AP

Die ersten beiden Atomreaktoren werden von der Aufsicht für sicher erklärt und dürften im Herbst ans Netz gehen. Die Mehrheit der Japaner lehnt den Neustart zwar ab, nimmt ihn aber hin.

          Die japanischen Energieunternehmen haben die entscheidende Hürde für einen Neustart von Atomkraftwerken in dem ostasiatischen Land geschafft. Nach Sicherheitsüberprüfungen, die fast ein Jahr lang dauerten, hat die japanische Atomaufsichtsbehörde NRA am Mittwoch die ersten zwei der abgeschalteten Atomreaktoren Japans für sicher erklärt und damit die von der Regierung gewollte Rückkehr zur Kernkraft möglich gemacht.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die NRA veröffentlichte einen 420-seitigen Bericht, in dem sie begründet, warum die Anlage Sendai auf der südwestlichen japanischen Hauptinsel Kyushu sicher genug sei, um wieder ans Netz zu gehen. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung die Sicherheitsanforderungen für Atomkraftwerke verschärft. Seitdem liegen der Atomaufsicht Anträge für 19 Reaktoren vor, wieder ans Netz gehen zu dürfen. Wegen der Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011 sind derzeit alle 48 kommerziellen Atomreaktoren in Japan vom Netz genommen.

          Der Neustart der Reaktoren in Sendai dürfte dennoch nicht vor dem Herbst erfolgen. Sowohl die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe, der als energischer Befürworter der Atomkraft gilt, als auch die Betreiberfirma Kyushu Electric Power haben bereits zugesichert, die Bevölkerung und örtliche Behörden in eine Entscheidung über das Hochfahren der Anlage einzubinden. Dies könnte mehrere Monate dauern, es wird aber nicht damit gerechnet, dass ein Neustart an lokalem Widerspruch scheitert.

          Atomkraft trug vor 2011 knapp 30 Prozent zur Stromerzeugung bei

          Für Japan dürfte dieser Sommer damit der erste Sommer sein, in dem alle Atomkraftwerke abgeschaltet sind. Wegen des heißen Sommers, in dem der Stromverbrauch wegen der Klimaanlagen besonders hoch ist, rechnet die Regierung daher mit steigenden Kosten für Gas- und Ölimporte, mit denen die Energielücke geschlossen wird. Atomkraft trug in Japan vor 2011 knapp 30 Prozent zur Stromerzeugung bei, in Kyushu waren es sogar 50 Prozent. Auch wegen der Kosten der Energieimporte, die Japans Handelsbilanz seit Frühjahr 2011 tief in die roten Zahlen drücken, dringt Regierungschef Abe darauf, die Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen zu lassen. Die beiden Reaktoren in Sendai dürften allein aber kaum für spürbare Entlastung der Handelsbilanz sorgen.

          Atomkraftgegner protestieren
          Atomkraftgegner protestieren : Bild: AP

          Während der im Internet übertragenen, öffentlichen Sitzung der Regulierungsbehörde protestierten einige Atomkraftgegner in Tokio gegen die Entscheidung und riefen: „Schämt euch!“ Auch vor der Anlage in Sendai gab es nach Berichten örtlicher Medien Proteste. Kabinettsminister Yoshihide Suga zeigte sich in Tokio zufrieden mit der Entscheidung der Atomaufsicht. Er bekräftigte das Bekenntnis der Regierung, Japan zurück zur Atomkraft zu führen. Umfragen zeigen allerdings, dass die Bevölkerung der Atomkraft wegen der Katastrophe in Fukushima weiterhin skeptisch gegenübersteht. Eine Mehrheit lehnt den Neustart der Atomkraftwerke ab. Anders als in Europa gibt es aber keine politische Bewegung, die mit dem Ruf „Atomkraft, nein danke“ bei Wahlen Erfolg hätte. In der Regierung wird deswegen auch nicht mit spürbarem politischen Widerstand gegen ihre Entscheidungen gerechnet.

          Die Reaktoren in Sendai waren schon einige Zeit im Gespräch als erste Kandidaten für die Rückkehr Japans zur Atomkraft. Zweifel der NRA an der Sicherheit bei Erdbeben und Tsunamis hat die Betreiberfirma mit umfangreichen Baumaßnahmen ausräumen können. Damit erfüllt die Anlage Sicherheitsanforderungen, die nach Ansicht der japanischen Regierung zu den strengsten der Welt gehören. Die Standards waren zum Juli 2013 drastisch verschärft worden – und die NRA hat sich sowohl durch ihre Prüfungen als auch durch ihre kritische Begleitung der Aufräumungsarbeiten bei den havarierten Atomreaktoren den Ruf als wirklich unabhängige Aufsichtsbehörde erworben.

          Für Regierungschef Abe ist die Entscheidung der NRA ein Erfolg. Er hat im April durchgesetzt, dass Japan gut drei Jahre nach der Katastrophe in Fukushima weiter auf Atomkraft setzt. Kernkraftwerke sollen demnach auch in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung Japans spielen. Seine Entscheidung, den Atomausstieg der Vorgängerregierung rückgängig zu machen, ist in Japan zwar nicht populär. Die Auswirkungen der Havarie im Kraftwerk Fukushima Daiichi sind bislang aber auf die Region Fukushima beschränkt geblieben. Auch deswegen spielt die Frage, Atomkraft ja oder nein, in der politischen Debatte Japans nicht dieselbe Rolle wie in Deutschland.

          Quelle: F.A.Z.

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