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Drama um alte Synagoge: Steinherz

Steinherz

Von Jan Grossarth
Foto: Jan Grossarth

08.12.2017 · Die Synagoge schmückt das Dorf, aber bleibt den Leuten fremd. Das Schönste, was der Häusermarkt hergibt, will hier niemand kaufen. Eine Suche nach dem Wert der Traurigkeit.

Grafik: F.A.Z. / stepmap

I n der Nacht zum Samstag probt in der Gaststätte „Zur Linde“ der Gesangsverein. Er hat den oberen Saal gemietet. Parterre bespielen vier ältere Herren die Kegelbahn. Im Restaurant serviert der Wirt wortkarg frittiertes Hähnchen und Kümmelschnaps. Die Nacht zum Samstag, das wäre vor neunzig Jahren der Schabbat-Beginn gewesen hier in Ober-Seemen im hessischen Wetteraukreis, jedenfalls für einen großen Teil der Bevölkerung. Noch vor 80 Jahren feierten die Letzten hier Schabbat, direkt in der Nachbarschaft der „Linde“. Seit genau 78 Jahren begeht hier niemand mehr den Schabbes, seitdem die jüdische Familie Schuster ins Todeslager reisen musste.

Heute, im November 2017, ist die Geschichte der Juden hier vergessen. Man kann aber die Spuren suchen und aufspüren, was verlorengegangen ist. Die Geschichte fehlt, weil all die Kinder und Enkel und Urenkel von denen, die hier dreihundert Jahre dazugehörten, niemals geboren wurden. Die Namen der Familien Strauss und Frank, Oppenheimer und Zimmermann, Goldschmidt und Rosenthal, Kahnlein, Bing, Jonassohn, Adler, Stern, Schuster – sie findet man heute nur noch auf den Grabsteinen des jüdischen Friedhofs, der geduldig über dem Dorf wacht.

Ein Relikt dieser Vergangenheit ist die alte Synagoge. Von der Gaststätte „Zur Linde“ läuft man wenige Schritte dahin. Hinter dem kleinen Backhaus, wo bis in die Nachkriegsjahre das Dorf seine Brote buk, steht sie. Die Synagoge ist das Schönste, was das Dorf zu bieten hat. Die Mauern aus Schiefer enthalten orientalische Sandstein-Ornamente: ein Feigen-Ornament über der Tür, eine Tora-Tafel mit den hebräischen Zehn Geboten schließt am Giebel ab. Die Synagoge steht hier seit weniger als 120 Jahren, aber sie wirkt so, als stünde sie seit einer Ewigkeit.

Video: Grossarth / F.A.Z.

Zu schön, um wertvoll zu sein – jedenfalls ist sie unverkäuflich. Ihr Besitzer, ein Psychologe im Ruhestand aus der Nähe, bietet sie seit Jahren an. Der Preis ist nicht höher als derjenige renovierter Wohnhäuser in dieser Gegend: 298.000 Euro. Viele Makler haben getan, was sie konnten. Jetzt steht das ungeliebte Objekt auf den Seiten der Immobilienfirmen Schwendt & Rauschel Immobilien und der IAD, Immobilien Agentur Deutschland. Einen ernsthaften Interessenten gab es bisher: einen Harley-Davidson-Club.

Die Gaststätte „Zur Linde“ ist der Startpunkt der Suche nach den Gründen. An diesem November-Schabbat sitzen an einem Tisch im Gasthaus zwei jüngere Männer und ein alter, mit Kümmelschnaps und Bier. Als ich sage, dass ich hier sei wegen der unverkäuflichen Synagoge, fällt ihnen dazu das eine oder andere ein. Dem einen Jungen fällt ein: „Ich wollt darin nicht wohne’, in dem Judde’haus, am Ende zündet mir das einer an.“ Dem anderen Jungen fällt nichts ein. Der Alte, Mitte siebzig, mag das Thema nicht. „Hört doch auf damit, hört doch auf mit den alten Geschichten“, sagt er. Vielmehr schreit er.

Der Wirt sagt wenig. Doch plötzlich öffnet sich der Himmel, und ein Lichtstrahl leuchtet aus den dunklen Wolken der Geschichte. Der Vater des Wirtes, Jahrgang 1931, setzt sich zu uns an den Tisch. Er ist, so stellt sich heraus, einer von nur noch zwei Männern im Dorf, die sich an die jüdischen Nachbarn erinnern. Bis 1939 lebten sie hier und beteten in der Synagoge. Fast zweihundert jüdische Bürger gab es im Dorf gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, knapp ein Fünftel der Einwohner von Ober-Seemen. 1939 war es noch die Familie Schuster. Und Heinrich Schmidt, der Senior-Wirt, er kannte sie.

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  • Foto: Rainer Wohlfahrt

So will er gern erzählen: Er hatte einen Freund, das war der kleine Werner Schuster. Sie waren gleich alt. Werner lebte im Haus auf der anderen Straßenseite. Er war ein blonder Junge, der aussah wie ein Heinrich, und man machte keinen Unterschied, und sie spielten Verstecken und hüteten die Rinder auf der Weide, und Heinrich saß bei Werner in der Stube und aß köstliche Brote, und die Eltern buken im Backhaus gemeinsam Brote, und Werners Eltern buken am Freitag die Schabbat-Brote. Heinrich Schmidt erinnert sich noch daran, dass sie „gut“ waren, „sehr gut“, „besonders“ – aber an mehr auch nicht. Nicht einmal, ob sie süß oder salzig gewesen seien, die Schabbat-Brote, denn er sei alt.

Heinrich Schmidt, der alte Wirt, ist der letzte Mann aus dem Dorf, der einen jüdischen Freund hatte. Er erinnert sich auch, wie sich die Familie Schuster versteckt hielt auf dem Dachboden der „Linde“, wenn die SA-Schergen aus dem Nachbarort kamen und jüdische Frauen, Kinder und Männer auf offener Straße schlugen und folterten. In Gedern, dem Nachbarort, gab es solche Hetzjagden auf der Straße unter dem Beifall von Hunderten Bürgern.

In Ober-Seemen war Werner auch das letzte jüdische Kind in der Volksschule, und die anderen durften nicht mehr mit ihm spielen in den Pausen. In der „Linde“ versteckte sich Familie Schuster: Betty und Margot, die beiden großen Schwestern, der kleinere Werner, sein Bruder Friedel. An einem Morgen waren sie weg. Man kann auf den Seiten des Bundesarchivs recherchieren, was mit Werner Schuster geschah: Werner, geboren am 20. Oktober 1930 in Ober-Seemen, flüchtete demnach mit seiner Familie 1939 in die Niederlande. Dort wurden sie im Februar 1943 gefangen genommen und in das NS-Vernichtungslager Sobibor in das von Deutschland besetzte Polen gebracht, wo Werner am 5. März im Alter von zwölf Jahren von Todeslagerbürokraten „für tot erklärt“ wurde.

Video: Grossarth / F.A.Z.

„Ist Werner noch Ihr Freund?“, frage ich. „Ja, aber er ist tot“, sagt der alte Mann. Seine Stimme stockt.

Statt eine späte Träne zu weinen, erklärt er: „Ehrlich waren die Juden. Kaufleute. Sie hatten Geld, aber sie hatten es deswegen, weil sie ehrlich waren. Man kauft nur bei ehrlichen Kaufleuten.“ Er will gern mehr Gutes sagen, aber er sucht nach den Wörtern, die aus den Gesprächen lange verschwunden sind: Rabbiner, Tora, Synagoge. Ihm fallen immer nur Priester, Bibeln, Kirchen ein. Der ältere, alkoholisierte Gast ruft dazwischen: „Ruhe, Heinrich, hör auf zu reden! Der soll dir doch Geld geben, wenn er was wissen will!“ Am nächsten Morgen grüßt er mich auf der Straße mit einem merkwürdigen Arm-Reflex und: „Heil unserem Führer!“

Das Dorf selbst wirkt etwas verstockt, so als seien viele Leute auf dem Rückzug, oder als sei der Rückzug die Haltung zum Leben. Mühen wurden auf Abschottung verwendet: Im Kern alte Fachwerkhäuser sind häufig an den Seiten mit Schindeln verkleidet worden, weiß, beige gestrichen. Relikte aus den 1950er Jahren. Seither nagt der Wind nicht an der Substanz. Ladenräume stehen leer, es gibt auch sanierungsbedürftige Häuser für wenige zehntausend Euro. Wo früher Juden wohnten, sind türkische Familien eingezogen. Es gibt mehr Todesfälle als Zuzug, auch deshalb sind viele Häuser schwer verkäuflich.

Die Synagoge ging kurz vor Kriegsbeginn für ein paar Mark an die Gemeinde, wurde dann erst ein Kriegsgefangenenlager, ein Standesamt, eine Lederfabrik, Grundschule, dann ein Seminarzentrum für Psycho-Kurse. Ihr jetziger Besitzer schmückte sie im spirituellen Geist des „New Age“ in den 1980er Jahren mit neuen bunten Fenstern mit fernöstlichen Jasminblüten-Symbolen. Über viele Jahrzehnte war die Synagoge im Dorf ein Nicht-Thema, ein Nicht-Ort. Sie war dann eben das Standesamt oder die Fabrik oder die Herberge für verrückte Psycho-Gruppen. Man kann sich vorstellen, wie die Erinnerungen verlorengingen.

Video: Grossarth / F.A.Z.

Im Dorf gibt es aber doch einen Mann, der etwas weiß über die fast dreihundertjährige jüdische Geschichte dieses Ortes – der sich Wissen angeeignet hat und neugierig wurde. Der Mann heißt Hans-Joachim Jung, ist Mitte sechzig und Baugutachter. Und auch seine Tochter Yvonne Reeker ist historisch interessiert. Die beiden gewannen mit ihrem Ingenieurbüro eine Ausschreibung für die Sanierung des Judenfriedhofs im Jahr 2003. Sie kamen dadurch mit den Nachkommen einer aus Ober-Seemen geflüchteten Familie aus Israel in Kontakt, besuchten sie auch dort. Seitdem sammeln sie Wissen über diese Vergangenheit, die sie nicht kaltlässt.

Die Tafel der Gefallenen des Ersten Weltkrieges am Brunnenplatz Foto: Jan Grossarth

Als er ein Schüler war, das war Mitte der 1950er Jahre, wurde Hans-Joachim Jung in der alten Synagoge unterrichtet. Die Kinder lernten etwas über Steinzeitsiedlungen und Gesteinskunde des Vogelsbergs. Sie lernten aber nichts über die jüngste Vergangenheit, auch nicht des Schulgebäudes. Dabei lag es erst gut 15 Jahre zurück, dass der Rabbiner mit den letzten Juden hier noch einmal Gottesdienst feierte, dass Benno Bing als letzter Jude im Februar 1935 hier zu Grabe getragen wurde, dass sein Vater Berthold und Lion Levy als Gefallene des Ersten Weltkriegs bis heute auf Eisen und Stein am Brunnenplatz geehrt werden.

Man kann mit Herrn Jung und seiner Tochter durch das Dorf spazieren, und sie kennen jedes Haus, in dem früher Juden wohnten, ehe sie enteignet wurden. Das war ein Großteil des alten Ortskerns. „Die alten Leute haben auch später nie darüber gesprochen“, sagt Jung. „Das war für uns wie ein Thema, das hundert Jahre zurückliegt.“ Und seine Tochter sagt: „Man sprach über die Zeit der Juden wie über die Zeit der Dinosaurier. Das Thema Judentum ist bis heute keines im Dorf, auch in meiner Generation, da redet niemand drüber.“ Daher gingen die beiden auf Spurensuche.

Video: Grossarth / F.A.Z.

Über das Ende der Juden hier weiß man viel: Theresienstadt und Sobibor, Auschwitz und in einige Fällen Südafrika, Amerika, Palästina. Was zum blinden Fleck wurde, ist das Leben der Juden. Es gibt einen Mann, der ist 93 Jahre alt. Heinrich Wagner hatte zwar keine jüdischen Freunde, aber er hat Erinnerungen an das jüdische Leben. „Sie hatten fast alle Läden“, erzählt Wagner: „Metzgereien, Bäckereien, Schumacher, Handelsläden. Das Dorf war voller kleiner Läden. Ich erinnere mich auch an die Synagoge, der Platz davor war voll am Sonntag.“ Er meint: Samstag. Er hat ein altes Fotoalbum gefunden, mit Aufnahmen von Ober-Seemen aus den 1920er Jahren. Hier sei der eine oder andere jüdische Nachbar zu sehen. Er erinnert sich an Namen: etwa Siegfried Strauss, der ein Motorrad hatte. Er erklärt, Hitler habe ein Verbrechen begangen. Aber ihm fällt es schwer, den Verlust zu betrauern.

  • Foto: Archiv
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Es gibt einen Zeitungsartikel, der die feierliche Eröffnung der Synagoge im August 1901 beschreibt. Da steht: „Herr Rabbiner Dr. Hirschfeld ging in seiner Rede von dem Vers (Pasuk) des 122. Psalms aus: ‚Ich freute mich über die, die zu mir sagten, lasst uns zum Haus des Herrn gehen‛, und schloss dieselbe mit einem Gebet auf den Landesfürsten, worauf vom Chor das Halleluja vorgetragen wurde.“ Der Bericht endet mit dem Wunsch: „Möge das neue Gotteshaus lange Jahre eine Stätte des Friedens und der Eintracht und ein Gotteshaus im wahrsten Sinne des Wortes sein und bleiben.“

Genau vierzig Jahre nach dem zwangsweisen Verkauf des Synagogengebäudes an die Gemeinde Ober-Seemen kaufte sie der jetzige Inhaber. An einem sonnigen weißen Sonntag im Dezember 1978 fuhr der junge Psychologe Werner Gross mit seinem roten VW Passat auf das Dorf zu, hinein, „um die Ecke, und ich habe gewusst, ich kauf das“. Sie war ein Schnäppchen, erzählt er: 45.000 Mark kostete die Synagoge. „Sie hat mir optisch gefallen, sie sieht sehr interessant aus, zum Beispiel die Tora-Tafeln an der Fassade.“ Infolge des Kaufes befasste er sich auch mit dem Judentum. Er sagt, er habe dazu ein „ambivalentes Verhältnis, insbesondere zu Israel“. Genauer: „Diese Gebrochenheit, diesen Hintersinn, den finde ich den spannenden Teil dabei. Ich habe immer ein Herz für Ketzer gehabt.“ Aber an den Harley-Club wollte er nicht verkaufen. Das Haus solle würdig genutzt werden. Gross sagt, er habe Zeit, bis ein Käufer komme.

  • Foto: Jan Grossarth
  • Foto: Jan Grossarth
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Oben am Fußweg zu den Friedhöfen steht die evangelische Kirche. Der Pfarrer und seine Frau arbeiten im Garten, sie schneiden einen Rosenstrauch klein. Ich erzähle von der Synagoge und dem „Heil unserem Führer“, mit dem ich begrüßt wurde. „Ja, wen wundert das schon in Zeiten wie diesen“, sagt der Pfarrer.

Oben liegt der jüdische Friedhof, dessen größter Teil von einer Hecke verdeckt ist. Die Gräber sind aus Sandstein, sie tragen hebräische Inschriften. Jüdische Gräber sollen bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes erhalten bleiben. Die Toten liegen so, dass sie bei der Auferstehung nach Jerusalem blicken. Noch weiter oben liegt der christliche Friedhof. Der ist jedem zugänglich. Die Steine sind hier aus glänzendem Marmor, und die meisten Gräber zeigen zum Dorf und zu der Kirche hin. Die toten Christen und Juden schauen ein wenig, aber nicht ganz aneinander vorbei. Die Christen haben es hier schöner, die toten Christen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 08.12.2017 10:35 Uhr