Der Minister schwitzt. Die Tropfen rinnen in schneller Folge den Nacken hinunter. Er fährt sich mit seiner grünen Bundeswehrkappe durchs Gesicht. Es ist nicht das magere Ergebnis des Nachhaltigkeitsgipfels oder die eigensinnige brasilianische Verhandlungsführung, die Dirk Niebel so sehr in Wallung bringt. Es ist das Winterwetter in Rio: 23 Grad, 86 Prozent Luftfeuchtigkeit, Nieselregen.
Vergittert wie ein Hochsicherheitskorridor
Der Weg führt steil bergauf. Während im 30 Kilometer entfernten Konferenzzentrum Riocentro letzte Vorbereitungen für die offizielle Eröffnung der Nachhaltigkeitskonferenz der Vereinten Nationen getroffen werden, kontrolliert der freidemokratische Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, ob das Geld der deutschen Steuerzahler korrekt ausgegeben wird. Niebel besucht eine Favela, eine Armensiedlung ganz oben am Hang. Der Aufzug fasst 30 Personen, die Stahlbrücke zu der Armensieldung hoch über Rios Reichenviertel Ipanema ist vergittert wie ein Hochsicherheitskorridor. Sie entlässt die Besucher in einen schmalen Betonweg, der sich zwischen ärmlichen Behausungen aus roten Hohlblockziegeln und Betonstrukturen verzweigt, die sich am Hang stapeln.
Ein paar Hühner gackern, ein dreibeiniger Hund schaut desinteressiert, Kinder kichern, Bauarbeiter stellen das Hämmern ein, Straßenarbeiter das Asphaltieren, als die deutsche Delegation passiert. 1,4 Millionen Menschen leben in Rio in solchen Favelas, wird später Ricardo Henriques von der Stadtverwaltung Rios berichten. Fachkundige raten, einige besser nicht zu besuchen. Rund die Hälfte der 600 Armenviertel sei inzwischen so befriedet, dass kriminelle Banden und Drogenhändler dort nicht mehr das Sagen hätten. Cantagalo mit seinen laut offizieller Zählung 10.000 Bewohnern gehört dazu.
Zurückerobert von den Drogenbanden
Vor zehn Jahren ist die Polizei hier einmarschiert, wenige Tage später kamen die Sozialarbeiter. Beide sind geblieben, die Polizisten, die in ihren schwarzen Uniformen und schusssicheren Westen Wache schieben. Sozialarbeiterinnen wie Faviola, Livia und Antonia in ihren weißen Hemdchen und dem blau-grau aufgestickten Zeichen „UPP Social“. Der Aufzug ist vor drei Jahren hinzugekommen. Jetzt fällt es den Leuten leichter, unten in der reichen Stadt legal ein paar Real zu verdienen, ihre Kinder in bessere Schulen zu schicken oder die ganz Kleinen in den evangelischen Kindergarten.
Bei der Rückeroberung von Cantagalo hat Rio die Hilfe der Vereinten Nationen genutzt, genauer gesagt deren Programm für das Wohnungs- und Siedlungswesen (UN Habitat). Dort arbeiten Leute wie Erik Vittrup, die in die verwahrlosten Siedlungen wieder ein Stück bürgerliche Ordnung bringen. Sie verstehen sich als Mittler zwischen Bewohnern und Kommunalverwaltung. Heute funktioniert die Schule wieder, der Müll wird in großen roten Boxen gesammelt, die teils zweimal täglich abgefahren werden. Das hilft gegen Ratten und anderes Ungeziefer.
Schwarze Brandreste
Für Projekte wie dieses gibt das deutsche Entwicklungshilfeministerium im Jahr 200 Millionen Euro aus. Stadtentwicklung sei eben auch Entwicklungshilfe, sagt Niebel. Es fällt ihm nicht schwer, in Cantagalo den Bogen zu Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Armutsbekämpfung, den drei Hauptthemen der Rio+20-Konferenz, zu schlagen. Nachhaltigkeit sei nicht nur eine Frage der Versorgung durch erneuerbare Energie. Es gehe auch um Bildung, um Stromversorgung, Wasser- und Abwasser, das Trennen und Beseitigen von Müll.
An einer Hausecke an einem kleinen Platz sind schwarze Brandreste zu erkennen. Es sei nicht lange her, dass Drogenbanden in solchen Nischen Menschen in drei, vier aufeinandergestapelten Autoreifen bei lebendigem Leibe verbrannt hätten, berichtet eine Frau mit Ortskenntnis. Autoreifen seien zur Einschüchterung an vielen Ecken gestapelt gewesen.Dergleichen ist nicht mehr zu sehen.
Diesmal kein Teppich-Kauf
Der Blick schweift von den grünen Hängen des geschützten atlantischen Regenwalds hinunter bis zum palmenbesäumten weißen Strand. Auf der Küstenstraße staut sich der Verkehr, Jogger drehen ihre Runden. Da unten liegt das vornehme Windsor Atlantica, in dem sich Bundestagsabgeordnete und Vertreter der Umweltgruppen am Morgen bei einem Frühstück mit der Regierungsdelegation bitterlich über das schwache Ergebnis der Rio+20-Verhandlungen und fehlenden Enthusiasmus der brasilianischen Konferenzleitung beklagt haben. Die Brasilianer hätten das „ziemlich rabiat durchgezogen“, hatte sich einer beschwert.
Vielleicht hat Niebel daran gedacht, als sich um die Ecke ein Trupp Kinder und Jugendlicher aus dem Viertel aufstellt. Sie tragen weiße T-Shirts. Vor ihnen steht Daniel Pla und fuchtelt mit den Armen herum. Pla ist im Hauptberuf Professor für Marketing an einer der Universitäten Rios. Heute ist er als einer der Freiwilligen aus Ipanema hier, die helfen, das Armenviertel wieder auf die Beine zu stellen. Den Kindern bringt er Englisch bei. Den Minister hat Pla vorher gebeten, sie nach ihren Namen zu fragen und zu sagen, es sei schön, sie zu treffen. Niebel tut, wie aufgetragen. „Nice to meet you too“, antworten die Kinder im Chor.
Zurück im gut gekühlten Windsor Atlantic muss sich Niebel wieder mit den Widrigkeiten des Politikeralltags herumschlagen. Aus Berlin kommt die Nachricht, dass der Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele eine Sondersitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums beantragt hat, in der Ungereimtheiten übe den Transport eines von Niebel in Afghanistan erstandenen Teppichs durch den Bundesnachrichtendienst hinterfragt werden sollen. Der Minister, der nach dem Ende der Rio-Konferenz noch einen Besuch in Paraguay plant, wird an einer Sitzung an diesem Freitag kaum teilnehmen können. Einen Teppich hat er in der Favela auch nicht erstanden.
Schade, einen Teppich-Verkauf um 1000 EUR hätte
Martha Strinz (martha.strinz)
- 23.06.2012, 01:30 Uhr