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Direkte Geldmengenausweitung Zinspolitik an der Null-Linie

09.05.2009 ·  Es ist eine Illusion zu glauben, die Zentralbank könne mit ihrer Geldpolitik jedes gewünschte wirtschaftliche Ergebnis herbeizaubern. Sie kann dabei helfen, Finanzsystem und Wirtschaft zu stabilisieren, mehr nicht. Die Japaner können davon berichten.

Von Stefan Ruhkamp
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Die Europäische Zentralbank hat nach längerem Abwägen ein neues Kapitel in ihrer Geldpolitik aufgeschlagen. Sie ist nun auch auf den Kurs der direkten Geldmengenausweitung eingeschwenkt. Zu Recht hat sie sich für den Kauf von Anleihen und für längere Laufzeiten in der Bankenfinanzierung entschieden. Das drückt die langfristigen Zinsen und stabilisiert die Kreditversorgung.

Die Verteidiger der reinen Stabilitätslehre werden einwenden, dass damit der Pfad zur Inflation gepflastert ist. Denn die neuen Instrumente der EZB sind geeignet, die Geldmenge gefährlich rasch auszuweiten, dies kann zum Treibstoff für eine spätere Teuerung werden. Doch im Moment ist die Verfassung des Finanzsystems und der Wirtschaft derart schlecht, dass die Zentralbank noch viel größere Risiken einginge, verließe sie sich allein auf ihren Leitzins. Die Stimmungsindikatoren haben sich zwar jüngst etwas aufgehellt, auch die Auftragslage der Industrie stabilisiert sich. Vorerst bedeutet dies aber nur, dass sich das Tempo, in dem die Wirtschaft schrumpft, abgeschwächt hat. Im besten Fall wird sie sich gegen Ende des Jahres allmählich erholen. Auch das ist angesichts des noch nicht wieder voll funktionsfähigen Banken- und Finanzsystems zunächst nicht mehr als eine eine Hoffnung.

Es könnte schlimmer kommen. Noch sind die Veränderungsraten der Teuerung nicht negativ. Die Preise liegen im Durchschnitt heute höher als vor einem Jahr. Doch im Sommer dürften sich die Vorzeichen für einige Monate umkehren. Dann besteht die Gefahr, dass sich die Erwartung fallender Preise festsetzt. So gering dieses Risiko einer Deflation aus heutiger Sicht sein mag, die Zentralbank muss vorbeugen. Denn wenn die Deflation die Wirtschaft erst im Griff hat, ist das viel schwieriger zu bekämpfen als eine Inflation.

Über den Zins lässt sich kaum noch gegensteuern

Über den Zins lässt sich kaum noch gegensteuern. Gerade hat die EZB ihren Leitzins auf ein Prozent reduziert, und die Null rückt als natürliche Grenze immer näher. Dort sind die Notenbanken in Amerika, Japan und Großbritannien schon angelangt. Die EZB neigt dazu, früher anzuhalten, um die Anreize auf dem Geldmarkt nicht zu verderben. Sie muss also - will sie ihre Bewegungsfreiheit bewahren - der Spur der anderen Notenbanken folgen, die schon Anleihen aufkaufen, um ihren Einfluss auf die langfristigen Zinsen zu behalten.

Bisher hat sich die EZB in der Finanzkrise mit ihrem eigenen Ansatz gar nicht schlecht geschlagen. Vielleicht hätten die Zinssenkungen im vergangenen Jahr früher einsetzen müssen. Aber die konsequente Stützung des Bankensystems durch die Zufuhr nahezu unbegrenzter Liquidität hat den Zusammenbruch im vergangenen Herbst verhindert. Der Erfolg der weiteren Stabilisierung lässt sich auch an den sinkenden Risikoprämien und den relativ geringen Finanzierungskosten der Banken ablesen.

Mit all ihren Stabilisierungshilfen hat die Europäische Zentralbank konsequent auf das Bankensystem gezielt und nicht wie Amerikaner und Briten den Umweg über den Kapitalmarkt gemacht. Der nun beschlossene Ankauf von europäischen Pfandbriefen - das sind mit Immobilienkrediten und Staatskrediten besicherte Anleihen der Banken - ist eine Kehrtwende und passt trotzdem zum bisherigen auf die Banken zielenden Konzept. Andere Notenbanken kaufen auch Unternehmens- und Staatsanleihen. Doch das hat große Nachteile. Der Kauf von Staatsanleihen weckt den Verdacht, dass die Notenbank die Schuldenorgie des Staates direkt finanzieren will. Und die Unternehmen finanzieren sich in Europa nun einmal vor allem über Bankenkredite und nicht über eigene Anleihen.

Das Pfandbrief-Programm hat mit etwa 60 Milliarden Euro, im Vergleich zur Größe der Euro-Wirtschaft und zu den Programmen der Briten und Amerikaner, eine eher homöopathische Dosis. Wirksam ist es dennoch, schon allein weil die EZB signalisiert, dass sie in der Wahl ihrer Waffen flexibel und damit auch auf eine Verschärfung der Krise vorbereitet ist. Das Volumen solcher Programme lässt sich mit einem Federstrich erhöhen. Die EZB besitzt Instrumente, um die entstehenden Inflationsrisiken zu beherrschen. Und bisher gibt es auch keinen Grund, an ihrem Willen zu zweifeln, die Geldschwemme damit rechtzeitig wieder einzudämmen.

Zu warnen sei vor der Illusion, die Zentralbank könne mit ihrer Geldpolitik jedes gewünschte wirtschaftliche Ergebnis herbeizaubern. Sie kann dabei helfen, Finanzsystem und Wirtschaft zu stabilisieren, mehr nicht. Die Rekapitalisierung der maroden Banken kann letztlich nur mit staatlicher Hilfe geleistet werden. Unterbleibt eine ehrliche Bestandsaufnahme und werden die Verluste der Banken in den Bilanzen versteckt, droht ein langes Siechtum. Die Japaner können davon berichten. Selbst jahrelange Nullzinspolitik und immer wiederkehrende Interventionen auf den Zinsmärkten haben die Deflation dort nicht beendet. Die Genesung setzte erst ein, als das Bankensystem wieder rekapitalisiert war und aus eigener Kraft arbeitete. Europa und Amerika haben sich in diese Richtung aufgemacht. Aber die Reparaturarbeiten stehen erst am Anfang.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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