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Schluss mit Schneckentempo : Eine Supercloud soll die Schulen digitalisieren

Den Kopf in den Wolken: Angela Merkel Bild: dpa

Die Union schlägt in ihrem Wahlprogramm eine „Bildungscloud“ vor. Damit sollen ausgerechnet die rückständigen deutsche Schulen in der Digitalisierung Maßstäbe setzen. Ist das realistisch? Ein Kommentar.

          „Wir unterstützen die Schaffung einer innovativen neuen Bildungscloud, mit der wir über Deutschland hinaus neue Maßstäbe setzen werden.“ So steht es im Programm von CDU und CSU für die Bundestagswahl am 24. September. Da wird, wer sich schon länger mit dem Thema Digitalisierung in den Schulen beschäftigt, doch etwas skeptisch: Deutsche Schulen sollen in der Digitalisierung internationale Maßstäbe setzen? Das hört sich nach einem verwegenen Versprechen an. Seit Jahren geht es nur im Schneckentempo vorwärts; die deutschen Schulen hinken im Vergleich mit anderen Ländern hinterher.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Um das zu ändern, hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) im vergangenen Jahr Milliarden zur Finanzierung der technischen Infrastruktur angekündigt. Die werden vor der Wahl freilich nicht mehr beschlossen werden, manche Beobachter befürchten sogar, die geplante Summe von 5 Milliarden Euro könnte gekürzt werden.

          In dieser Phase der Unsicherheit kann der Bund auf ein Großprojekt in seinem Auftrag verweisen, an dem schon gewerkelt wird: die Bildungscloud. Das renommierte Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam entwickelt und testet sie mit 26 Schulen.

          Supercloud über ganz Deutschland

          Keine Frage: Die Bereitstellung von IT-Diensten wie Datenspeicherung, Rechenleistung und Software über ein übergeordnetes Netzwerk („Cloud“) ist sinnvoll, wenn die Schulen beim Lernen mit digitalen Medien vorankommen sollen. Lehrer und Schüler können sich einfach und überall mit Datenwolken verbinden und Inhalte über Endgeräte ihrer Wahl abrufen. Alle möglichen Inhalte können in der Cloud gespeichert werden.

          Denn in der digitalen Welt können Schüler mit viel mehr Materialien lernen als bisher, von Online-Kursen über Videos bis zu Internetseiten. Das können auch offene und freie Materialien sein, die von Lehrern und Schülern weiterverarbeitet werden. Der ideale Ort für solche Aktivitäten ist eine allgemein zugängliche digitale Wolke.

          Ein weiterer Vorteil: Schulen mit Zugang zur Cloud brauchen keine Computer, die gewartet werden müssen; sie müssen keine Netzwerke installieren, konfigurieren und administrieren. Das alles spart Kosten und vor allem Nerven. Und die Lehrer müssen sich, wenn sie digitales Lehrmaterial einsetzen, nicht mehr mit Fragen des Urheberrechts herumschlagen.

          Clouds schaffen Ordnung in der digitalen Lernwelt. Die Lehrer, von denen sich viele im Unterrichten mit digitalen Medien (noch) nicht auskennen, dürften einige Hoffnungen in sie setzen. Auch Fachleute des digitalen Lernens befürworten Clouds. Dem zentralen Ansatz einer Art Supercloud über ganz Deutschland, wie sie das Bundesbildungsministerium plant und in der irgendwann ein großer Teil des Bildungslebens stattfinden, registriert und gesteuert werden soll, begegnen sie jedoch mit Skepsis. Sie plädieren stattdessen für regionale und lokale Plattformen, die klug miteinander verbunden werden. Denn ein zentrales System hat große Nachteile. So bedarf es einer ständigen Abstimmung mit und zwischen den Bundesländern, was viel Bürokratie verursacht. Die wiederum dürfte verhindern, dass auf den digitalen Wandel schnell genug reagiert werden kann.

          Über zwei Jahre 1,3 Millionen Euro ausgeben

          Lehrer dürften es außerdem schätzen, auch auf Materialien anderer Cloudanbieter zugreifen zu können, wenn diese passender sind. Ohnehin belebt Konkurrenz das Geschäft: Sie regt die Kreativität derjenigen an, welche die Materialien entwickeln. Man stelle sich außerdem vor, alle verließen sich auf das zentrale Vorhaben, und andere Cloud-Projekte würden eingestampft. Doch was ist, wenn sich in ein paar Jahren zeigt, dass die zentrale Plattform nicht gelingt oder von schlechter Qualität ist? Oder wenn es länger dauert? Dann fiele Deutschland weiter zurück.

          Derzeit wird freilich auch an regionalen Clouds gearbeitet. In Nordrhein-Westfalen wird im neuen Schuljahr die Plattform „Logineo“ in Betrieb genommen, in Rheinland-Pfalz will man eine Cloud entwickeln und dafür über zwei Jahre 1,3 Millionen Euro ausgeben. Einige Fachleute monieren, die Landesclouds unterschieden sich kaum von der Bundescloud. Wenn aber Bund und Länder nebeneinander- und nicht zusammenarbeiten, wird Geld verschwendet.

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          Ein zentralistisches Cloud-Großprojekt verleitet außerdem zu starken Visionen, und die entpuppen sich in der Bildung oft als Illusionen. Die Wissenschaftler des HPI träumen schon von einer umfassenden Bildungscloud, die alle Aus- und Fortbildungsinhalte, die es gibt, umfasst. Man sollte in ihr ein persönliches Lernprofil anlegen können, das sämtliche Ausbildungsschritte von der Schulzeit an registriert. Dieses Lernprofil würde dann zum individuellen Lebenslauf, das über die persönlichen Fähigkeiten und Kenntnisse Auskunft erteilt.

          Doch: Wem sollte denn Auskunft erteilt werden? Und: Ein solcher Lebenslauf könnte ja auch Fehlleistungen, Irr- und Umwege beinhalten. Die sind im Leben zwar ganz normal, gehen aber andere in der Regel nichts an. Das lenkt den Blick auf einen sehr wichtigen Punkt: Datensouveränität ist in allen Clouds, ob regional oder zentral, ein sensibler Punkt. Sie muss unbedingt sichergestellt werden.

          Quelle: F.A.Z.

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