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Informatiker dringend gesucht : So verpassen die Hochschulen den digitalen Fortschritt

In Schulen ist Latein nach Spanisch und Französisch die beliebteste Wahl-Fremdsprache. Und auch an den Universitäten ist die „ausgestorbene Sprache“ nach wie vor beliebt – sagen Studenten in Bamberg. Bild: dpa

Zwar entscheiden sich immer mehr Studenten für die Informatik, aber die Hochschulen sind schlecht vorbereitet. Ein neuer Länder-Vergleich zeigt, wo es besonders schlecht läuft.

          Für den Weg ins digitale Zeitalter brauchen Unternehmen und Verwaltungen dringend mehr Informatiker. Insofern ist es zunächst eine gute Nachricht, dass die Zahl der Studienanfänger im Fach Informatik steigt. Allerdings lässt in vielen Bundesländern der Fortschritt in den Hochschulen auf sich warten – es gibt kaum zusätzliche Professoren und Lehrkräfte für Informatik. Das zeigen neue Auswertungen des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft. Die Analyse unter dem Titel „Ländercheck Informatik“ liegt der F.A.Z. vorab vor.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Insgesamt hat sich die Zahl der jungen Menschen, die ein Informatikstudium beginnen, in fünf Jahren um fast 20 Prozent erhöht – von 28.000 auf 33.400 im Wintersemester 2016/17. In Sachsen, Berlin und Niedersachsen gab es sogar Anstiege um mehr als 40 Prozent. Die Personalausstattung der Hochschulen, die auch für guten Studienerfolg bedeutsam ist, hält damit aber nicht Schritt: Die Zahl hauptberuflicher Informatikprofessoren stieg im gleichen Zeitraum nur um gut 8 Prozent auf 2.652 Professoren an.

          Bei näherem Hinsehen wird daraus sogar eine Negativbilanz. Denn Personalaufbau gab es angesichts insgesamt steigender Studentenzahlen auch in anderen Fächern – der Anteil der Informatiker am gesamten wissenschaftlichen Personal ist aber trotz Digitalisierung nicht gestiegen. Informatikprofessoren machten zuletzt, wie schon fünf Jahre zuvor, 5,7 Prozent der gesamten Professorenschaft aus. Zählt man das übrige wissenschaftliche Personal mit, sank der Anteil der Informatiker von 4 auf 3,8 Prozent.

          „Die Anstrengungen der letzten fünf Jahre reichen nicht aus“

          Der Stifterverband für die Wissenschaft, der von namhaften Unternehmen und Stiftungen getragen wird, sieht hierin ein Alarmzeichen für ein Land, das eine technologische Spitzenposition behaupten will, um seinen Wohlstand zu sichern. „Die Anstrengungen der letzten fünf Jahre reichen bei weitem nicht aus“, warnt der stellvertretende Generalsekretär des Verbands, Volker Meyer-Guckel. „Statt Stagnation brauchen wir mehr wissenschaftliches Personal und Bildungsangebote – und vor allem müssen wir die Zahl der Absolventen in der Informatik weiter deutlich erhöhen“, fordert er.

          Hinter dem schleppenden Personalaufbau steht auch das Knappheitsproblem auf dem Arbeitsmarkt: Wo Unternehmen mit hohen Gehältern um Informatiker buhlen, wird es umso schwieriger, Nachwuchswissenschaftler an den Hochschulen zu halten. Allerdings könnten Politik und Hochschulen „auch selbst noch einiges beitragen, um die akademische Tätigkeit künftig attraktiver zu machen“, sagt Studienautor Mathias Winde.

          Immerhin zeigt der Vergleich gerade in dieser Hinsicht große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. So haben es Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Hessen im betrachteten Fünfjahreszeitraum geschafft, das Informatik-Personal an ihren Hochschulen um mehr als 20 Prozent aufzustocken. Auch Bayern und Sachsen schafften mehr als das Doppelte der durchschnittlichen Steigerung um 8 Prozent. In den übrigen Ost-Ländern ist die Zahl der Wissenschaftler im Fach Informatik dagegen sogar gesunken. Auch Baden-Württemberg fällt mit plus 5,6Prozent etwas ab – wofür sich laut Stifterverband aber mildernde Umstände finden lassen: Das „Ländle“ hatte schon zu Beginn des Jahrzehnts stark in seine Informatikstudiengänge investiert, daher seien die Steigerungsraten nun geringer.

          In einer Gesamtbetrachtung der geprüften Indikatoren sehen die Studienautoren neben Sachsen, dem Saarland und Schleswig-Holstein auch Hessen recht gut auf den digitalen Wandel eingestellt: Seine Hochschulen zogen in den vergangenen Jahren viele Studienanfänger und Wissenschaftler an. Ein Grund für Punktabzüge allerdings: Ein Informatikprofessor in Hessen hat rechnerisch immer noch 81 Studenten zu betreuen, das ist etwas mehr als der Durchschnittswert aller 16 Länder. Dagegen liegen Thüringen, Hamburg und Niedersachsen insgesamt weit hinten. Beispiel Hamburg: Zwar habe die Hansestadt eine große IT-Szene, in ihren Hochschulen spiegele sich das aber kaum. Informatiker machten dort, trotz Stellenaufbaus in jüngerer Zeit, nur 2,7Prozent des Personals aus. Für Thüringen fällt das Urteil noch schlechter aus – neben sinkenden Studenten- und Professorenzahlen gebe es einen Mangel an Diversität: Der Frauenanteil im Fach Informatik liege unter dem ohnehin niedrigen Durchschnitt von 20 Prozent; zudem gebe es wenig internationalen Austausch. Spitzenreiter ist Thüringen nur in einer Hinsicht: Zuletzt kamen nur noch 35 Studenten auf einen Informatikprofessor. Am anderen Ende dieser Skala steht Nordrhein-Westfalen: Dort betreut rechnerisch jeder Informatikprofessor 153 Studenten.

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