Home
http://www.faz.net/-gqe-7370e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

„Digitale Demenz“ Analoge Ignoranz spielt mit den Ängsten der Menschen

Der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer warnt in seinem Buch vor „digitaler Demenz“. Seine Thesen: Computer machen süchtig, einsam und dumm. Doch die Argumente des Autors sind fadenscheinig. Ein Standpunkt von Dieter Kempf.

© dpa Vergrößern Ein Spiel mit der analogen Angst: Fernsehen und Computer sind für Kinder schädlich, sagt Hirnforscher Spitzer.

Man braucht es nicht, und trotzdem wird es wie verrückt gekauft. Was ist das? Ganz einfach: ein Heimcomputer.“ So hat im Oktober 1984 die „Stiftung Warentest“ einen Bericht überschrieben. Und kam zu dem Schluss: „Wer auf die elektronische Aufrüstung seines Heimes verzichtet, büßt keine Lebensqualität ein.“ Heute, fast 30 Jahre später, wissen wir es besser. Mehr als drei Viertel der Deutschen sind im Internet unterwegs, der Computer gehört zur Standardausstattung der meisten Haushalte, und Smartphones begleiten uns in vielen Lebenssituationen. Trotzdem wird wieder über den Nutzen von PCs gestritten. Der Computer wird zur Droge erklärt, die Millionen in die Spielsucht treibt, das Internet zu einem Krankheitserreger, der dumm macht. Der Hirnforscher Manfred Spitzer warnt vor „digitaler Demenz“.

Manfred Spitzer © dpa Vergrößern Der Ulmer Psychiater, Hirnforscher und Buchautor Manfred Spitzer

Aber: Hilft analoge Ignoranz wirklich weiter, um Handlungsbedarf zu erkennen und Korrekturen dort einzuleiten, wo sie notwendig sind? Spitzer scheint bewusst mit den Ängsten der Menschen zu spielen, vor allem der Eltern. Seine Thesen sind ein Stakkato des Schreckens: Erstens machen Computer süchtig und einsam. Zweitens machen Computer dumm. Und deshalb - drittens - sollten Kinder vom Computer ferngehalten werden. Stattdessen empfiehlt Spitzer Fingerspiele. Dabei kann es im Jahr 2012 nicht mehr ernsthaft um die Frage gehen, Computer ja oder nein. Die Antwort kann nur lauten: Computer ja, aber bitte richtig.

1. Die Trennung zwischen virtueller und realer Welt existiert für viele Kinder überhaupt nicht - sie leben in einer digital-analogen Realität

Wie jede neue Technologie haben auch die digitalen Innovationen Schattenseiten, etwa exzessives Spielen oder Cybermobbing. Aber das sind die Ausnahmen, nicht die Regel. Die aktuelle Studie „EXIF - Exzessive Internetnutzung in Familien“, die vom Bundesfamilienministerium beauftragt wurde, kommt zum Ergebnis, dass es derzeit nicht einmal eine einheitliche Diagnose für Computer- oder Internetabhängigkeit gibt, geschweige denn verlässliche Zahlen.

Wir wissen aus unseren Umfragen, dass gerade einmal 3 Prozent der Jugendlichen, die älter als 14 Jahre sind, mehr als vier Stunden je Tag am Computer spielen. Das sind unzweifelhaft 3 Prozent zu viel, aber es ist eben kein Massenphänomen. Gleichzeitig machen 59 Prozent Denk- und Strategiespiele am Computer, 18 Prozent nutzen ihn zur Weiterbildung oder zum Sprachentraining.

Mehr zum Thema

Macht das Internet einsam und unglücklich? Die Behauptung allein wird bei vielen Menschen auf Zustimmung stoßen, spiegelt sie doch das Unbehagen zahlreicher Eltern über die Computer- und Internetnutzung ihrer Kinder. Kaum zurück aus der Schule, fangen sie an zu chatten. Spitzer belegt dieses Bauchgefühl vermeintlich wissenschaftlich fundiert mit Hinweis auf eine nicht näher bezeichnete amerikanische Studie, nach der Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren in den Vereinigten Staaten täglich sieben Stunden online seien, aber nur zwei Stunden reale Kontakte hätten.

Solche Zahlen widersprechen in einem Maß jeder persönlichen Beobachtung und Plausibilität, dass man sich von Spitzer etwas mehr wissenschaftliche Distanz von solchen Pseudo-Belegen wünschen darf. Anders die methodisch saubere EXIF-Studie, wonach 96 Prozent der jugendlichen Nutzer von sozialen Netzwerken ihre Internet-Kontakte auch real kennen. Das Internet ermöglicht und verstärkt soziale Interaktion, es verhindert sie nicht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studie zum Computerwissen Wir vergeuden das Potential einer ganzen Schülergeneration

Eine internationale Studie über das Computerwissen von Zwölf- bis Dreizehnjährigen sorgt bei FAZ.NET für Diskussion. Studienleiterin Birgit Eickelmann antwortet auf die wichtigsten Punkte. Mehr

21.11.2014, 16:34 Uhr | Feuilleton
Studie zum Computerwissen Ein Drittel der deutschen Achtklässler ist abgehängt

Mädchen kennen sich in der achten Klasse deutlich besser mit Computern aus als Jungen, stellt eine Studie fest. Bei fast einem Drittel der Jugendlichen ist das Wissen so schwach, dass sie es später einmal schwer haben werden. Mehr Von Fridtjof Küchemann

20.11.2014, 14:27 Uhr | Feuilleton
Alterung der Gesellschaft Es ist Zeit, über die Rente mit 83 nachzudenken

Deutschland vergreist. Was für ein Fortschritt. Denn die Alten von heute sind gesund, mobil und lernfähig. Sie könnten Bäume ausreißen, wenn man sie nur ließe. Mehr Von Winand von Petersdorff

26.11.2014, 14:55 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.10.2012, 10:24 Uhr

Der Mythos vom prekären Arbeitsmarkt

Von Sven Astheimer

Zum ersten Mal sind mehr als 43 Millionen Menschen in Deutschland beschäftigt. Vor allem viele normale Arbeitsplätze hat der Aufschwung geschaffen - allen Warnern zum Trotz. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Mehr 7 6


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Wo Gemeinden die meisten Steuern einnehmen

Die Städte und Gemeinden in Ostdeutschland haben zwar weniger Schulden als die im Westen, doch ihre Steuerkraft ist noch immer deutlich niedriger. Unsere Grafik zeigt, wo Kommunen viele Steuern einnehmen. Mehr