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Smartphone-Sucht : Das gehackte Gehirn

Sommer, Sonne, Smartphone: Auch im Urlaub hat jeder sein Handy immer dabei. Bild: obs

Machen Handys und soziale Netzwerke süchtig? Forscher schlagen Alarm und ziehen Vergleiche zu Nikotin und Alkohol. Selbst Apple will seine Kunden vor der Sucht bewahren.

          Manchmal bekämpft man Feuer mit Feuer, und manchmal Technik mit Technik. Apple geht mit der kommenden Version seines Betriebssystem iOS daran, der sogenannten Handy-Sucht das Handy entgegenzusetzen – wird der amerikanischen IT-Konzern seine Software doch mit Features ausstatten, die Nutzern helfen sollen, die Zeit, die sie beim Surfen im Internet, mit Video- oder App-Spielen verbringen, besser als bislang zu managen.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit der Markteinführung in der zweiten Jahreshälfte wird Apple das iOS 12 auf Hunderte Millionen Handys in aller Welt spielen. Mit den neuen Funktionen könnten fast schon krankhafte Zwänge von mittlerweile Millionen Menschen vorgebeugt werden, ständig auf ihre Handys zu sehen, aller paar Minuten ihre Accounts auf den sozialen Netzwerken zu checken und eigentlich wildfremden Menschen persönlichste Daten anzuvertrauen.

          Psychologen und Neurologen, aber auch Aktionäre und Aktivisten machen schon lange darauf aufmerksam, dass Handys nicht nur die harmlosen technischen Alleskönner sind, als die sie erscheinen. Vielmehr schaffen sie auch Abhängigkeiten, die mit übermäßigen Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht zu vergleichen sind. In Teilen der Forschung wird das Smartphones bereits als Droge dargestellt. Und das ist eine Gefahr vor allem für Jugendliche.

          Was passiert im Gehirn?

          In Korea gelten eine Viertelmillion Menschen als internetsüchtig, in Japan eine Million, in China zehn Millionen. In Amerika verfügen 95 Prozent aller Jugendlichen über ein Smartphone, die Hälfte davon ist permanent im Internet, ergab jüngst eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts PEW. Nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 270.000 junge Leute betroffen. Sie gehen ins Netz und kommen dort einfach nicht wieder heraus. Das hat Folgen für Geist und Körper, erklären Christian Montag und Martin Reuter.

          Die beiden deutschen Psychologen hatten 2015 ihr Buch „Internet Addiction“ veröffentlicht. Darin schreiben sie, dass es mittlerweile eine „Nomophobie“ geben – das sind Ängste, die sich einstellen, wenn Nutzer eines sozialen Netzwerkes fürchteten, nicht mehr online zu sein. „Digitalen Medien haben uns fest im Griff. Mediziner und Psychologen sprechen von Internetsucht. Was aber passiert bei diesem Krankheitsbild im Gehirn?“

          Montag und Reuter entdeckte schon im Jahr 2012 winzige Sucht-Spuren in den Genen von permanenten Internetnutzern. Eine Pionierarbeit. Im Juli 2017 hatten Neurologen um Aviad Hadar von der Ben-Gurion Universität in Israel festgestellt, dass die intensive Nutzung eines Smartphones nicht nur das soziale Verhalten vieler Menschen ändern und ihre Fähigkeit wie etwa Kopfrechnen verringern könne. Es sei auch in der Lage, die Erregbarkeit des sogenannten präfrontalen Kortex zu reduzieren. Dieser Teil des Gehirns empfängt sensorische Signale, wandelt Gedächtnisinhalte in emotionale Bewertung um und ist wichtig für die Persönlichkeitsstruktur.

          Schwächen menschlicher Psyche

          Kurz darauf trat der koreanische Neuroradiologe Hyung Suk Seo von der Korea University vor der Radiologischen Gesellschaft von Nordamerika auf, stellte eine Studie vor, in der er mit schweren aber feinen Geräten in die Gehirne internetaffiner Menschen geblickt hatte. Dort sah er, dass im Chemiehaushalt seiner Probanden einiges nicht stimmte. Er stieß vermehrt auf Substanzen, die Depressionen, Angstzustände oder Süchte auslösen, Wahrnehmungen manipulieren und Gefühle beeinflussen können.

          Kurz zuvor hatte Sean Parker, Gründungspräsident von Facebook, erklärt, die Macher der Netzwerke wussten alle, was sie taten, als sie ihre Geschäftsmodelle aus der Taufe hoben: Gezielt nutzten sie Schwächen der menschlichen Psyche, sie wollten Abhängigkeiten schaffen. Justin Rosenstein, ein Facebook- und Google-Veteran, verglich Internetdienste wie Snapchat schon mal mit Heroin. Der einstige Google-Programmierer Tristan Harris sagte: „Gedanken kann man hacken. Unsere Entscheidungen sind nicht so frei, wie wir denken.“

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