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Tim Berners-Lee : Der Vater, das Internet und seine Problemkinder

Tim Berners-Lee (63) Bild: Reuters

Das World Wide Web ist das Lebenswerk von Tim Berners-Lee. Der Netzpionier sieht es in Gefahr: Eine Handvoll globaler Konzerne würden das für Freiheit, Wissen und Demokratie geschaffene Netz monopolisieren. Der „Vaters des Internets“ sieht sich auf einem Feldzug.

          Tim Berners-Lee wird häufig als der „Vater des Internets“ bezeichnet. So gesehen sind die heutigen digitalen Riesen wie Apple, Amazon, Facebook und Google wohl die flegelhaften Problemkinder des britischen Informatikers. Die Art und Weise, wie die Konzerne aus dem Silicon Valley das Internet zum Milliardengeschäft gemacht und im Netz einen von wenigen Unternehmen dominierten neuen Datenkapitalismus geschaffen haben, lässt den mittlerweile 63 Jahre alten Berners-Lee nicht ruhen. Dass sich das Internet in vielerlei Hinsicht ganz anders entwickelt hat als er es sich einst erhofft hat – das ist die Tragik dieses Pioniers. Das Netz stehe „auf der Kippe“, warnte er diese Woche.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Berners-Lee hat vor drei Jahrzehnten mit bahnbrechenden Innovationen wie etwa dem ersten Webbrowser oder der Internet-Sprache HTML den Aufstieg des Internets zum Massenmedium möglich gemacht. Aber er sah seine Erfindungen eigentlich als ein Vehikel zur Völkerverständigung, zur Verbreitung von Wissen und Demokratie. Der Wissenschaftler, der heute als Professor an der englischen Universität Oxford und am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitet, ist ein Idealist. Er hat nie Patente auf seine Arbeiten angemeldet, obwohl die ihn vermutlich schwerreich gemacht hätten.

          Diese Woche startete Berners-Lee eine neue Offensive in seinem Feldzug für das „gute“ Internet – ein Netz, das seine Nutzer nicht manipuliert, überwacht und durch das Abgreifen ihrer Daten ausbeutet, das keine hermetischen Informationsblasen erzeugt, in denen Hass, Lügen und Ressentiments geschürt werden. Auf einer Digitalkonferenz in Lissabon warb Berners-Lee für seinen „Vertrag für das Netz“.

          Eine „Magna Carta“ für das Netz

          Die Erwartungshaltung ist groß: Das bislang nur aus wenigen und sehr allgemein gehaltenen Regeln bestehende Manifest wird bereits als „Magna Carta“ für das Netz bezeichnet. „Das Netz wurde geschaffen um Leute zusammen zu bringen und Wissen frei verfügbar zu machen“, heißt es darin. Sogar Facebook und Google unterstützen den von Berners-Lee vorgeschlagenen „Vertrag“ – und dies, obwohl dieser sich erst vergangene Woche dafür ausgesprochen hat, die Internetriesen zu zerschlagen, wenn ihrer derzeitigen Dominanz anders nicht Herr zu werden sei.

          Was aus dem neuen Vorstoß wird, und ob die Internetverfassung, die Berners-Lee vorschwebt, wirkliche Relevanz bekommt, ist derzeit kaum abschätzbar. Er hat angekündigt, die bisher nur vage formulierten Regeln sollen in Gesprächen mit Unternehmen und Regierungen konkreter ausformuliert werden. Bisher dagegen beschränkt sich das Postulat auf pauschale Gebote – etwa, dass Unternehmen „die Privatsphäre und persönlichen Daten der Konsumenten respektieren“ sollen. Auf Regierungsseite hat sich bisher nur Frankreich hinter das Projekt gestellt.

          Unübersehbar ist allerdings, dass sich für Amerikas digitale Weltkonzerne der Wind gedreht hat. Ein entscheidender Wendepunkt war der Datenskandal um Cambridge Analytica. Das dubiose Politikberatungshaus hatte unberechtigt persönliche Daten von Facebook-Nutzern für digitale Kampagnen im amerikanischen Wahlkampf genutzt. Der Skandal hat die Macht der Konzerne greifbar gemacht. Immer mehr Nutzern wird bewusst, dass sie für vermeintlich kostenlose digitale Dienstleistungen in Wahrheit durch die Preisgabe ihrer persönlichen Daten bezahlen. Große Teile dieser gewaltigen Datensammlungen wiederum werden von einer kleinen Anzahl von Unternehmen kontrolliert. Das ursprünglich dezentral angelegte Internet wird zunehmend von wenigen Türhütern dominiert.

          Ein radikaler Ansatz

          Berners-Lee hat die wachsende Machtkonzentration im Netz früh erkannt – und wurde dadurch ein zweites Mal zum Pionier. Schon im Jahr 2009 gründete er seine World Wide Web Foundation, die sich für ein offenes, freies und allgemein zugängliches Internet einsetzt. Die Organisation ist jetzt auch die Plattform für den von Berners-Lee propagierte Internetverfassung. Ein weiteres Langfristprojekt des Wissenschaftlers ist „Solid“ (Social Linked Data). Es ist der Versuch, eine Art digitale Konterrevolution zu starten: Das Netz soll wieder dezentralisiert werden, indem den einzelnen Nutzern die Kontrolle über ihre Daten zurückgegeben wird – ein radikaler Ansatz, der weit von der heutigen Realität entfernt ist.

          Aber Berners-Lee glaubt auch weiter an die Selbstheilungskräfte des Internets: Bevor der Staat sich daran mache, die Technologieriesen zu zerschlagen, solle man besser abwarten, ob der Markt nicht neue „disruptive“ Konkurrenzunternehmen hervorbringe, die deren Vormacht brechen könnten, empfiehlt er. Trotz aller Enttäuschungen bleibt der Vater des Internets ein Optimist. Wer auf die Homepage seines Solid-Projekts geht, stößt auf ein programmatisches Zitat von ihm: „Das Netz, wie ich es mir vorgestellt habe, haben wir bisher nicht gesehen. Die Zukunft ist immer noch so viel größer als die Vergangenheit.“

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