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FAZ.NET exklusiv : Deutsches Logistik-Start-up erhält 20 Millionen Dollar

Containerschiff im Hafen von Southhampton Bild: Reuters

Das Berliner Unternehmen Freighthub will den Warenverkehr digitalisieren. Dafür gibt es nun frisches Kapital. Für Investoren ist dieser Markt gerade ganz besonders interessant.

          Wenn ein Händler oder eine Händlerin heute Ware aus Schanghai nach Hannover verschiffen will und dafür einen Container braucht, kann es schon ein wenig dauern, bis alle Formalitäten geklärt sind. Mit Frachtpapieren, den notwendigen Genehmigungen für den Zoll oder der Transportversicherung fällt viel Papierkram an. Doch schon viel früher kann es haken.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Das zumindest hat Ferry Heilemann erlebt, als er vor zwei Jahren eine Bestellung aufgeben wollte. „Als wir bei einem Spediteur anriefen, mussten wir erst einmal 20 Minuten warten, bis wir den richtigen Gesprächspartner dran hatten, anschließend hat es 3 Tage gedauert, bis wir ein PDF-Angebot erhalten haben. Das hat uns so schockiert, dass wir schlussendlich beschlossen haben, selbst was zu tun.“

          Keine eigenen Vermögenswerte

          Also hat Heilemann mit seinem Bruder und ein paar Freunden kurzerhand selbst das Start-up Freighthub gegründet, das eben jene Logistikschritte digitalisieren möchte, die heute noch vielfach auf Papier und in Ordner abgeheftet werden. Nach vier Monaten haben sie die ersten Container verschickt, im Juli 2016 war das. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 80 Mitarbeiter und beliefert rund 650 Kunden in der Luft, auf der Schiene oder im Wasser, darunter Onlinehändler wie Home24 und Lesara oder Mittelständler wie den Heizungshersteller Viessmann und den Küchenproduzenten Franke. Genauso wie die amerikanischen Start-ups Airbnb oder Uber baut Freighthub sein komplettes Geschäft ohne eigene Vermögenswerte auf. Das Unternehmen hat also weder Schiffe noch Lagerhallen oder Container.

          Die Freighthub-Gründer Michael Wax, Ferry Heilemann und Erik Muttersbach

          Ein Geschäftsmodell, das Investoren offenbar reizt: Denn Freighthub hat gerade eine Finanzierungsrunde von 20 Millionen Dollar abgeschlossen, wie FAZ.NET exklusiv erfuhr. Hauptinvestor ist der Risikokapitalgeber Northzone, der auch einer der ersten Finanziers des Streamingdienstes Spotify war. Seit der Gründung hat Freighthub damit 23 Millionen Dollar Kapital erhalten. Vor allem die Bestandsinvestoren haben abermals Geld in das Start-up gesteckt, außerdem das Family Office der indischen Unternehmerfamilie Mittal.

          Als Investor selbst gut vernetzt

          Zugute gekommen ist Heilemann, dass er als Partner des Investors Earlybird in der Szene gut vernetzt ist. Bevor er Freighthub gründete, war er Chef des Gutschein-Portals Daily Deal, das er gemeinsam mit seinem Bruder 2011 an Google verkaufte. „Wir kennen viele potentielle Investoren und entsprechend stehen uns einige Türen offen – durchlaufen müssen wir mit unserem Geschäft natürlich trotzdem“, sagt Heilemann.

          Die Gründer bewegen sich in einem für Investoren gerade besonders interessanten Markt. Elf Milliarden Euro sind in den letzten zehn Jahren in die Finanzierung von Logistik-Start-ups geflossen, haben die Berater von Oliver Wyman berechnet. Auch für Freighthub ist die Konkurrenz groß: Im Schnitt wird alle fünf Tage ein neues Logistik-Start-up gegründet. Den größten amerikanischen Konkurrenten Flexport gibt es seit vier Jahren, das Start-up aus San Francisco hat bislang 94 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt.

          Auch DHL hat eine Logistik-Plattform

          Die jungen Unternehmen drängen in einen unübersichtlichen Markt, in dem auch die Großen erkannt haben, dass sie sich anpassen müssen. Die DHL etwa hat mit Saloodo eine eigene Logistik-Plattform gegründet, auf der auch Wettbewerber Aufträge anbieten können. Davon gibt es genug: Allein in Deutschland sind 15.000 Speditionen gelistet. In der Logistik arbeiten hierzulande 3 Millionen Menschen, die Branche erwirtschaftet in Deutschland 250 Milliarden Euro im Jahr. Für Freighthub-Chef Heilemann ist das aber kein Grund zur Sorge: „In der Logistik gehört Deutschland zu den Weltmarktführern. Hier kommen die wichtigsten Speditionen her, da haben wir einen Vorteil gegenüber dem Silicon Valley.“

          Außerdem ist der Markt stark fragmentiert: Unternehmen wie Kühne&Nagel oder die DHL machen zwar Milliardenumsätze, aber die größten zehn Unternehmen in Deutschland in diesem Bereich decken weniger als 40 Prozent des Marktes ab. Heilemann sieht darin eine große Chance: „Die Situation erleichtert es einem jungen Unternehmen einzusteigen. Wir müssen nicht wie im Online-Bücherhandel gegen einen einzigen Riesen antreten, dem der Markt gehört.“

          Zusammenarbeit wird wichtiger

          Innerhalb der Speditionen gibt es indes nicht nur Konkurrenz, sondern auch Austausch. Freighthub kooperiert etwa mit dem ebenfalls deutschen Start-up Instafreight, das Logistik auf der Straße koordiniert und zum Universum der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet gehört. Nach Ansicht der Berater von Oliver Wyman wird Zusammenarbeit für die Wirtschaftskraft der Logistik zunehmend wichtiger: „Der Austausch mit deutschen Logistikunternehmen findet bisher, wenn überhaupt, nur sehr zögerlich statt. Das kann langfristig zu einem Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland werden“, sagt Max-Alexander Borreck von Oliver Wyman.

          Mit dem frischen Kapital will Freighthub nun mehr Mitarbeiter einstellen, darunter vor allem Techniker und Entwickler. Außerdem sollen neben dem Büro in Hamburg auch in den Vereinigten Staaten und Asien weitere Standorte eröffnen, um näher an den Häfen und Kunden zu sein.

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